Ein Schritt zu auf die Wuerde des Menschen

Tina Wirth für #kkl10 „Der nächste Schritt“




Ein Schritt zu auf die Wuerde des Menschen

Wir sassen in der Berliner Wohnung meiner Grossmutter an ihrem kleinen braunen Esstisch mit dem altmodischen Teeservice, Kuchen und Keksen, so wie jeden Sonntag. Heute, jedoch, so bereitete mich meine Mutter schon waehrend der Autofahrt vor „muessen wir mit Oma besprechen, ob wir nicht eine Pflegerin kommen lassen sollen, die sich ein oder zwei mal die Woche um sie kuemmert.“

Meine Grossmutter naeherte sich ihrem 90igesten Geburtstag und dementsprechend war es wenig ueberraschend, dass sie auf uns mit jedem Besuch ein kleinwenig verwirrter und ein bisschen gebrechlicher wirkte, was sich jedoch nicht in ihrem Temperament widerspiegelte. Letzteres war stark und stur wie denn je; so wie ich sie immer kannte.

Ich liebte meine Grossmutter innig und hatte unzaehlig wamjerzige Erinnerungen an Uebernachtungen, Ausfluege zum Schwimmbad und Berge von haugemachtem Essen: Linsensuppe, Koenigsberger Klopse und Rote Gruetze mit Vanillesausse. Die Berliner Kueche der 90iger, die einem im Ausland auf einmal fehlt.

Wohingegen meine Mutter, so wie fast jede Vollzeit-arbeitende Mutter (wie ich nun selber allzugut weiss) wie ein rasender Wirbelsturm hektisch durch den Tag fegte, war meine Grossmutter eine Festung der Ruhe und Standhaftigkeit: Immer praesent, immer auf mich Acht gebend ueber den Rand ihrer dicken Lesebrille hinweg. Als Teenager hatte ich vielleicht ihre Gutmuetigkeit etwas ausgenutzt wenn ich zusaetzliches Taschengeld von ihr annahm, wohlwissend dass sie nicht allzu viel hatte und in ihrem Wohnzimmer den Baumkuchen verspeisste, dessen Qualitaet ich erst spaeter wirklich zu schaetzen wusste.

Ich hatte gerade meinen 25igsten Geburtstag hinter mir, feierte viel, tanzte in Berlin’s dubiosen Nachtclubs und trank die finanzielle Unterstuetzung meiner Eltern in Cocktailwaehrung hinunter. Ich naeherte mich dem Ende meines Jurastudiums ohne je einen Fuss in die Arbeitswelt gesetzt zu haben und aufgrund diese Unerfahrenheit war ich leicht arrogant, anmassend und bereit die Welt zu erobern, von der ich ausging, sie wartete nur auf so jemanden wie mich.

An jenem Sonntag jedoch, sassen wir nun also in der Wohnung meiner Grossmutter, im Regal alte Nussknacker Kassetten, die wir schon seit Jahren nicht mehr gehoert haben, staubige Gedichtbaende aus denen meine Grossmutter mir als Kind vorliess und ihre braune alte Naehmaschiene mit der sie mir zu-lange Hosen umnaehte und Sommershorts aus einem Stoff zauberte, den wir zuvor im Kaufhaus ausgesucht hatten.

„Mama“ begann meine Mutter vorsichtig, „wir haben ueberlegt, jetzt wo Dir bestimmte alltaegliche Sachen doch schwerer fallen, ob wir nicht eine Pflegerin anstellen sollen die ab und zu kommt und Dir hilft mit dem Waschen und Anziehen. Wie wollen einfach nicht, dass du nochmal stuerzt, wenn Du aus der Dusche steigst.“

Ploetzlich war ich nicht mehr Teil der Konversation, als meine Mutter und Grossmutter den Kreis ihrer beider Generationen schlossen, von dem meine jugendlich Arroganz mich auszugrenzen schien. Dies akzeptierte ich zufrienden und griff nach einem Mandelkeks.

„Ich brauche keine Hilfe vor allem nicht von einem Fremden! Ich komme sehr wohl alleine zurecht!“ sagte meine Grossmutter abwehrend.

Meine Mutter versuchte es erneut, diesmal etwas sanfter als ich sie lauthals unterbrach: „Oma, du kannst das alleine einfach nicht mehr. Du brauchst Hilfe. Sei bitte nicht immer so stur!“.

Meine Grossmutter schaute mich mit ihren warmen jedoch fest entschlossenen Augen an und schuettelte bestimend ihren Kopf. Diese Sturheit, dachte ich, die werde ich auch haben, sollte ich es je bis 90 schaffen.

Auf dem Weg nach Hause, erklaerte ich meiner Mutter, dass ich mit ihrem gefuehlsduseligem Ansatz nicht einverstanden war: „Lass uns einfach jemanden finden, der passable ist und Oma erklaeren, dass dieser Pfleger jetzt zwei mal die Woche kommt. Sie wird sich daran gewoehnen und vielleicht ist es ihr dann sogar ganz recht, dass sie sich um bestimmte Sachen keine Sorgen mehr machen muss.“

An einer roten Ampel hielt meine Mutter an, legte ihre Hand auf Meine und sah mich streng an: „Tina, es geht nicht nur darum was die bequemste Loesung ist. Es geht vor allem um Oma’s Wuerde. Du kannst nicht einfach ueber ihren Willen hinweg entscheiden. Sie muss selber zu dem Schluss kommen und frei entscheiden.“

Wuerde, dachte ich. Dieses Wort ist mir schon seit Jahren nicht mehr begenet. Wuerde ist ein Begriff ueber den man erst einmal brueten muss bevor man sich an einer Erklaerung versucht.

Eines der wenigen Mal, wo ich gezwungen war mir ueber das Wort Wuerde Gedanken zu machen, war in der ersten Woche meines Jurastudiums. In einer meiner Vorlesungen im Auditiorium der Humboldt-Universitaet wurden wir angehalten die erste Seite der Deutschen Verfassung aufzuschlagen, als das knackenden Geraeusch von niemals zuvor gebogenen Buchbaendern durch den Hoersall huschte und wir auf das Deutsche Grundgesetz schauten. Und dort stand sie mit all ihrer verfassungsrechtlichen Praesenz, waherend ich als unsichere, unerfahrene und leicht verkaterte Erstsemestlerin ahnungslos auf sie starrte:

Artikel I:

Die Wuerde des Menschen ist unantastbar.

Nach den unzaehligen Graeueltaten des Dritten Reichs und dem Ende des Zweiten Weltkrieges wurde die Deutsche Verfassung ins Leben gerufen nicht nur als Symbol eines neuen Rechtsstaates sondern auch, um zu vereinigen. Und somit entstand das Grundgesetz, ein Fundament von Menschenrechten am Beginn der Deutschen Verfassung stehend, welches nie wieder verwaessert oder misachtet werden sollte. Ein Gedenknis an deren Abwesenheit in den vorangegangenen Jahren und eine Mahnung an die Zukufnt diese nie wieder zu misachten.

Aber was bedeutet menschliche Wuerde wirlich?

Die umgangsprachliche Nutzung der Wortes hat uns vielleicht ein wenig unempfindlich gegenueber der wirklichen Bedeuting von Wuerde gemacht.

Jemanden zu komplimentieren, indem man seine oder ihre „wuerdevolle Reaktion“ auf eine Provokation lobt, empfand ich zumindest immer als eine gesellschaftlich Ermahnung (oft Frauen gegenueber) ihre Meinungen gemaessigt auszudruecken.

Aber Wuerde an sich kommt sowohl vom Externen als vom Internen. Es ist die Anerkennung der Menschlichkeit in jedem einzelnen von uns und die Zusprache des Rechtes auf Respekt. Es gewaehrt uns das Recht auf Selbstbestimmung.

Und obwohl ueber die Jahre ihr Geltungsbereiech dehnbar war, gilt sie heute fuer jung und alt, Frau und Mann und unlaengst auch fuer das Recht sich fuer eines der beiden selber zu entscheiden.

Oftmals sprechen wir von Wuerde haeufiger wenn wir ueber die letzteren Lebensjahre eines Menschen sprechen, wenn vielleicht deren Fassungsvermoegen oder die Faehigkeit selber auf sich Acht zu geben nachlaesst.

Aber jeder Mensch kommt mit einer inneren Wuerde auf die Welt und wir sehen die Reaktion bereits in Kleinkindern, selbst wenn noch praeverbal, wenn sie sich in ihrer Wuerde verletzt fuehlen: Ihre Empoerung wenn man ihnen das Essen wegnimmt bevor sie fertig sind oder der grosse Bruder in ihren Augen bevorzugt behandelt wird.

Jeder Mensch moechte in seiner wahren Natur gesehen und respektiert werden und viel Leid wird geschaffen wenn diese menschliche Natur und Wuerde misachtet oder misbilligt wird.

Wuerde braucht Beides, die individuelle Einforderung der eigenen Wuerde und den aeusseren Respekt und die Bestatigung von anderen.

Die Wuerde eines Menschen ist komplett abhaenging von der miteinander verwobenen Verbundenheit, von der aeusseren und inneren Akzeptanz. Man hat zwar ein eigenes Recht auf Wuerde, aber es kommt nur ans Licht wenn es einem von seinem Umfeld zugesprochen wird. Und aus diesem Grunde ist die Wuerde eines Menschen so zerbrechlich. Sie siegt und faellt mit unserer Gesellschaft als Ganzes.

Es ist eines jeden Verantwortung die Wuerde anderer zu erhalten, sonst kann sie sich nicht entfalten und stirbt letztendlich aus.

Und mit dieser Erkenntnis sassen wir am drauffolgenden Sonntag wieder an dem Tisch meiner Grossmutter, mit dem Tee Service; mit dem Kuchen. Und anstatt nach den Mandelkeksen zu greifen, griff ich nun nach der Hand meiner Grossmutter, ihre alte faltenreiche Hand, die ich mein ganzes Leben gehalten habe. „Oma, ich will doch nur, dass du es bequem hast, dass wir hier zusammen sitzten koennen und ich weiss du traegst die Anziehsachen, die du wirlich tragen willst und nicht die, die du noch alleine ueber den Kopf bekommst. Ich will mit dir Lachen und Kreuzwortraetsel raten und mir keine Sorgen machen dass Du kurz danach in der Dusche ausrutscht. Ich weiss es ist nicht gerade angenehm aber wenn du es freitags machst dann kannst du sonntags bei mir den ganze Tag darueber Quaengeln. Was meinst Du?“

Meine Oma lachte und drueckt meine Hand: „Nun gut. Probieren wir es.“

Ich weiss nicht ob ich meine Grossmutter manipuliert oder gewuerdigt habe. Aber ich weiss, dass ich in diesem Moment ihre Wuerde wahrgenommen habe und ich bin stolz auf sie, mit welcher Vehemenz sie um die Anerkennung ihrer eigenen Wuerde gekaempft hat.

Mein Grossmutter starb ein paar Jahre darauf. Ich besuchte sie regelmaessig im Krankenhaus, nachdem sie letztendlich doch stuerzte und jedes Mal wenn sie ihre Hand in die Meine legte erinnerte ich mich an den Moment, den wir hatten, als ihre Wuerde so aufleuchtete.

15 Jahre darauf, und ich hole meinen Sohn aus der Schule ab. Er springt an meinem Arm zappelig hoch und runter: „Worueber habt ihr heute in der Schule gesprochen, Oscar?“ frage ich ihn.

„Wir haben uber Respekt und Wuerde gelernt.“ Antwortet er selbstbewusst.

Ich bin mir nicht wirklich sicher ob eine Gruppe Sechs-jaehriger in der Lage ist, ein Konzept zu verstehen was ich bis zum heutigen Tage als herausfordernd empfinde. Aber die Schule meines Sohnes erkennt die UNICEF Kinderrechte an und bespricht somit diese Rechte regelmaessig im Unterricht.

„Weisst Du denn, was Wuerde bedeutet?“ frage ich.

„Nicht wirklich. Heisst es, dass ich meinen Nachtisch teilen soll?“.

„Aehm“ druckse ich herum „Lass uns heute Abend darueber sprechen“ und kaufe mit damit ein wenig mehr Zeit.



Tina Wirth

„Ich lebe mit meiner Familie in London und arbeite dort als Syndikusanwaeltin. Meine Leidenschaft gilt jedoch dem Schreiben von kleineren Essays und Geschichten. Die meisten davon veroeffentliche ich in English bei Elephant Journal und sie befassen sie fast ausschliesslich mit zwischenmenschlichen Beziehungen und dem Thema menschlicher Verbundenheit, was ich immer mit persoenlichen Erfahrungen verbinde.

Hier ein link zu meinen anderen Artikeln, wo es auch eine kleine Vita gibt:“

https://www.elephantjournal.com/profile/wirth-tina/

Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin und ZeitenGeist Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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