Mangold

Jonas Müller, für #kkl11 „Es kommt die Zeit“                                  



                                 Mangold

Sein Defaultsetting für Nachmittage unter der Woche setzte auf eine erhöhte EMA (Erregbarkeit, Muskelaktivität, Anspannung) für die anderthalb Stunden mit seinem Trainer, gefolgt von einer deutlichen Absenkung derselben, um im Gegenzug Transmitter auszuschütten, die den STB (Sauerstoffausbeute, Tonus, Blutdruck) senken und den Ruhemodus (Wachsamkeit, Reizbarkeit, Kurzzeitgedächtnis – // Unterbewusstes, Zellerneuerung, Müdigkeit +) aktivieren würden. Außerdem drehte er für gewöhnlich auf dem Emometer die Intensität seiner Gefühlsreaktionen im Ganzen stark nach unten und reduzierte Ängstlichkeit, Rührseligkeit und Intelligenz dann noch einmal zusätzlich. (Es sei denn, er hatte vor einen Roman zu streamen). Sein GBM (general bio management) Coach hatte einmal gesagt, zu anderen Zeiten wäre er ein Trinker oder opiatabhängig gewesen. Das war natürlich nur eine Illustration seiner üblichen Warnung, dass ein zu häufiges Herunterregeln von Ängstlichkeitsmechanismen zu einer Anhebung des Angstspiegels per se führen würde. Er hatte, ohne nennenswerte Erfolge, immer versucht, die Worte seines Coaches ernst zu nehmen. Seit etwa einem Jahr aber fand er, mit dem Ende derart nah vor der Nase sei Nachhaltigkeit keine Priorität mehr.

Einige Male hatte er sogar in wenigen Morgenstunden alle ihm für den Tag zur Verfügung stehenden Glückstransmitter ausgeschüttet und sich für die restlichen Stunden so gut wie sediert. Aber selbst der Junky Teil seines Gehirns fand, dass dies keine besonders effektive Ausnutzung der ihm verbliebenen Zeit war. Sich erst nach dem Nachmittagssport – im Kontrast zum bereits verlebten, weniger stark gefilterten Tag – an den Reglern seines Emometers, hormonic EQ’s (auch Hormonium genannt) und BBFM (basic body frequency modulator – dessen Stellschrauben eigentlich gar nicht für ihn zugänglich hätten sein dürfen) zu vergehen war weit wirkungsvoller. Seit sein Alter Dreistelligkeit erreicht hatte, vergingen die Stunden derart schnell, dass der Aufschub seiner Dopamindusche bis zum Abend kaum mehr schwerfiel. Tage dauerten heute nur noch so lange wie früher das Warten auf das Blubbern im Wasserkocher. Ob sich die Tatsache, dass er darauf mit keinerlei bucket-list-Panik reagierte, auf seine Einstellung (er fand diese bucket-lists [Auflistungen von Sachen, die man im Leben erlebt haben will] wirklich bescheuert) oder ziemlich konsistente Selbstbetäubung zurückführen ließ, war unklar. Er selbst war ohnehin der stillen Überzeugung, dass solche Unklarheiten nun mal meistens die Antworten abgaben, die der Wahrheit am nächsten kamen.

Die Welt schien aus verschachtelten Zusammenhängen zu bestehen. Der Mensch sucht aber nach eingängigen Leitsätzen.

Nehmen wir zum Beispiel die Frage:

„Macht Reichtum glücklich?“

Mit einem:

„Eine Zunahme an Besitz erhöht bis zu einem Niveau von etwa 49.000 CIPU in 76 % der Fälle das durchschnittliche Wohlbefinden. Ein Verharren auf dieser oder einer höheren Wohlstandsstufe nach einem Anstieg wird jedoch in der Mehrzahl der Fälle nicht als Zustand gehobenen Wohlbefindens gewertet. Ausnahmen bilden Probanden, die in äußerst prekären Verhältnissen aufgewachsen …“,

ist den meisten wenig gedient.

Ihnen verlangt es nach einem:

„Geld macht nur glücklich, wenn man es mit jemandem teilen kann.“,

oder

„Wer mehr hat, hat mehr Sorgen.“

Die Realität ist den Leuten in der Regel zu komplex, sodass sie Sinnsprüche dichten und als Wahrheit deklarieren, um sie sich ein wenig einfacher zu tünchen.

Er selbst hatte sich irgendwann für die Zahlenmystik als Hauptquelle seiner Alltagsweisheiten entschieden. Diese hatte Richtlinien und praktische Tipps für alle Lebensbereiche im Angebot. Jede siebente Mahlzeit durch eine Karotte zu ersetzen zum Beispiel oder jeden Tag um dieselbe Uhrzeit aufzustehen und schlafen zu gehen. Diese Lebensanschauung mit den unverblümt post-religiösen Tendenzen hieß mit vollem Namen eigentlich:

neosophistische Auslegung der Zahlenmystik im späten Cloud Chain Zeitalter.

Ihre Vertreter bekundeten keinerlei Interesse an einer metaphysischen Wahrheit und beriefen sich einzig auf wiederholbare Ergebnisse. Sie nannten es denn auch nicht Mystik, sondern Zahlenpragmatik (was sich aber im allgemeinen Sprachgebrauch nicht durchsetzen konnte). Ihre Lehre richtete sich an praktischen Maßstäben aus, und war nur insofern mystisch, als dass sie sich nicht für die Gründe interessierte, aus denen etwas funktionierte. Stattdessen suchte sie nach Regeln, die einem das Leben veredeln sollten, und seien sie auch noch so aberwitzig.

(Insbesondere machten sich Scientistians und Retronauten über die Partnersuche auf Grundlage der Schulterblattanalyse und die binäre Ernährung lustig.)

Die Statistiken, auf denen die Handlungsempfehlungen der Mystiker basierten, waren sehr umstritten. Im Grunde konnte jeder bestimmte Verhaltensmuster ausprobieren, dann in seinem Bekanntenkreis empfehlen und aus den subjektiven Resultaten Allgemeinplätze ableiten. Das taten auch nicht wenige und wurden zu so etwas wie lokalen Gurus des Nummernkultes. Bis auf gelegentlich auftauchende Berührungspunkte mit rassistischen, sexistischen oder ähnlichen Tendenzen (schwangere Frauen in geradzahligen Monaten meiden), die sich nie sehr weit verbreiteten oder lange hielten (immerhin, waren die Zahlenmystiker in gewisser Weise die Hippies ihrer Zeit) blieb die Sache aber harmlos. Für ihn stellte das Ganze weniger etwas zum daran glauben dar, als vielmehr etwas, um sein Handeln daran zu orientieren. ..zum dran festhalten.

Klassisches neosophistische Zahlenmystik Klientel, also.

Auf diese Weise hatte er auch den Zeitpunkt seines Todes bestimmt. Während die Scientistians einen komplizierten Formelkomplex zur Berechnung des idealen Sterbealters heranzogen und die Retronauten meinten, wenn es so weit sei, würde man es schon merken; waren die Zamys (Zahlen Mystiker) der Ansicht, das ideale Todesszenario fände exakt 178 Jahre, drei Monate und vier Tage nach der Geburt statt. Damit lagen sie gar nicht mal fern von dem, was die Scientistians im Schnitt auf Grundlage der Auswertung ihrer Wohlfühlkurven, Körperlicher-Zerfall-Indexe, Vorhersagbarkeitsanalysen etc. ermittelten. Retronauten starben ebenfalls zu 96 % zwischen einem Alter von 159 und 181 Jahren. Lediglich die Anhänger des Glaubentums waren der Überzeugung, dass Selbstmord eine Sünde sei. Diese Ansicht entlehnten sie freilich von den rein biologischen Pre-Menschen aus grauer Vorzeit, als man noch mit einem natürlichen Tod hatte rechnen dürfen.

Im Gegensatz zu den bulis (bucket listler – Senioren, die in ihrem letzten Jahr rumrannten und versuchten, ihr Leben nachzuholen), war ihm selbst gegen Ende überhaupt nicht mehr nach Sturm und Drang. Im Gegenteil empfand er es als Befreiung, sämtliche Ambitionen und Vorhaben fahren zu lassen. Nichts schien mehr allzu wichtig und er war oft erstaunt, wie gut so ein Stück Rhabarberkuchen schmecken konnte, war man erst einmal von der Last des Lebens befreit.




Jonas Müller, geboren am 8.11.1984, wuchs auf den Hinterhöfen Berlin Friedrichshains auf und wurde Erzieher.

Seitdem lebt er für

die Arbeit mit beeinträchtigten und vernachlässigten Kindern überall auf der Welt

(Berlin, Kenia, St Petersburg, Kamerun, Rumänien),

die Schreiberei           (Lesebühnen in Berlin, Nairobi, Douala;

                                   Mitglied der Berliner Federlesen Autorentreffen;

                                   #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin

                                   Smart Storys Verlag – Österreich)

und das Musizieren.

Er widmet sich dem Merkwürdigen und Eigenartigen in Geschichten, Essays und Liedern.

Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin und ZeitenGeist Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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