Traumleben

Julia Wehrmann für #kkl10 „Der nächste Schritt“




Traumleben

Jeder meiner Tage hat drei Quadratmeter und keinen Sinn.

Es ist Mitte August. Ich sitze in einem Gartenstuhl aus Hartplastik. Als ich ihn gekauft habe, war er strahlend weiß. Doch inzwischen haben ihn Wind und Wetter ergrauen und spröde werden lassen. Markise habe ich keine. Nicht einmal einen Schirm. Die Sonne brennt ungehindert auf mich herab.

Ich greife nach dem Glas, das neben meinem Stuhl auf den Terrakottafliesen steht, und leere es in einem Zug. Der Rotwein rinnt mir träge die Kehle hinab. Er hinterlässt ein unangenehm pelziges Gefühl auf meiner Zunge. Ich wische mir mit dem Handrücken über die Lippen, dann greife ich nach der angebrochenen Flasche. Obwohl sie die ganze Zeit über im Schatten meines Stuhls stand, ist sie inzwischen warm geworden. Ich klemme mir die Flasche zwischen Arm und Rippen und öffne den Schraubverschluss umständlich mit einer Hand und schenke mir nach. Als mein Glas wieder voll ist, ist die Flasche leer.

Man sagt, die Mittagszeit sei die heißeste Zeit des Tages. Seit diesem Sommer weiß ich, dass das nicht wahr ist. Unerträglich wird die Hitze erst am späten Nachmittag. Wenn die Sonne noch hoch am Himmel steht und die Stadt bereits langsam beginnt, die Wärme, die sie den ganzen Tag über gespeichert hat, wieder abzugeben. Mit jedem Grad, das das Thermometer weiter nach oben klettert, verstreicht die Zeit noch ein bisschen langsamer. Minuten werden zu Stunden und irgendwann ist die Hitze auf meinem Balkon kaum mehr auszuhalten.

Doch ich bleibe sitzen. Jeden Tag aufs Neue trotze ich ihr. Weil das alles ist, was ich noch kann. Und, weil sie mein Gedankenkarussell mit jeder weiteren Stunde hier draußen ein wenig mehr ausbremst, während der Wein das Übrige tut. Die Hitze macht meinen Balkon zum einzigen Ort, an dem ich mich selbst noch ertrage. Mich und den Stillstand in meinem Leben.

Meine Beine habe ich zwischen Kästen voller verdorrter Kräuterpflanzen auf dem Geländer abgelegt. Die Metallstäbe sehen aus wie die Gitter von Gefängnisfenstern. Ich starre auf meine Zehen. Von einigen Nägeln ist der schwarze Lack abgeplatzt. An manchen Stellen kommen darunter Reste älterer Farbschichten zum Vorschein. Hier ein bisschen Rot, dort ein bisschen Blau. Ich denke darüber nach, mir die Illusion von Normalität mit einer frischen Schicht Nagellack zurückzuholen.

Ich stelle mir vor, wie ich die angelehnte Balkontür aufstoße und in die angrenzende Küche trete. Ich stelle mir vor, wie ich die kleine Wohnung durchquere, die die vergangenen zwei Jahre lang mein Zuhause war. Sie ist ein wahrer Glücksgriff gewesen, damals. Als ich hergezogen bin, habe ich mich gefühlt, als wäre ich am Ziel meiner Träume angelangt. Traumstadt, Traumjob, Traumwohnung. Traumleben. Inzwischen ist von meinem Traumleben nicht mehr viel übrig.

Überall auf dem Fußboden stehen aufgeklappte Koffer und halb gepackte Umzugskartons. Meinen Fernseher und die Kaffeemaschine habe ich verkauft. Auch den Großteil meiner Möbel. Der Erlös hat mich die letzten paar Wochen noch über Wasser gehalten. Aber auch das ist jetzt vorbei. Zum Ende des Monats muss ich ausgezogen sein. Länger kann ich die Miete nicht mehr bezahlen.

Der Weg ins Badezimmer und zurück würde mich nicht mehr als eine Minute kosten. Ich nehme meine Beine vom Geländer, stemme mich aus dem Gartenstuhl und komme schwankend zum Stehen. Ob der plötzliche Schwindel von der Hitze herrührt oder vom Wein, kann ich nicht sagen. Ich stütze mich an der Hauswand ab. Meine Fingernägel graben sich in den groben Putz. Nach ein paar Herzschlägen verfliegt das Gefühl. Nur ein dumpfes Rauschen in meinen Ohren bleibt zurück. Die Idee mit dem Nagellack habe ich zu diesem Zeitpunkt schon wieder verworfen.

Stattdessen trete ich an die Brüstung meines Balkons. Der Geruch von gegrilltem Fleisch steigt mir in die Nase. An der nächsten Kreuzung befindet sich ein kleiner Dönerladen. Früher habe ich mir dort nach Feierabend hin und wieder ein Stück Baklava geholt, das auch immer ein bisschen nach Zwiebeln und Dönerfleisch schmeckte. Doch obwohl ich mich nicht erinnern kann, wann ich zuletzt gegessen habe, verspüre ich jetzt keinen Hunger. Der Geruch löst nichts in mir aus. Da ist nur Leere. Ich nehme einen großen Schluck Wein. Danach rieche ich nur noch Abgase und warmen Asphalt.

Mein Blick schweift in die Ferne, über die umliegenden Plattenbauten hinweg Richtung Horizont. Irgendwo dort hinten schlängelt sich der Fluss durch die Stadt. Die Uferpromenade war immer mein liebster Ort. An einem Sommertag wie diesem tummeln sich dort Massen von Menschen. Sie sitzen in den Bars und Cafés am Wasser, essen Eis auf den Uferterrassen, liegen am Stadtstrand in der Sonne, besuchen Konzerte auf der Flussbühne und feiern auf den Uferwiesen unter Lampions und Lichterketten nächtelang durch. Inzwischen war ich seit Monaten nicht mehr dort. Nicht am Fluss und auch sonst nirgendwo. Es fühlt sich an, als hätte ich das Recht dazu verloren. Das Recht auf diese Stadt. Mein einziger Weg führt mich Tag für Tag auf meinen Balkon, wo ich auf etwas warte, von dem ich nicht weiß, was es ist.

Vielleicht habe ich mir die letzten beiden Jahre lang etwas vorgemacht. Vielleicht bin ich einfach nicht für das Leben gemacht, das ich immer so sehr leben wollte. War es nie. Und alle, denen ich das Gegenteil beweisen wollte, sollten recht behalten.

In halte mich mit einer Hand am Geländer fest. Dann setze ich erst meinen einen, dann meinen anderen Fuß auf die untere Querstrebe. Sie passen genau in die Zwischenräume der senkrecht stehenden Gitterstäbe. Die Brüstung reicht mir jetzt nur noch knapp bis über die Hüfte. Ich lehne ich mich etwas nach vorne. Das Geländer drückt mir in den Magen. Ich beuge meinen Oberkörper noch ein Stück weiter. Dann habe ich freien Blick auf die vierspurige Straße, sieben Stockwerke unter mir. Autos schieben sich Stoßstange an Stoßstange durch die Häuserschlucht.

Ich frage mich, was wäre, wenn das Geländer jetzt nachgäbe. Meine Finger schließen sich fester um das Metall. Doch es ist zu spät. Ich verliere das Gleichgewicht. Das Weinglas gleitet mir auf der Hand. Ich sehe ihm nach und hab das Gefühl, ich falle hinterher. In die Tiefe gerissen von meinen schweren Gedanken.

Ich mache einen Satz zurück und der Moment ist vorbei. Irgendwo unter mir zerspringt mein Glas auf dem Gehsteig. Trotz des Straßenlärms höre ich das Klirren laut und deutlich. Mein Herz rast. Einige Atemzüge lang gelingt es mir noch, gegen die aufsteigende Übelkeit anzukämpfen. Dann übergebe ich mich in das stängelige Gerippe meiner Basilikumpflanze.

Als ich mich wieder aufrichte, habe ich einen Entschluss gefasst.

Es ist stockfinster im Inneren meiner Wohnung. Sämtliche Rollläden sind herabgelassen. Doch Licht mache ich keins. Ich habe Angst, dass mich im kalten Schein der Glühbirnen der Mut verlässt. Stattdessen taste ich mich langsam im Dunklen vorwärts bis an die Haustür. Ich trete ins Treppenhaus und ziehe die Tür hinter mir ins Schloss. Meinen Schlüssel habe ich auf dem Küchentisch zurückgelassen.





Julia Wehrmann wuchs im ländlichen Oberbayern auf und entdeckte dort schon früh ihre Liebe zu Geschichten. Nach einem Umweg über Regensburg, wo sie Kultur- und Politikwissenschaft studierte, lebt und schreibt sie inzwischen in Würzburg. Wenn sie nicht gerade bis zum Hals in Büchern steckt, träumt sie von Schweden: Seit einem Studienaufenthalt im Norden des Landes kann sie von endlosen Wäldern, tiefblauen Seen und Zimtschnecken nicht mehr genug bekommen.

Mehr von Julia Wehrmann gibt es auf juliawehrmann.wordpress.com.

Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin und ZeitenGeist Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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