Armbanduhren

Tilman Kressel für #kkl11 „Es kommt die Zeit“




Armbanduhren

Eine Uhr muss rund sein. Sonst haben die Tage keinen Anfang und kein Ende. Das stimmt natürlich nicht, denn Tage haben ohnehin keinen wirklichen Anfang, sondern sind immer Fortsetzung. Und sie haben kein Ende, niemals, denn immer hat an einem anderen Ort der Welt der neue Tag bereits begonnen, wenn er hier zu Ende zu sein scheint. Und immer geht sie weiter, die Zeit. Oder nicht? Irgendwann ist sie zu Ende, das ist schon klar. Darüber nachzudenken, habe ich aber keine Lust. Nicht jetzt.

Jedenfalls müssen Uhren rund sein. Denn alles geht immer weiter, solange ich lebe. 

Wenn das Zifferblatt der Uhr keinen Kreis zeigt, kann ich mir die Zeit nicht mehr vorstellen. Die auf einer Digitalanzeige gezeigte Zeit ist keine Zeit, ist immer nur ein Punkt, eine Momentaufnahme, um sofort darauf im Nichts zu enden. Sie hat keine Kontinuität.  Und dann geht sie wieder los, aber nirgendwohin.  Die Zeiger meiner runden Uhr zeigen mir, wohin die Zeit wandert. Ich kann schon vorher ein wenig davon sehen, wie die nächste Zukunft sein wird. Eine Digitaluhr gibt diese Orientierung nicht, sie zeigt weder Geschichte noch Zukunft, sie macht mich orientierungslos und ist damit lebensfeindlich.  

Mit der digitalen Vorstellung von Zeit kann ich nicht planen. Übrigens vollzieht sich der Lauf der Zeit nicht nur jeden Tag im Kreis, auch das Jahr ist für mich kreisförmig in seinem Ablauf. Die Vorstellung, dass nach Ablauf des Jahres schon ein neues bereitsteht, ist beruhigend. So kann ich planen, und nur so kann ich mir Vorstellungen davon machen, was ich in der Zukunft tun werde. Digitale Zeitvorstellungen funktionieren in meinem Hirn nicht. Sie fühlen sich bodenlos an oder haltlos. 

Zeit muss für mich nachvollziehbar sein. Und dem entspricht im Inneren der Uhr, dass ich sehen kann, was dort vor sich geht. Wie dort gearbeitet wird um mir die vergehende Zeit zu zeigen, wie die Zahnrädchen ineinandergreifen und die aufgezogene Feder die Kraft in die Zeit bringt. Meine Kraft, mit der ich die Feder aufgezogen habe, ermöglicht erst, dass meine Zeit vergeht. Deshalb auch sind die runden Zahnräder in der Uhr so wichtig und die Unruhe. Quarzkristalle, die die Zeit in kleinste Einheiten zerlegen, kann ich nicht nachvollziehen. Quarzkristalle machen die Zeit zu etwas Fremdbestimmtem, auf das ich keinen Einfluss mehr nehmen kann. Ich kann sie nicht anhalten, sie schwingen ewig weiter mit ihrer Schwingung von 32 768 Hz.

Mit einer Quarzuhr mit digitaler Anzeige kann ich den Tag nicht beenden, kein Abschluss ist möglich, und der Quarz schwingt immer weiter, solange ihm Strom zugeführt wird. Es werden Tage voller Unruhe.

Um abends zur Ruhe zu kommen, brauche ich das erneute Aufziehen vor dem Zubettgehen als Zeichen und Zäsur. 

Meine erste Uhr hatte ich mit 14 Jahren zu meiner Konfirmation geschenkt bekommen. Ein wunderbares Stück Präzision aus der Schweiz. Natürlich ging sie niemals ganz genau. Aber ich wusste, um wieviel ich sie jede Woche verstellen musste. Diese Uhr hat mich über 30 Jahre begleitet und konnte durch keine ihrer Nachfolgerinnen wirklich ersetzt werden. 

Die nächste Uhr, war eine politische Uhr. Aus einem Betrieb, der den Arbeitern gehörte, die sie produzierten. Eine zuverlässige Uhr, mit einer Batterie sicherte sie eine genaue Zeitangabe, das Zifferblatt war rund, aber sie tickte nicht. 

Dann hatte ich eine Zeit lang eine Automatikuhr, sie zog sich durch die Bewegung meines Arms auf. Ich musste also immer in Bewegung bleiben. Sollte sie nicht stehenbleiben, musste ich sie auch nachts umbinden, zumindest durfte ich nicht zu lange schlafen. Denn dann blieb die Zeit stehen. 

Ich habe noch weitere Armbanduhren gehabt, immer mit rundem Zifferblatt, aber nicht immer mit richtigem Uhrwerk. 

Jetzt trage ich die Uhr meines Vaters, sie ist rund und muss jeden Abend aufgezogen werden. Manchmal muss sie zum Uhrmacher. Dann muss sie gereinigt werden oder entmagnetisiert, damit sie wieder genau geht. Genau heißt auf ca. 2 Minuten genau am Tag. Manchmal muss auch eines der Zahnräder ersetzt werden oder die Unruhe. Der Gedanke, sie ließe sich nicht mehr reparieren ist schrecklich und ich bin bereit für die Reparatur den Neupreis mehrerer anderer Uhren zu bezahlen. 

Ich habe sie bekommen, weil mein Bruder sie nicht wollte. Er hat eine wirklich teure moderne Uhr am Handgelenk. Sie hat mehrere Tausend Euro gekostet, ist elektrisch und natürlich sekundengenau. Mein Bruder hatte immer von genau dieser Uhr geträumt. Ich glaube, er mag sie immer noch, obwohl er feststellen musste, dass sie regelmäßig zur Inspektion muss, nur dann bleibt die lebenslange Garantie bestehen. Dafür wird die Uhr in die Schweiz geschickt und kommt nach ca. drei Wochen zurück. Jede Inspektion kostet ihn 600Euro. Immerhin ist auch seine Uhr rund.

Eine Uhr soll genau sein, aber sie muss nicht ganz präzise sein. Menschlicher sind Spielräume, denn auch unser Zeitempfinden ist ja ungenau und dem Leben angepasst. Wie lange etwas dauert, hängt von der Lebenssituation ab, nicht von der technischen Messung. Und manchmal greift eine Uhr, die nicht so genau geht, selbst in das Leben ein. 

Als ich diese aufregende Frau zwei Tage zuvor in einer Taverne auf Santorini kennengelernt hatte, war ich auf Anhieb verzaubert und es bedurfte keiner großen Anstrengung von ihrer Seite, mich bereits an unserem 2.Abend zu überzeugen, mit ihr weiter zu reisen ohne festes Ziel, wohin der Zufall uns treiben sollte. Mich zu überzeugen, dass das Leben zu kurz sei um Kompromisse einzugehen. Und ihr Bild ging mir nicht eine Sekunde mehr aus dem Sinn, und es reichte aus an sie zu denken um meinen Herzschlag zu beschleunigen.  Ich war völlig grundlos bereit mein bisheriges Leben zu opfern. Den gleichmäßigen Fluss meines Lebens zu unterbrechen, das Rund meiner Tage zu beenden. Und nur meine Uhr hatte noch die Kraft über Liebe und Leben zu entscheiden. 

Wir waren morgens an der Fähre verabredet, mit der wir um 11.00 Uhr nach Naxos und von dort irgendwohin weiterfahren wollten. Und da ich in dieser Nacht kaum schlafen konnte, war ich seit 6.00 unruhig und blickte voller Sorge alle Minuten erwartungsvoll auf meine Uhr und die Zeit verging quälend langsam. Je näher der Zeitpunkt unseres Treffens und unserer Abreise kam, um so langsamer verstrich die Zeit. Ich wollte um halb elf meinen gepackten Rucksack nehmen, denn zu früh an der Fähre zu sein, war mir auch unangenehm. Alles war noch Kennenlernen und erster Eindruck und entsprechend wichtig. Die letzte halbe Stunde war inzwischen angebrochen und ich tigerte durch mein Pensionszimmer, sah immer wieder auf die Zeiger meiner Uhr, die sich nur ganz langsam weiterbewegten. Ich konnte den Fortschritt des großen Zeigers auf dem Zifferblatt kaum ausmachen. Dass sich die Zeit unendlich dehnen kann, wenn die Erwartung groß ist, ließ mich leiden. 

Es dauerte mindestens eine weitere halbe Stunde, bis ich realisierte, dass meine Uhr tatsächlich stehen geblieben war und es auf ihr niemals halb elf werden würde. 

Die potentielle Geliebte, mein greifbar naher Wunschtraum, konnte sich nicht mehr realisieren, als ich zu spät am Hafen ankam.

Dass meine Uhr mich vor einem großen Fehler bewahrt hatte, habe ich erst später begriffen. Deshalb bin ich ihr dankbar.  




Tilman Kressel

Jahrgang 1948 nach Abitur und Studium Arbeit als Schulmeister, Manager, Journalist, Coach, Berater, daneben seit 30 Jahren Kurzgeschichten und andere Texte.

Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin und ZeitenGeist Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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