Der Traum

Guido Blietz für #kkl11 „Es kommt die Zeit“




Der Traum

Ich befand mich im Wald meiner Kindheit, wo ich, zwischen Brombeerbüschen stehend, die Früchte von den Zweigen zupfte und genießerisch verzehrte. In Sichtweite meiner Position gewahrte ich auch die drei Findlinge aus weißem Sandstein, in deren Nähe vor Jahren steinzeitliche Besiedelungsspuren entdeckt worden sind und auf denen ich als Kind mit meiner Schwester gespielt und in die wir unsere Namen eingeritzt hatten. 

   Ein Tierlaut erregte meine Aufmerksamkeit und lenkte mich im Weiteren vom Genuss der Beeren ab. Ich wandte mich um, in die Richtung aus der ich den Tierlaut vernommen, und erblickte auf einer grünen Weide, in der Nähe eines schilfbewehrten Teiches, eine Herde Schafe, deren Wolle in der Sonne weiß glänzte. Ein unwiderstehliches Verlangen, mich den Tieren zu nähern, ihnen mit beiden Händen in die Wolle zu greifen, bewog mich dazu, die Brombeerbüsche zu verlassen. Ich bewegte mich mit Vorsicht durch das dornige Dickicht, doch als ich den Waldweg erreicht hatte, den die Büsche flankierten, verspürte ich plötzlich einen brennenden Schmerz. Ich sah an mir herunter und erschrak als ich bemerkte, wie sich der Stoff meiner zerrissenen Hose mit Blut vollsog. Beinahe wollte es mir scheinen, als hätten die Büsche versucht, mein Entkommen aus ihrer Mitte zu verhindern, denn wie mit Raubtierkrallen hatten ihre Dornen mir ins Fleisch geschnitten.

   Kaum noch in der Lage, einen Fuß vor den anderen zu setzten, erreichte ich unter Schmerzen die Weide mit den Schafen. Sofort kam ein Jungtier auf mich zu, da es den Geruch der Brombeeren witterte, die ich noch in meinen Händen hielt. Ich gab ihm zu fressen, und als es mir auch noch den Fruchtsaft von den Fingern geleckt hatte, ging es dazu über, meine blutenden Beine in Augenschein zu nehmen. 

„Seien Sie vorsichtig“, rief mir ein Schafhirte zu, der sich von fern her näherte. „Es darf ihre Wunden nicht lecken“.

Wie zum Beleg für seine Warnung, fuhr er dem Tier über Nase und Schnauze und zeigte mir sodann seine von Schmierfett und Maschinenöl verschmutzte Hand. Ich schob das Tier entschieden beiseite, da es sich schon anschickte, mir das Blut zu lecken und wartete auf die Erklärung des Schäfers. 

„Das sind keine Schafe“, sagte er entschuldigend und griff mit beiden Händen nach dem Kopf des Tieres, drehte diesen entschlossen zur Seite, dass ich dachte, dem Schaf werde das Genick gebrochen, und entfernte den Kopf vom Rest des Körpers mit einem Ruck. Sprachlos blickte ich auf das zerlegte Tier, denn was ich nun zu sehen bekam, überraschte mich über jedes Maß. Statt auf Muskelgewebe, Sehnen und Knochen, blickte ich auf elektrische Drähte, Schaltkreise und rhythmisch leuchtende farbige Dioden. 

„Nur eine Maschine“, sagte der Schäfer und setzte hinzu: „Allesamt“. Dabei deutete er auf die grasende Herde. 

Ich wollte wohl etwas entgegnen, doch hielt mich der Schmerz davon ab, denn meine Wunden begannen immer stärker zu bluten. Ein starkes Verlangen nach einem Bad im Teich ergriff nun von mir Besitz, denn von seinem Wasser erhoffte ich mir Heilung.

   Ich gab dem Verlangen nach und ging auf direktem Weg durch das Schilfgras, welches warnend zischte als ich die mannshohen, dichtstehenden Halme zur Seite bog, und tauchte meinen Körper in das kühle, Linderung verheißende Nass. Ich durchschwamm den Teich seiner Länge nach und zog mich, erschöpft von der Anstrengung, mit Mühe das sandige Ufer hinauf. 

   Endlich dem Wasser entkommen, spürte ich eine Veränderung an mir, die ich mir nicht erklären konnte. Nicht nur, dass die tiefen Fleischwunden verschwunden waren, die die Brombeerbüsche mir zugefügt hatten, auch mein ganzer Körper war von völlig anderer „Natur“.

   Ich benötigte den Bruchteil einer Sekunde, um zu begreifen, dass ich kein Mensch mehr war! Doch zu was war ich geworden? Meine Haut bestand aus einem elastischen hautfarbenen Kunststoff und meine Fingernägel bestanden aus ausgehärtetem transparentem Silikon. Mein synthetisches Haar lief mir in dunklen, nassen Strähnen über das Gesicht in die Augen, die das einzige noch menschliche an mir waren, und unter der Haut, das wusste ich, ohne es sehen zu müssen, hatte eine leichte aber robuste Metallkonstruktion mein Knochenskelett ersetzt. Sämtliche meiner Organe und Muskeln waren durch Schaltkreise und Chips, Sensoren und Relais ersetzt worden!

   Überwältigt von dieser Verwandlung, drehte ich mich zur Seite und erbrach, in einem Anfall von Übelkeit, alle verzehrten Beeren. Dunkelrot ergossen sich die halbverdauten Früchte über den Ufersand, und ich betrachtete ungläubig die versickernde Lache. Weder entsann ich mich an den Geschmack der Früchte, noch wusste ich, welche Erinnerungen mit ihrem Verzehr einst für mich verbunden waren. 

Zutiefst befremdet erwachte ich aus meinem Traum, der, wie manch anderer zu jener Zeit, im Wald meiner Kindheit spielte, doch keiner von diesen ließ mich ratloser zurück als jener eine, den ich soeben geschildert.




Guido Blietz

Geboren 1969

Beruf: Historiker

Publikationen:

Farben. Die Geschichte eines italienischen Sommers (Roman), Agenda Verlag 2014

Vier Jahreszeiten. „Altmodische“ Gedichte, Athena Verlag 2016

Das Flüstern der Welt, Athena Verlag 2021

Veröffentlichungen in Anthologien

Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin und ZeitenGeist Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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