Orpheus ohne

Avy Gdańsk für #kkl10 „der nächste Schritt“




Orpheus ohne

Suna hatte es verdient, dass der Tag ihr in die Augen stach, und so senkte sie ihre Lider nicht gegen die Sonne und nahm es auf sich, wie das kalte Licht sie inspizierte, als sie Lyra aus seinem Gehege hob.

Sie spürte sein zittriges Herz auf den Armen und erinnerte sich, dass es Hände gab. Suna, die werdende Wunde schon auf den Fingern, streichelte Lyras Fell mit verzweifelter Zärtlichkeit, die sich einfach nicht von den Händen löste, weder zu ihm noch zu ihr vordrang. Ein klammes Gefühl um den Kehlkopf, sie saß in der Klämme, oder diese in ihr und sank dort und sank, bis ihr Körper taub war, aufgehoben. Nur die Stelle war noch übrig, auf der Lyra lag, nur Sunas Krippenarme hatten noch Gespür.

Die Mahnungen ihrer Eltern hatten schon lange Schatten geworfen, bevor sie Lyra bekommen hatte. Waren sie eine Prophezeiung gewesen oder erst zu einer geworden? Die Schatten würden sich in den Zornesfalten verdichten, wenn die Eltern sahen, dass Lyra krank war.

Lyra, der die Wiese auslöffelte, den Kopf nach ihren Lauten drehte. Ein Kopf, fremder als gedacht, mit Flecken getarnt. Lyra, der weiche Agent, der lautlos blieb und Suna niemals anzusehen schien, seine Augen rückseitig, schwarz, ins Unsichtbare ragend. Lyra, witternd, was Suna nicht riechen konnte. Er hatte kein Interesse an der Menschenwelt, schnupperte in der unbeteiligten Luft, wollte lieber in Ruhe gelassen werden. Suna respektierte das.

Lyra, schwer und zappelnd, zu lebendig für ein Kind. Es war kein Wunder, dass Sunas Großvater sich mehr um ihn kümmerte als sie, ihn fütterte, Stall und Gehege sauber machte. Er hielt ihr das nicht vor, aber ihre Eltern. Und jetzt, da Lyra krank geworden war, schwoll die Schuld in ihrem Hals, versiegelte ihre Stimme. Sie ließ sich einfach nicht runterschlucken, war schon Körperteil geworden.

Suna: Arme, Beine, Schuld und Kopf. Das meiste davon verlor sie auf dem Weg zur Außentreppe. Da war sie nur noch zwei schützende Arme und schwebende Augen, der Hals so sehr verengt, dass er fast weg war, stimmlos, entkehlt.

Lyra gehörte in dem Moment zu ihr wie ein Organ, aber war doch körperfremd, Organspende, nicht ihr Eigen. Ein schutzloses Organ, das, ohne es zu wissen, mit jedem Pulsieren die Schuld zucken ließ. Suna war nicht richtig da gewesen, sie hatte sich nicht genug gekümmert. Ihr Hals wurde eng, als wollte er sich selbst würgen. Die Schuld drückte gegen den Kehlkopf. Ihr wurde schlecht.

Schuld – unerträglich – Atemnot. Ihr Kopf voll kurzer Gedanken, aber viele davon, unzählige. Sie rammten die Schädeldecke, um ihrem Körper zu entfliehen. Wenn er fiel, würden sie weitergeistern, würden andere Köpfe umflirren. Aber Suna hielt sie fest bei sich, um nicht mit der Schuld allein zu sein. Alles, nur nicht allein mit diesem übergroßen Gefühl, das nicht zum Aushalten war. Und da lösten sich die Überlebensgedanken vom Hinterkopf, schossen nach vorn und fielen ihr vor die Augen.

Sie mochte Lyras Wesen nicht genug Rechnung getragen, zu wenig für ihn gemacht haben – doch eines hatte sie immer für ihn gehabt: Respekt. Ihre Freundin Leona hingegen verschliss Haustiere wie Puppen. Ihr Zupacken, ihre Nackengriffe rissen die Tiere aus ihrem friedlichen Hoppeln. Leona mochte nichts, was einen eigenen Willen hatte, und setzte sich immer über diesen hinweg. Wie ein Kuscheltier wurde Lebendiges zum Anschmiegen gezwungen, wurde geherzt und geknuddelt, dass es manchmal schmerzhaft aussah – so viel Liebeswucht.

Manchmal dachte Suna, für Leona wäre alles Spielzeug, Tiere wie Kinder, und ebenso oft vergaß Leona auch die Bedürfnisse der Lebenden. Wie viele ihrer Haustiere waren auf dem Dachboden in ihrem Käfig erfroren, waren verdurstet, weil sie sich nicht daran erinnerte, dass sie nicht nur da waren, um sie zu unterhalten, sondern Futter, Wasser, Wärme brauchten? Jedes Mal war sie untröstlich, heulte einen Tag lang – und bekam dann das nächste Tier.

Vielleicht, kam ein weicher Gedanke, ein verzeihender, der Leona von dieser steinschweren Schuld losbinden mochte, wollte sie jedes Mal alles besser machen als vorher. Verfiel dann aber wieder in die kindliche Annahme, dass sich um alles gekümmert würde, dass sie selbst für nichts zu sorgen hatte. Vielleicht suchte sie Liebe von den Wesen, die sich nicht wehren konnten, deren Hilflosigkeit wie Zuneigung aussah, und die Leona brauchten, über die sie herrschen konnte wie ein Gott. Vielleicht waren ihre erdrückenden Knuddelanfälle auch verzweifelte Zärtlichkeit, der Versuch zu lieben. Vielleicht, wer weiß. Suna hatte sich immer schlecht dafür gefühlt, bei Leonas Schmusewut nicht einzugreifen, wiewohl sie wusste, dass diese ihre Bedenken in den Wind schlagen würde.

Aber es half. Suna war nicht mehr allein mit der Schuld.

Der Tierarzt sagte, Lyra hätte seine eigenen Haare gefressen, er würde wohl noch an diesem Tag sterben, man könne nichts mehr tun. Zuhause setzte Suna ihn in den Käfig im Flur, lief immer wieder aus der Küche nach draußen, um nach ihm zu sehen. Es ging schnell. Plötzlich bewegte er sich nicht mehr, atmete nicht. Lyra war tot. Erlöst von Schmerzen und von der Abhängigkeit von Menschen. Suna fühlte sich schrecklich, weil er ihr leidtat und weil sie sich erleichtert fühlte, erlöst von der Aufgabe, sich um ihn zu kümmern, erlöst von den Vorwürfen ihrer Eltern, dies nicht ernst zu nehmen, nicht oft genug mit ihm zu spielen.

Sie weinte, weil sie wusste, dass diese Gedanken schlimm waren, weinte auch um Lyra, weinte vor allem, weil sie ihm und ihren Eltern dies schuldig war. Ein Pelz aus Tränen vor den Augen, Tropfen ohne Wasser: Es waren Kugeln aus Fell, die aus ihren geröteten Augen durch die Wimpern krochen. Jedes Haar, das über ihre Wange strich, weich und zart wie Lyra. Sie hatte versagt, hatte ihn zu Lebzeiten nicht genug geliebt. Auf ihren Fingern, auf ihren Händen die Wunde: die Zärtlichkeit, die sich nicht anwenden ließ, die nicht von Herzen kam und nicht zum Herzen vordrang. Eine Handflächenliebe, eine Liebe von der Oberfläche. Suna wünschte, sie könnte genug weinen.

Zwei Freunde durfte sie mitnehmen, als ihr Vater sie zu Lyras Beerdigung im Weinberg fuhr. Leona und Dominik. Suna war nicht allein mit der Schuld, sie war nicht die einzige Schuldige. Sie alle drei: Kinder, und wie alle Kinder ungenügend in der Kunst des Liebens, unvollkommene Geschöpfe. Der Ernst der Lage zu ernst für sie. Sie waren überfordert.

Auch fürs Grab nur ein Anstich. Sunas Vater hob es aus, es war ja nur klein, es war ja nicht zu tief. Es reichte nicht annähernd ans Totenreich heran, an die untere Welt, die Welt ohne Pelz, die knochige Welt. Suna konnte nicht sagen, ob das gut oder schlecht war.

Eine holpernde Trauerrede, halb aus Verlegenheit, halb aus dem Unterdrücken eines Lächelns, da Dominik versuchte, sie mit Grimassen aufzuheitern. Im Auto dann musste Suna wirklich lachen über seine Gesichtsverrenkungen, die sie doch retten, ihr den Kummer nehmen sollten. Ein waghalsiger Moment, ein Moment des freien Halses, ihre Stimme zum ersten Mal kaum bedrückt. Sunas Vater spitzte die Ohren. Ein Glimmen im Rückspiegelauge. Er polterte los mit einer Stimme, die ihre aufhob, überdeckte, ein plötzliches Donnergrollen: Ob es ein Witz sei, dass Lyra gestorben war. Ob sie etwa nicht traurig sei. Wie schnell sie schon wieder lachen könne. Dafür habe er das alles gemacht, ein Grab gegraben, sie hergefahren? Hatte sie Lyra überhaupt liebgehabt?

Sunas Lachen erstarb schon beim Blick in das glimmende Auge. Ein Zittern im Rachen wie Schuldwuchs, das Erdreich kam hoch, der Schuldberg aufgeschüttet, ein Hügelgrab im Hals. Sie atmete zuckend ein, zweimal hintereinander, hastig, wie kurz vor dem Weinen. Sie spürte ihr Herz nicht, und fragte sich panisch, wo es war. Vielleicht war es doch zu leicht gewesen, entschlüpft – ein Leichtes, nicht richtig zu fühlen. Darum fehlten ihren Bewegungen Schwere, war ihr Streicheln an Lyras Fell haften geblieben.

Suna: ein herzloses Geschöpf mit engem Hals und Schuldschlund. Zwischen ihr und allen anderen Lebewesen war eine Grenze aufgespannt. Trennende Stimmbänder, die, bekamen sie einen Laut heraus, ins Nichts tönten. Nicht in die Erde, nicht zu den Herzen, nein, ihre Stimme blieb bei ihr, wie auch ihr Schweigen. Sie hätte sich gerne zu Lyra gelegt und wusste doch, sie war ihm keine gute Gesellschaft.

Sunas Hals schloss sich über dem Sperrband. Darunter, in der Höhle, eine Erinnerung an Lyra, an sein Äußeres. Häschen in der Grube. Zuckte mit den Ohren, wann immer Suna mehr als die Hand nach jemandem ausstrecken wollte. Lyra, eine Form in ihrer Brust, unter einem Berg, den sie nicht abzutragen wusste.





Avy Gdańsk: an den Rändern, an eine Zukunft, an die Substanz. Magick ohne Crowley. Gespräche mit Knochen. Beschwörung statt Formeln.

Belesener Prolet, schüchterner Krawallbruder, Hexenmeister. Lebt auf fernen Gendersternen, verbringt viel Zeit im Jenseits – und feilt hinter den Türen von Scott an der eigenen Lautschrift.

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Veröffentlicht von kklkunstkulturliteratur

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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