Ich warte

Robert Reitz für #kkl11 „Es kommt die Zeit“




Ich warte

Egal, was ich schreibe, man wird mich für einen Lügner halten.

Ich bin entschlossen zu warten, und wenn es bis zu meinem Lebensende ist.

Es ist gleichgültig, was andere davon halten.

Es ist geschehen.

Wir waren alle vier normale Jungs, falls es so was gibt.

Stefan, Roland, Werner und ich.

Wir waren begeisterte Anhänger alter utopischer Bücher und Filme, Jules Verne und H. G. Wells und so was, und da wir, alle im Alter von neun, sehr viel Phantasie hatten, spielten wir gerne, was man eben so spielt, Utopisches. Wir drangen in das Innere der Erde vor, bekämpften diese gefährlichen Saurier, wir flogen zum Mond und zum Mars und wir überlebten meist nur knapp. Wir wussten, wir würden zurück sein bis zum Abendessen – falls wir überlebten.
Ich weiß nicht, wie es geschehen ist. Ob es Zufall war, ob wir es waren, ob die Phantasie einen eigenen Motor hat oder ob es etwas war, das ich eben nicht kenne.

Wenn es – sagen wir – ein Zufall war, dann gibt es solch große Zufälle vermutlich selten, und doch würde es einiges erklären. Zum Beispiel den technischen Fortschritt – seine Existenzberechtigung – obwohl vieles, das es gibt, natürlicherweise gibt, vielleicht für immer in Falten verborgen bleibt.

Bis jetzt versteht man wahrscheinlich kein Wort. Aber das ist nicht so schlimm, denn man wird sowieso sagen, dass ich ein Lügner bin. Das wusste ich schon von Anfang an.

Ich nehme an, Stefan wird nichts dort ändern können und gestorben sein. Oder sterben. Und es könnte sein, dass ich dabei bin.

Wir hatten ein paar Tage vorher ‚Die Zeitmaschine‘ gesehen, und selbstverständlich bastelten wir tagelang bei mir im Keller an unserem Gerümpelding, mit dem wir zehn Jahre in die Zukunft reisen wollten (erst mal sollte das genügen). Roland, Stefan und ich waren fast fertig, als Werner auf die Idee kam und sagte, er wolle zum Schwimmen. Es war ja Sommer draußen in der echten Welt und Roland ging mit Werner los zum See; ich bin froh, dass ich mit Stefan geblieben bin, denn er war entschlossen, die Maschine fertig zu stellen und zu ‚testen‘. Das schafften wir, nur noch die Feinheiten der Armaturjustierungen auf zurecht geschnittenen Banananenkistenpappescheiben erledigen, und Stefan stellte die Maschine mit dem Bügeleiseneinstellrad auf „10 Jahre Zukunft“ ein (nur um zu testen). Leider hatte die Maschine nur einen einzigen (alten Klappstuhl-) Sitz, daher konnte immer nur einer reisen – aber das war ja bei Wells nicht anders gewesen – und dieser eine war jetzt als Erster Stefan (weil er die Idee gehabt hatte). Er stieg ‚ein’, winkte kurz und drückte auf den Hemdknopf, welcher der Startknopf war. Und dann war er samt ‚Maschine’ weg. Ganz weg. Es hat nicht mal ein Geräusch gemacht.

Ich habe nie erzählt, was passiert ist. Nicht Stefans Eltern, nicht der Polizei, nicht Roland, nicht Werner. Ich rief ihn. Ich suchte ihn draußen. Ich dachte, vielleicht taucht er wieder auf. Bald wieder auf. Nach zwei Wochen begriff ich, dass die Welt jetzt ohne Stefan war.

Vielleicht war das Ding, das wir gebastelt hatten da im Keller, gar keine Zeitmaschine, und der Transport brachte Stefan in die ewigen Jagdgründe, aber wovon soll man überzeugt sein, wenn man nicht den geringsten Hinweis hat?

Also glaube ich: Unsere Maschine hat gemacht, wozu sie da war, und er reiste in die Zeit. Vielleicht tatsächlich 10 Jahre. Hoffentlich werde ich ihn dort sehen können. Eigentlich glaube ich das nicht, weil ich denke, dass er dort nicht sein darf. Und ich weiß auch nicht, ob er mich sehen können wird. Für ein Zurück war die Maschine offenbar nicht konstruiert (sonst wäre Stefan ja längst wieder da). Und da er jetzt immer noch nicht da ist, all diese Jahre nicht zurückgekommen ist, hat er diesen Fehler nicht beseitigen können, so viel steht fest.
Ich sitze hier im Keller, sitze hier seit neun Jahren und ich warte auf den Moment, in dem die Maschine hier durchkommt, den Moment eines vielleicht sehr kurzen Wiedersehens mit Stefan, und ich muss aufmerksam sein. Obwohl ich natürlich nicht wissen kann, ob es und wann es sein wird und ob es nicht schon vor zwei Dutzend Millionen Jahren war oder in zwei Dutzend Millionen Jahren sein wird, aber ich warte; ich warte hier auf ihn auf jeden Fall so lange, wie ich kann.




Robert Reitz wurde in München geboren und lebt seit Ende 2004 in Frankfurt am Main. Er ist Heilpädagoge, wechselte zwischendrin mal in die IT-Branche und war mehrere Jahre lang Berater für Kommunikationssoftware; arbeitet seit 2008 wieder als Pädagoge. Mehrere Jahre am Theater, unter anderem für das „Freie Theater München“, „JT Biederstein“ und „Phönix aus der Asche“.

Er war von 2002 bis 2007 Redakteur des Story- und Satireportals HERBST (Online-Magazin und Printausgaben) und in diesem Rahmen bei Lesungen zu sehen, unter anderem im „Münchner Schlachthof“ oder der Marburger „Cavete“.

Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin und ZeitenGeist Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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