Das Auge

Kerstin Nethövel für #kkl10 „Der nächste Schritt“




Das Auge

Die Zimmertür hat einen Spion. Wenn man mit dem Auge ganz nah herangeht, kann man aber trotzdem nicht durch den Spion in den Flur hinaussehen. Er funktioniert anders.

Draußen sind Schritte zu hören. Sie kommen näher und werden lauter. Die Schritte gehen an allen Türen vorbei. Vor dieser bleiben sie stehen. Noch bevor die Schritte hier anhalten, erhebe ich mich langsam, um mich von der Mitte des Zimmers zur Wand zu bewegen.

Wer vor der Zimmertür steht, wird durch den Spion ins Zimmer hineinsehen. Zuerst erkennt er nicht alles. Der Türspion gibt nur einen Teil des Zimmers frei. Der Blick von außen durch den Türspion fällt wie durch einen Trichter in die Mitte des Zimmers. Das Auge hat mit dem Türspion nur einen begrenzten Radius zur Verfügung. Es kann nur geradeaus in die Mitte des Zimmers schauen. Ich befinde mich außerhalb dieses Sichtfeldes. Ich bewege mich lautlos entlang der Wände. Hierher kann das Auge mir nicht folgen. Noch nicht.

Dieser Radius genügt dem Auge nämlich nicht. Es setzt mit seinem Blick den Türspion in Bewegung, dreht ihn geschmeidig hin und her. Wie in einem Kugellager scheint sich der Türspion in die Augenhöhle eingebettet zu haben, wird von unsichtbaren Muskeln animiert und beginnt langsam und gelenkig, zunächst die hintere Zimmerwand nach rechts entlang zu wandern. Der Spion folgt der Richtung, in die das Auge seinen Blick lenkt. Das Sichtfeld ist weiterhin begrenzt, aber es ist beweglich geworden.

Wie der Lichtkegel einer Filmkamera oder wie der Lichtkegel eines Scheinwerfers, der in aller Ruhe ein Terrain absucht, seiner sicher, dass sich das, was er sucht, hier irgendwo befindet, wird das trichterförmige Sichtfeld des Türspions seitwärts bewegt. Auge und Türspion sind zu einer Einheit verschmolzen.

Das Auge ist in der rechten Ecke der hinteren Zimmerwand angekommen und lenkt nun den Blick noch weiter nach rechts, sodass der Spion langsam seitlich in gleichmäßigem Tempo die rechte Zimmerwand entlang gleitet.

Ich verberge mich immer noch außerhalb des Sichtfeldes, stehe mit dem Rücken an der gegenüberliegenden Wand und verfolge von meinem Platz aus die Richtung, die der Türspion einschlägt. Ich kann beobachten, wie er sich nach links oder rechts, oben und unten wendet. Das Auge gibt nicht auf. Der Türspion ist das Medium, mit dem das Auge sich hier Zutritt verschafft.

Es lässt den Türspion langsam dieselbe Strecke durch das Zimmer zurückwandern, zuerst gleitet es also die rechte Zimmerwand zurück, bis zur Ecke, dann lässt das Auge den Türspion die gesamte hintere Wand entlang gleiten, bis es an der Wand ankommt, vor der ich stehe.

Das Auge lenkt nun den Blick weiter nach links, und der Türspion beginnt, diese linke Wand abzuwandern. Ich verfolge die langsame Bewegung des Türspions. Schritt für Schritt folgt er mir, ich bin immer noch außerhalb seines Sichtfeldes. Er ahnt, wo ich sein muss. Ich weiß, dass ein Schritt nach links genügt, um in sein Sichtfeld zu treten. Ein Schritt zur Seite, und ich würde sein Sichtfeld durchschneiden wie den Lichtkegel einer Taschenlampe.

Mit dem Rücken zur Wand, bin ich ihm einen Schritt voraus, bewege mich lautlos weiter, aber der Türspion folgt mir im gleichen Tempo. Schritt für Schritt. Ich bin am Ende der Wand angekommen, auf dieser Seite befindet sich die Tür.

Es wird keinen nächsten Schritt mehr geben. Das Auge ist dicht über mir, ich gehe in die Knie und rutsche dabei mit dem Rücken an der Wand hinunter. Es geschieht in dem gleichen Tempo, in dem ich vorher nach rechts gegangen bin. Langsam folgt mir das Auge nun nach unten, bis ich am Boden hocke und nicht mehr tiefer kann.

Sein Sichtfeld ist jetzt noch knapp über meinem Kopf. Ich kann nicht weiter sinken und setze mich hin, versuche, die letzten Zentimeter für mich zu gewinnen. Vielleicht reicht das Blickfeld des Auges nicht so weit nach unten. Ich liege am Boden, höre auf zu atmen.

Als ich die Augen wieder öffne, sehe ich, wie der Türspion langsam wieder zurückschwenkt und in der Ausgangsposition einrastet. Einen Augenblick herrscht Stille. Dann entfernen sich die Schritte des Museumswärters hinter der Tür. Als sie im Gang verklungen sind, springe ich lautlos auf die Füße, raffe die eingerollten Leinwände zusammen und verschwinde durch den Luftschacht, durch den ich auch gekommen war.




Kerstin Nethövel ist 1971 in Essen geboren, wo sie auch lebt und arbeitet. Studium der Fächer Französisch und Deutsch. Begann 2007 Kurzgeschichten und Erzählungen zu schreiben.

Verschiedene Preise, u.a. 2020 Preisträgerin des 13. Nettetaler Literaturwettbewerbes.

Veröffentlicht seit 2017 in Literaturzeitschriften und Anthologien, u.a. Dichtungsring, mosaik, litac.

Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin und ZeitenGeist Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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