Am Scheideweg

Lasse Thoms für #kkl11 „Es kommt die Zeit“




Am Scheideweg

Es kommt die Zeit, da wir uns entscheiden müssen, was wir tun wollen, wenn man uns fragt: Was willst du tun? Und es kommt die Zeit, da die Entscheidung, was zu tun ist, auch die Entscheidung darüber ist, wer wir sein wollen.

Er hatte das Gefühl, das – oder etwas ganz Ähnliches – schon einmal irgendwo gehört zu haben. Er selbst wäre sonst nicht auf diesen Gedanken gekommen. Wenigstens hätte er ihn nicht so artikuliert. Es war, merkte er, wie die Situation, die er vor Jahren, in einem Philosophiekurs an der Uni das erste Mal gehört hatte. Wie lange war das her, zwanzig Jahre? Er wusste es nicht genau. Dadurch, dass sich allein die letzten zehn Minuten angefühlt hatten, als würden sie zugleich tausend Jahre und eine Sekunde dauern, hatte er sein Zeitgefühl verloren.

Die Situation, wie sie ihm der grauhaarige Professor in seinem Tweedjackett erklärt hatte, ging ungefähr so:

Stellen Sie sich vor, sie sitzen in einem Kontrollzentrum der Armee und bekommen einen Notruf, dass irgendwelche Verrückten ein Flugzeug mit zweihundertdreizehn Menschen an Bord entführt haben und planen, es in das Fußballstadion mit hunderttausend Fans abstürzen zu lassen. Sie haben vor sich ein Kontrollpanel mit einem Knopf. Drücken Sie ihn, schießen sie eine Rakete auf das Flugzeug und es damit vom Himmel. Was tun Sie?

Im Kurs damals hatte es hitzige Diskussionen gegeben, an so viel erinnerte er sich noch, als er sich mit einer zitternden Hand den Schweiß von der Stirn wischte. Denn natürlich hatte es beide Lager gegeben, die, die argumentierten, dass man den Knopf drücken müsste. Man opferte zweihundertdreizehn Menschen, ja, aber man rettete so viele mehr!

Dann gab es die anderen, die argumentierten, dass man Leben nicht zählen könnte, dass man ein Leben nicht gegen ein anderes (und auch nicht gegen zwei andere) aufwiegen konnte.

Und dann gab es natürlich noch die letzte Gruppe, die derer, die schwiegen und sich zwar auch ihre Gedanken machten, die sich aber einfach nicht entscheiden konnten. Das waren diejenigen, die am Ende der Sitzung froh waren, dass es alles nur ein Gedankenexperiment gewesen war.

Er hatte damals zu dieser letzten Gruppe gehört.

„Fünf Minuten bis zum erwarteten Zusammenstoß!“, rief jemand.

Der Mann vor dem Knopf legte die Hände vors Gesicht. Oh lieber Gott, ich träume, nicht wahr? Ich wache gleich einfach zuhause in meinem Bett auf, nicht?

Der Gedanke kam ihm so, fragend, flehend, obwohl er nicht einmal an Gott glaubte. Jemand packte ihn an der Schulter, schüttelte ihn und sagte: „Hey, Schatz, du solltest aufstehen. Es ist Sonntag, und es gibt jetzt Frühstück.“

Er wandte sich um, nahm die Hände herunter und das Lächeln, dass er auf seinem Gesicht getragen hatte, erstarrte. Dann erstarb es. Das war nicht seine Frau, die ihn an der Schulter gerüttelt hatte.

„Haben Sie gehört, was ich gesagt habe?!“, rief der junge Soldat, der offensichtlich kurz vor einem Nervenzusammenbruch stand. „Erwarteter Zusammenstoß in vier Minuten. Unser Schussfenster schließt sich in zwei Minuten!“ Er sah ihn an und flehte fast: „Major, Sie müssen jetzt eine Entscheidung treffen!“

Er nickte. Der junge Mann sah fast erleichtert aus.

Der Major drehte sich wieder dem roten Knopf zu. Der Knopf leuchtete nicht, und das brauchte er auch nicht. Er wusste, was er war und was passieren würde, wenn er ihn drückte. Oder wenn er ihn nicht drückte.

Er dachte an seine Frau und seinen Sohn, dachte an den Urlaub am Meer im letzten Sommer. Wünschte sich, jetzt dort zu sein, oder zuhause im Bett, oder irgendwo anders. Dann stellte er sich vor, er säße jetzt in dem Flugzeug. Oder im Stadion.

Würde er wollen, dass man dann den Knopf drückte? Nun, das kam ganz darauf an, wo er denn nun war. Und wenn seine Familie im Stadion wäre, und er im Flugzeug? Das war leichter. Oder so dachte er zuerst.

Was ist mit den Familien der Leute, die im Flugzeug sitzen?

Was mit den Angehörigen der Menschen aus dem Stadion?

Er verstand jetzt endlich, warum Philosophen solche Gedankenspiele liebten und er sah ein, dass es keine richtige Entscheidung gab.

Dennoch, er musste sich entscheiden, und zwar nicht im wissenschaftlichen Vakuum eines Seminarraum, wo die schlimmste Konsequenz seiner Entscheidung die wütenden oder protestierenden Reaktionen seiner Kommilitonen sein würde.

Hier und jetzt musste er darüber entscheiden, ob er zweihundertdreizehn Menschen, Männer, Frauen und Kinder, Väter und Töchter, Großmütter und Enkel, abschießen ließ, um hunderttausend andere Menschen zu retten.

„Sir, was tun wir?“, fragte der panische junge Mann hinter ihm. Unser Schussfenster schließt sich in sechzig Sekunden!“

Er wusste es nicht. Er wusste aber, dass die Frage eigentlich lautete: Was tun Sie?

Für einen Moment schien die Zeit stillzustehen, auch wenn sie fast um war. Für einen Moment gab es für den Major nur ihn und seine Gedanken, schwebend im Vakuum.

Er dachte an seine Familie. Er stellte sich vor, wie er heute Abend nach Hause kommen würde, wie seine Frau auf ihn zukäme und er sie umarmte. Würde sie ihn fragen, warum er sich so oder so entschieden hatte? Würde sie ihn anschreien?

Er stand jetzt wahrlich am Scheideweg. Keiner sollte diese Entscheidung von ihm verlangen dürfen und doch…

Was für ein Mensch möchtest du sein? Einer, der hunderte getötet hat? Einer, der zehntausende hat sterben lassen?

Er sah den roten Knopf an und streckte die Hand aus, um –

Er schlug mit der Faust auf den Tisch. „Gottverdammt!

„Unser Schussfenster ist zu!“

„Jetzt können wir nur noch beten“, murmelte der Major und das tat er. Er schloss die Augen und bat Gott, ihm zu sagen, ob er die richtige Entscheidung getroffen hatte.

Nach einer Ewigkeit sagte jemand: „Sir… Das, das ist unglaublich. Das Flugzeug dreht ab! Es dreht ab!“

Zuerst traute er seinen Ohren nicht. Als er aber hörte, wie die anderen jubelten, schlug er die Augen auf und sah, dass sie das tatsächlich taten. Sie fielen einander um den Hals und weinten, doch sie weinten vor Erleichterung.

Und er, er schloss sich ihnen an. In diesem Moment konnte der Major fast wieder an Gott glauben.





Lasse Thoms ist 21 und lebt in Hamburg. Aufgewachsen ist er mit seinen beiden Brüdern und über die Jahre mehreren Hamstern in einem kleinen Ort bei Münster in NRW.

Seine ersten einigen kurzen Geschichten schrieb er in der Grundschule. In den Jahren seitdem haben sich zwar die Themen verändert, die Lust am Schreiben aber nicht. Höchstens hat sie noch zugenommen.

Lasse Thoms hat Prosa- und Lyrikbeiträge in Online-Magazinen und Sammelbänden veröffentlicht. 

Veröffentlicht von kklkunstkulturliteratur

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

Ein Kommentar zu “Am Scheideweg

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