Ein demokratisches Schreibzeitalter

Simon Scharm für #kkl11 „Es kommt die Zeit“




Ein demokratisches Schreibzeitalter

Ob jemand ein Schriftsteller wird oder nicht, hängt in vielen Fällen von einer Laune des Zufalls ab. Im Nachhinein behauptet man jedoch oft, etwas habe so oder so kommen müssen, wie es schließlich gekommen ist. Wittgensteins Kritik an Freuds Psychoanalyse setzt an diesem Punkt des Kausalzusammenhangs an, da der Psychiater mit dem Patienten die Ursache seines Leidens in der analytischen Rückschau herauszufinden versucht: Die Wirkungen eines psychischen Leidens werden im Nachhinein auf Ursachen zurückgeführt. Eine solche Herangehensweise tadelt Wittgenstein, da den Dingen in der Nachbetrachtung immer der trügerische Schein der Notwendigkeit anhafte. Dabei vergesse man jedoch leicht, dass es hätte anders kommen können. Man dürfe nicht außer Acht lassen, dass die Identifizierung einer Ursache stets in der Rückschau erfolge, im Nachgang einer Wirkung, worin ein entscheidendes Problem liege, weil dem Zuordnungsprozess, welche Ursache denn zur beobachteten Wirkung gehöre, ein konstruierender Charakter innewohne. Wer nach Gründen sucht, findet sie, indem er sie erfindet. Daraus folgt: Eine Kunstgeschichtsschreibung, die strikt zwischen Künstlern und Dilettanten unterscheidet, ist blind; erstens gegenüber ihrer kreativen Eigenleistung und zweitens in Bezug auf das äußerst brüchige Fundament ihrer Urteile. 

Wenn Kunst auf einer Differenz von Innen und Außen basiert, stellt sich die Frage, wer darüber entscheidet, was Kunst ist. Gibt es objektive Kriterien, die ein Kunstwerk bestimmen? Ist Kunst eher ein rezeptionsästhetisches Phänomen? Eine Ausstellung im Museum Folkwang in Essen widmet sich dieser Thematik und stellt die Werke etablierter Künstler wie Emil Nolde und Pablo Picasso zusammen mit den Werken von Außenseitern der Kunst aus, sogenannte Naive, deren Namen wenige kennen: Camille Bombois oder Nikifor Krynicki. Dabei wird deutlich, dass die Grenzen zwischen Innen und Außen, zwischen Künstler und Dilettant, fluid sind. Aber es zeigt sich auch: Obwohl die Kriterien nicht eindeutig bestimmbar sind, was als Kunst gewertet wird und was nicht, existiert doch ein unverrückbares Bedürfnis nach Distinktion, wie auch immer sie sich Bahn bricht. Deshalb rufe ich den Kunst- und Literaturkennern dieser Welt zu: Nennt mich einen Dilettanten, stellt mich in eine Reihe neben Camille Bombois und Nikifor Krynicki, aber veröffentlicht mich! Als Dilettant veröffentlicht zu werden, lässt mich hoffen, eine Eintrittskarte in den erlesenen Zirkel der Kunstschaffenden zu ergattern, und sei es als blinder Passagier.

Noch nicht veröffentlicht worden zu sein, versetzt mich in einen Katzenzustand. Denn solange ich nicht weiß, ob meine Texte in eine Publikation münden, ist Schrödingers Katze in der Kiste beides zur gleichen Zeit: tot und lebendig. In diesem unbestimmten Zustand werde ich verharren, bis mir die Veröffentlichung gelingt. Solange dies nicht geschieht, ist alles möglich. Selbst wenn ich ein Leben lang unveröffentlicht bliebe und als Dilettant stürbe, bestünde die Möglichkeit, post mortem zum Künstler aufzusteigen (Beispiele dafür gibt es genug). Da ich im Zögern und Zaudern geübt bin, finde ich Gefallen an meiner Position im Katzenzustand, weil sie es mir ermöglicht, zu träumen, alles und jeder sein zu können, ohne es zu müssen. Der Schriftsteller dagegen, dieser Gutsherr der Fiktion, kann es sich nicht leisten, das eigentliche Leben zu meiden, denn er muss seinen Ruf kultivieren, er muss Beziehungen zum Lektor und zum Verleger pflegen, er muss sein Werk auf dem Büchermarkt anpreisen; mit anderen Worten: Er muss gefallen. Solcherlei lästige Notwendigkeiten, die dem Ernst der Welt der Zwecke angehören, bleiben mir, dem leidenschaftlichen Zauderer, erspart. Dilettanten sind Menschen im Katzenzustand, Schriftsteller in spe.

Es gilt, die alte Dichotomie von Künstlertum und Dilettantismus zu überwinden. Dies wird in einer neuen Zeit geschehen: im demokratischen Schreibzeitalter. Dabei handelt es sich um ein individualistisches System totaler Inklusionsbereitschaft. Die Hürde zur Teilnahme am demokratischen Schreibzeitalter ist glücklicherweise niedrig gesetzt, weil Schreiben zu den einschlägigen Kulturtechniken zählt. Schreiben ist keine heilige Berufung und im demokratischen Schreibzeitalter auch kein Beruf mehr, deshalb wird es zum Lebenselixier des Einzelnen, der weder als Gebildeter noch als Ungebildeter, weder als Mann noch als Frau, weder als Priester noch als Beamter agiert: Im Werk, das eine Person schöpft, scheint das Besondere, Eigenartige, Seltsame dieser Persönlichkeit auf, auch wenn sich darin letztlich nicht der Mensch selbst offenbart, sondern ein einigermaßen verzerrtes Spiegelbild desselben, aber doch immerhin dessen Bild. Auf jeden Fall zeigt sich eine einzigartige Perspektive auf die Welt. Im demokratischen Schreibzeitalter sind das Gute, Wahre und Schöne keine exklusiven Kategorien mehr, sondern relative und konjunktivische Vokabeln. Nicht die Wenigen schreiben, die Vielen tun es. Das ganze Volk, es schreibt. Und wenn ein Volk dem Schreiben ergeben ist, könnte derjenige, der sich die Zeit dafür nähme, alle diese Werke zu lesen, ein mannigfaltiges Portfolio niedergeschriebener Perspektiven ergattern. Er könnte ein Bild von Ganzheit erfahren, nichts weniger als empirisch fundierte Wahrheit sehen. Der Dilettant wird dann nicht länger vom Künstler zu unterscheiden sein, denn wenn im demokratischen Schreibzeitalter jeder ein Künstler ist, ist zugleich niemand mehr ein Künstler.

Für die Erfüllung des demokratischen Schreibzeitalters müssen Voraussetzungen geschaffen werden, beispielsweise die Vereinbarkeit von Schreiben und Beruf. Sofern jemand einem sogenannten ordentlichen Beruf nachkommen muss oder will, stellt dies kein Hindernis auf dem Weg zur Vervollkommnung des angestrebten, utopischen Zustands eines schreibenden Volkes dar, weil sich jeder Bürger spätestens nach Feierabend oder an Wochenenden der Muße des Schreibens widmet. Muße bedeutet im Zusammenhang mit Schreiben einen Rückzug aus dem sozialen Kontext, weil für Introspektion zumindest temporäre Abgeschiedenheit nötig ist. Der Prozess der Vereinzelung ist eine wichtige und unverzichtbare Konzentrationsübung. Zwar bezieht sich der Schreibende auf die Gesellschaft, aber im Schaffensprozess steht er außerhalb ihrer; zeitweilig ist er allen sozialen Kontexten enthoben. Wer mit dem Schreiben eines Werks befasst ist, positioniert sich fern der Macht auf einem ästhetischen Standpunkt. Der wahrhaft Schreibende begibt sich in eine Situation der Uneigentlichkeit und entsagt den weltlichen, eigentlichen Begierden, weil er für das Regieren keine Zeit hat: Steuern erheben oder senken, Kriege vorbereiten oder verhindern, Minderheiten stärken oder diskriminieren…

Die Herrschaft des demokratischen Schreibzeitalters bedeutet eine Revolution, die einer Unterstützung durch Bildungsprozesse bedarf. Wie jede Revolution geht sie mit einer umfassenden Umwälzung der Lebensverhältnisse einher. Allerdings vollzieht sich diese Umwälzung nicht plötzlich, sondern allmählich. Der neue, schreibende Mensch gedeiht naturgemäß nicht unter Zuhilfenahme von Waffengewalt oder anderen, feineren Zwangsmaßnahmen, sondern es braucht jene Bildungsprozesse, die diesen Wandel im Zeitraum mehrerer Jahrzehnte begleiten. Der Mensch im demokratischen Schreibzeitalter verlangt nicht mehr nach Führung, er führt sich selbst. Er verfolgt nicht mehr anderer Leute Ziele und Werte, sondern nur noch solche, die er sich selbst gesetzt und ausgesucht hat und für die er lebt, als ob sie wahr wären, wodurch er jederzeit zur Selbstkorrektur fähig ist.

Längst sind nicht alle Implikationen des demokratischen Schreibzeitalters erfasst. Es lebt die vage Hoffnung, dass es keinen von monetären Interessen dominierten Buchmarkt und keine geltungsbewussten Autoren geben wird, die um Aufmerksamkeit buhlen. Jedes Werk im demokratischen Schreibzeitalter besitzt grundsätzlich die gleiche Wertigkeit, keines ist dem anderen übergeordnet. Obwohl sich die Leseinteressen unterscheiden, wird es dennoch Geschriebenes geben, das sich besonderer Popularität erfreut und häufiger gelesen wird als andere Schreibsachen. Entscheidend dafür, was gefällt und was nicht, ist die Art und Weise, wie ein Schreibender seine Sätze bildet. Deshalb weiß ein Leser bereits nach wenigen Seiten Lektüre, ob ihm ein Buch zusagt oder nicht, ähnlich dem ersten und entscheidenden Eindruck von Sympathie oder Antipathie gegenüber einem anderen Menschen, der sich nur Sekunden nach dem Kennenlernen in uns formt.

Der beabsichtigte Wettbewerb um Leser wirkt als Ansporn im Bemühen, gut zu schreiben und erhöht insgesamt die Qualität der Erzeugnisse. Das neue Schreibzeitalter nährt einen Möglichkeitsraum, in dem sich ein radikaler, heilsamer Einbruch der Fiktion in die Lebenswirklichkeit der Menschen ereignet, gleichbedeutend der verführerischen Aussicht auf eine Vergeistigung sämtlicher Verhältnisse, wodurch dem Ernst der Welt der Zwecke ein Tiefschlag widerfährt, von dem er sich kaum mehr erholen wird. Das Begehren der Fiktion gewinnt eine anthropologische Dimension im Sinne einer conditio sine qua non: Wie ein Mensch als natürliches Lebewesen atmen muss, so muss er als Kulturwesen schreiben.

Zwar ist in der Vision des demokratischen Schreibzeitalters das künstlerische Feld zunächst auf die Literatur beschränkt, aber das Schreiben tritt hier als Chiffre für Kunst allgemein auf. Der Sinn der Utopie würde nicht verfehlt, betätigte man sich auf einem anderen künstlerischen Pfad als dem des Schreibens. Man kann vermutlich ebenso im Schach oder auf dem Klavier Gebrauch von seiner eigenen Perfektibilität machen; auch das Programmieren von Computerspielen erscheint hierfür nicht ungeeignet. Zentral ist der geistige Aspekt des künstlerischen Schaffens, bei dem ein Einzelner die Inventur am eigenen Selbst wagt, wozu er sich temporär aus der sozialen Sphäre zurückziehen und es aushalten muss, mit sich selbst allein zu sein. Etwas für die Kunst zu tun, bedeutet, etwas für sich selbst zu tun und wichtige lebensphilosophische Fragen zu beantworten: Wer bin ich? Was kann ich wissen? Was soll ich tun?

Da die Revolution durch Bildung keine plötzliche Umwälzung aller Verhältnisse bedeutet und aufgrund ihrer Langsamkeit kaum als Revolution kenntlich ist, kann niemand genau sagen, wann ihr Erfolg tatsächlich eingetreten sein wird. Man erahnt, dass die Welt zu einer anderen würde, ob sie auch eine bessere wäre, weiß niemand – zu hoffen bleibt es natürlich. Da jedes Werk notwendig ein fragmentarisches ist, ist der Einzelne niemals damit zufrieden, was ihn zu immer neuen Versuchen antreibt, endlich das erhoffte, letzte Werk zu vollenden, nach dem nichts mehr gesagt werden kann, weil damit alles gesagt sein wird. Die Hoffnung auf diesen Befreiungsschlag entspricht der religiös gefärbten Sehnsucht nach Erlösung, doch letztlich bleibt sie dem Schaffenden versagt. Sein Begehren, neu zu beginnen und dabei anders zu schreiben, besser zu schreiben, ist jedoch glücklicherweise derart stark, dass die verschwindend geringe Aussicht auf einen Durchbruch den Schreibenden am Ende dennoch nicht von seinem schönen Bemühen abhält.





Simon Scharm, 31, lebt in Mainz. Dort schreibt er eine Doktorarbeit. Bis 2019 hat er in Berlin als Lehrer gearbeitet. 2017, 2019 und 2020 hat er sich (erfolglos) für einen Studienplatz am Leipziger Literaturinstitut beworben. Aber er schreibt weiter.

Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin und ZeitenGeist Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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