Ship Inn, Piel Island. Eine Skizze.

Friederike Stein für #kkl11 „Es kommt die Zeit“




Ship Inn, Piel Island. Eine Skizze.

Dann aber kommt der Tag, da legt die letzte Fähre zum Festland ab, vom Deck winken die letzten Gäste.

„See you next year!“, ruft einer dir zu; du hebst grüßend die Hand.

Drinnen im Pub wischst du den Tresen ab, die Tische, stellst die Stühle hoch, machst den Abwasch. Ein rascher Blick auf den Sonnenuntergang, kein Dunst, sanfte Dünung, das Wetter verspricht noch eine Weile lang schön zu bleiben.

In den nächsten Tagen hast du genug zu tun: alles durchputzen, noch gründlicher als sonst, Gläser und Geschirr wegschließen. Die Zapfanlage kommt erst dran, wenn du das letzte Bier getrunken hast, in ein paar Tagen wahrscheinlich. Keine Gäste mehr da, mit denen du dir die Kehle trocken plauderst. Keine Gäste, die drauf bestehen, dass du ein Pint mittrinkst. Du gehst den Campingplatz ab, findest immer noch leere Bierdosen im Gras, Sandwichschachteln zwischen den Felsen, verfluchte Touristen. Du verfluchst dich selber, denn du hast einen Mülleimer übersehen, brav gefüllt von umsichtigeren Besuchern. Du putzt die Klohäuschen, verschließt sie, damit kein Sturm Fenster und Türen aufdrückt. Bringst Frostschutz an Wasserleitungen an. Prüfst die Fensterläden am Haus.

In der Burgruine hat jemand seinen Sommeranorak vergessen. Du hängst ihn an die Garderobe des Pubs. Vielleicht gehört er ja dem Gast, der nächst Jahr wiederkommen will. Dann wahrscheinlich mit neuem Anorak. Dir ist er zu klein, aber manchmal kommen Gäste, die keine Ahnung haben, wie kalt der Wind sein kann auf der Insel, die sind dann froh, wenn du ihnen eine Jacke geben kannst.

Einmal, so geht die Legende, hat jemand seinen Hund auf der Insel vergessen. So war dein Vorgänger über Winter nicht allein. Dafür lebte er von Kohl, Möhren, Kartoffeln und Nudeln mit Soße, alles Fleisch gab er dem Hund. Angeblich hat ihn der Wattführer im Frühling nicht wieder erkannt, so stark hatte er abgenommen.

Du räumst die Vorräte ein, die dir das letzte Schiff mitgebracht hat. Keine Kondensmilch. Du hast vergessen welche nachzubestellen. Zu spät. Was du im Keller hast, reicht noch bis Weihnachten, längstens. Wenn du sparsam bist.

Die Tage werden kürzer, das Gras strubbelig und gelb. Regen verhängt die Sicht zum Festland. Ein erster Herbststurm treibt Gischtflocken über die Insel. Du zappst durchs TV, der Empfang ist schlecht. Netz? Vergiss es. Außerdem solltest du Strom sparen. Wer weiß, was der Generator noch leisten muss.

Du gehst nur noch alle zwei Tage um die Insel, dann nur noch alle drei. Alle vier. Und wieder alle zwei, wenn das Wetter dich lässt, denn du musst fit bleiben. Niemand schaut nach dir, wenn etwas passiert. Wer käme überhaupt im Notfall? Die Seenotrettung wahrscheinlich.

Du liest. Bücher bleiben häufiger liegen als Anoraks. Ein Liebesroman. Fünf Seiten, dann legst du ihn weg. Der Rest ist nicht besser. Also das Handbuch der Funkanlage. Das schätzten wohl auch deine Vorgänger, so zerfleddert, wie es ist. Als die Anlage dann ausfällt, weißt du trotzdem nicht, was los ist. Nach zwei Tagen funktioniert sie wieder, einfach so. Du hast beim Herumschrauben nicht mal was gelernt.

Robben kommen zum Kiesstrand. Den meiden sie im Sommer, zu viele Menschen. Du lernst Möwen an den Stimmen zu unterscheiden. Eine klingt heller als die anderen. Eine macht einen Kiekser mitten im Schrei. Eine ruft klagend, so unendlich klagend, dass dir kalt wird, wenn du sie hörst.

Gibt es Geister auf der Insel? Wäre auch eine Art von Gesellschaft.

Die Tage werden wieder länger, merkst du im Januar.

Im Februar kommt einmal der Wattführer herüber. Schauen, was die Stürme da gelassen haben, sagt er. Und Frust abbauen vom Winterjob. Ihr trinkt Kaffee zusammen, schwarz. Beim nächsten Mal bringt er Milch mit, sagt er.

Die Möwen beginnen zu balzen. In der Burgruine sprießt grünes Gras.

Klohäuschen inspizieren. Mülleimer anbringen. Zapfanlage reinigen. Bestelllisten durchfunken. Noch drei Wochen, dann nimmt die Fähre ihren Betrieb wieder auf.





Friederike Stein, Jg. 1965, Biologin, kam übers Fantasyrollenspiel (wieder) zum Schreiben. Ihre Kurzgeschichten, oft mit phantastischem Einschlag, erschienen in Sammlungen und Magazinen, so etwa der Anthologie des 18. Würth-Literaturpreises, in »Planet Kassel – Literarische Annäherungen«, »Driesch. Zeitschrift für Literatur & Kultur«, dem Computermagazin »c’t« und anderen. 2013 erschien unter Aliasnamen ein Kurzroman. Ein Schicksalsschlag und gesundheitliche Probleme setzten ihrem Schreiben vorerst ein Ende. Aber alte Geister lassen sich so leicht nicht abschütteln. Die Stellenausschreibung für den „Ship Inn“ auf Piel Island, Cumbria, drängte eine Geschichte geradezu auf.

Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin und ZeitenGeist Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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