Engel

Friederieke Butzheinen für #kkl10 „Der nächste Schritt“




Engel

Es war zwei Wochen nach den Sommerferien, als ein neues Gesicht in meiner Klasse auftauchte. Niemand hatte es angekündigt. Es erschien unerwartet in der letzten Reihe, dem Fenster zugewandt. Halb verdeckt vom langen, schwarzen Haar, das vom Kopf auf den unförmigen Kapuzenpullover fiel und so dem Körper darunter jede Kontur, jede Form nahm.

Ein Mädchen. Niemand hatte sie vorgestellt. Die ersten Stunden waren ausgefallen und jede Lehrkraft, die danach gekommen war, hatte nur kurz aufgeblickt, im Klassenbuch geblättert und auf die Begrüßung verzichtet, die ja zuvor schon initiiert worden sein musste. So blieb das neue Mädchen den ganzen Tag über ein Kuriosum, ein Fremdkörper, der immer stärker mit der gesamten hinteren Ecke des Klassenzimmers verschmolz, je länger man ihn ignorierte. Ein Splitter, der, wenn man ihn nicht herauszog, von Haut überwuchert wurde, von Eiter umschlossen und von dem schließlich nur eine unförmige Stelle am Finger zurückbliebe.

Die nächsten Tage wurde diese unförmige Stelle immer natürlicher, immer mehr Teil des Alltags. Wir kamen in den Raum, das Mädchen saß schon da. Wir verließen ihn wieder, das Mädchen war schon weg. Und selbst beim Mittagessen saß sie nicht neben uns, sondern bei uns, eine Einzelperson im Klassenverband ganz am Ende des Kantinentisches.

Sie sagte nie etwas und die Lehrkräfte riefen sie auch nicht auf. Sie hatte so etwas Unauffälliges, Verschlossenes. Wenn unser Mathelehrer ein unfreiwilliges Opfer für eine Antwort suchte, fiel sein Blick nie auf sie. Als würde er abgelenkt glitt dieser über sie hinweg, blieb stattdessen an jemanden hängen, der sich bewegt oder im falschen Moment aufgeschaut hatte. Aufmerksamkeit erregt Aufmerksamkeit. Unaufmerksamkeit auch… das Mädchen jedoch war weder aufmerksam, noch unaufmerksam. Sie war einfach nicht ganz da.

Rund anderthalb Wochen, nachdem sie in unserem Klassenzimmer erschienen war, teilte uns eine junge Lehrerin in Arbeitsgruppen ein. Meine Sitznachbarin war krank an dem Tag. Die Lehrerin schaute auf den Sitzplan und schickte mit nach hinten, zu „Sophie“. Zuerst war ich verwirrt – wer war Sophie? – und ich musste die Lehrerin vor mir recht überrascht angeschaut haben, denn sie wurde ungeduldig und meinte, ich dürfe mich nicht beschweren. Erst da fiel mir auf, dass sie das Mädchen vom Fenster meinen musste.

Sophie… jetzt hatte das Gesicht also einen Namen. Das machte es zu einer Person, einem Menschen. Jemanden, zu dem man hingehen und mit dem man reden konnte. Eine Sophie musste eine Vergangenheit haben, Eltern, Geschwister, vielleicht sogar Freunde. Der Gedanke machte mich neugierig. Ich bahnte mir den Weg an Taschen und Trinkflaschen vorbei in den hinteren Teil des Klassenzimmers. Vor dem Tisch am Fenster blieb ich stehen. Sophie blickte nicht auf. Sie zeichnete. Das lange, schwarze Haar fiel ihr über Augen und Nasenspitze, bildete einen Vorhang, den man beiseite ziehen musste, wenn man ihr Werk betrachten wollte. Nur das leise Kratzen des Bleistifts auf dem karierten Block hörte man, unterbrochen von langen, gleitenden Schwüngen.

„Was zeichnest du?“, fragte ich freundlich. Kaum hatte ich die Worte gesprochen, da stoppte der Stift, verkrampften die Finger, die ihn hielten. Die Haare zitterten. „Nichts“, antwortete eine leise Stimme. Ich ärgerte mich über die Unhöflichkeit und protestierte: „Das kann doch nicht Nichts sein!“ „Es ist noch nicht fertig“, kam als dünne Antwort zurück. Ich griff ohne zu überlegen nach dem Block. „Zeig mal her!“ Die Blätter rutschen unter ihren Fingern fort, ehe sie sie festhalten konnte. Nur der Bleistift war schneller, ein hässlicher Strich zog sich über die gesamte Länge der Zeichnung. Eine Lanze, die die Engelsflügel durchstoßen hatte, die sich Feder um Feder, Strich um Strich über den Kastenblöcken erstreckten.

„Wow, das sieht gut aus! Gib mal rüber! Ist das von dir?“ Daniel, der schräg vor dem Fenster saß, hatte das Bild in meinen Händen erspäht. Ich reichte es ihm. „Nur der Strich ist echt hässlich…“, kommentierte er. Da wurde ihm der Block aus der Hand gerissen.

Mit bebenden Schultern, die Haare wirr und halb über den Augen, stand Sophie vor uns.

„Das ist meins!“, kreischte sie.

Was mir am meisten von der Szene im Kopf geblieben ist, ist ihr Ausdruck. Er war mehr ängstlich als wütend – nicht eine Sekunde sah sie uns direkt an, sofern man das unter den vielen Haarsträhnen überhaupt sagen konnte. Wir, ich und Daniel, sagten nichts – wir waren zu erschrocken. Auch unsere Klassenkameraden blickten sich nach uns um. Selbst die Lehrerin vorne an der Tafel  musste mitbekommen haben, dass etwas nicht stimmte. „Hinsetzen und weiterarbeiten, es sind noch 15 Minuten bis zur Pause!“, bellte sie.

Ich schaute Daniel an, der sich die Fingerknöchel rieb. Die Spiralbindung des Blocks hatte die Haut an einer Stelle aufgerissen. „Kann ich mit dir und Robin zusammen arbeiten?“, fragte ich. Daniel murmelte: „Na klar… du solltest nicht bei der kleinen Verrückten bleiben müssen.“ Wir drehten uns nicht um. Hinter unserem Rücken schien die Ecke aufgewühlt, gereizt. Wenn wir sie nur lange genug ignorierten, würde sie bestimmt wieder glatt werden – nur eine Stelle auf der Haut des Klassenzimmers.

Seitdem mieden wir das Mädchen… Sophie, meine ich. Es ist schwierig, sie so zu nennen. Denn für uns war sie von da an nicht mehr da – noch weniger als vorher. Wenn wir uns in Gruppen zusammenfinden mussten, taten wir das ohne sie. Beim Mittagessen setzten meine Freundinnen und ich uns demonstrativ ans andere Ende des Tisches. Auf der kurzen Klassenfahrt im November stritten wir eine Schulstunde lang, wer von uns sie in seinem Zimmer haben musste – unnötig, wie sich herausstellte: Sie fehlte einfach, war wohl krank geworden. Auch in Sport glänzte sie erstaunlich oft durch Abwesenheit, fast immer, wenn sie wusste, dass es Partnerübungen geben würde. „Die ist sowas von asozial – die will es doch nicht anders!“, hörte ich in der Umkleide eine meiner Freundinnen einmal sagen. Und die andere pflichtete ihr bei. „Sie sagt ja auch nie einen Ton, spricht nie mit uns. Niemand kann uns zwingen, was mit ihr zu tun zu haben.“ Es ist einfach einfacher, dachte ich damals. Einfacher, weil wir alle unsere eigenen Probleme haben. Niemand kann etwas dafür außer sie selbst.

Es waren noch zwei Wochen bis Weihnachten. In der Schule machte sich erste Ferienstimmung breit, durchbrochen vom Stress noch hastig zwischengeschobener Arbeiten. Die Adventszeit ist immer voll, mit Besorgungen, Tests und sozialen Verpflichtungen. Deswegen war ich eigentlich sehr froh, dass die letzten Stunden Sport an dem Freitag ausfielen. Ich konnte früh nach Hause fahren, mich umziehen und mit Daniel in der Stadt treffen. Einen Monat waren wir da gerade zusammen. So kam es, dass ich an dem Tag einige Stunden eher über die alte Eisenbahnbrücke fuhr.

Und da sah ich sie. Sie hockte da, mit den Füßen über den Rand, ihren Schulblock mit Zeichnungen neben sich und starrte auf den Fluss. Ich hob gerade das Fahrrad über die Absperrung. Sie wollten die Brücke damals neu machen, zu einem richtigen Radweg umfunktionieren, aber man konnte sie immer noch benutzen. Sie war Abkürzung und Jugendtreff in einem… nur nicht so früh am Tag.

Als sie meine Schritte knirschen hörte, schaute sie erschrocken auf. Sie hatte wohl gedacht, sie könnte allein bleiben. Sie wusste ja nicht, dass Sport nicht stattgefunden hatte… Während ich langsam mein Rad auf sie zu schob, rollte ihr der Bleistift aus der Hand und fiel in den Fluss. Sie schaute ihm nicht nach. Ein Windstoß zerrte an ihrem Haar, durchfuhr auch den Block, den sie beschützend ergriffen hatte. Zum ersten Mal konnte ich die restlichen Zeichnungen sehen, flüchtig im Wind, die Arbeit eines Halbjahres.

Es waren alles Engel, hell und dunkel. Ihre Gesichter waren leer, ihre Körper oft konturlos, nur angedeutet. Irgendwie glatt, nicht vorhanden. Was ins Auge stach, das waren ihre Flügel: groß und schwer, mit fein ausgearbeiteten Federn, sanft geschwungen oder in der Bewegung erstarrt. Immer ausgebreitet, mal hocherhoben, mal zum Sturzflug bereit. Teilweise beinahe ruppig in das Papier gekratzt und teilweise so blass und dezent, das sie auch aus Licht hätten bestehen können.

Dann war der Moment vorbei, der Windstoß stülpte alle Seiten um. Er stieß auch die schwarzen Haare des Mädchens fort, teilte sie vor ihrem Gesicht, riss den Vorhang auf. Ich blickte in ihre Augen und erwartete, Angst zu sehen. „Mach dir keine Sorgen“, wollte ich sagen, „ich nehme dir deine Zeichnungen nicht weg.“ Aber ich sah keine Angst. Sondern etwas anderes, das ich zuvor noch nie bei einem Menschen beobachtet hatte.

Bis heute weiß ich nicht, ob es absolute Verzweiflung oder absolute Hoffnung war. Unwillkürlich streckte ich die Hand aus. Sie sprang auf, wich zurück. Der alte Beton, brüchig am Rand, bröckelte unter ihren Schritten. „Sophie…“ Sie schüttelte den Kopf, schüttelte den Klang ihres Namens ab. Ihre Füße stießen gegen den Brückenpfeiler. Ihre Augen huschten zur Seite, runter, auf den Fluss, nach oben, in den grauen Winterhimmel. Die Ärmel ihres Pullovers flatterten. Plötzlich schaute sie mich direkt an. Ihr Mundwinkel zuckte.

„Ich werde jetzt nach Hause gehen“, sagte sie.

Noch immer von ihrem Blick gefangen, nickte ich. „Sport fiel aus“, plappere mein Mund drauflos, erleichtert, etwas sagen zu können. „Du hast nichts verpasst.“ Doch sie schien mich nicht zu hören. Sie starrte mich nur an – und begann, ihren Pullover abzustreifen. Ein Frösteln durchlief meinen Körper, als ich ihre nackte Haut erblickte. Der Wind, der hier oben blies, war eisig. Ich öffnete den Mund, um etwas zu sagen, sie jedoch drehte mir den Rücken zu. Über dem Bustier zeichneten sich deutlich zwei dunkle Flecken ab. Narben, dachte ich erschrocken. Hatte sie sich geritzt? Oder hatte jemand anders sie verletzt? Die Stellen wirkten glatt, wie eine Unförmigkeit, ein Buckel auf der Haut. Schmerz, der überwuchert wurde und nun tief verborgen lag, unsichtbar in den Raum integriert. Sie zitterte nicht, löste nur ohne zurückzuschauen die Ösen. „Was um Himmelswillen tust du!“, platzte es aus mir heraus. Sie antwortete nicht, ließ nur das Kleidungsstück auf den Boden fallen und machte dann zwei Schritte nach vorne.

Ich stürzte mit ihr, ihr nach, aber es ging zu schnell. Ehe ich sie erreichen konnte, wirklich aktiv realisiert hatte, war sie schon fort. Ich sah sie nicht einmal ins Wasser schlagen. Das einzige, was ich sah, war eine lange, einzelne Feder, die vom Wind getragen in den Himmel stieg. Und Bilder von Engeln, unten auf dem Fluss.




Friederieke Butzheinen ist 25 Jahre alt und studiert in Köln angewandtes Schreiben. Viel gibt es bislang noch nicht von ihr zu berichten (oder zu lesen), aber sie hofft, dass sich das bald ändern wird.

Veröffentlicht von kklkunstkulturliteratur

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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