Gehacktes Halb und Halb

Marcel Ifland für #kkl12 „Dazwischen“




Gehacktes Halb und Halb

Manchmal fühle ich mich alt. Das hat relativ praktische Gründe. Ich trage nicht nur durchgehend eine Kopfbedeckung um zu vertuschen, dass ich seit 3-4 Jahren über eine zusätzliche Kniescheibe verfüge, ich komme auch mit der Digitalisierung gar nicht mal so gut klar. Ich bin ein Anarchronismus geworden

Ich wurde in den 1980ern geboren und gehöre damit der letzten Generation an, die ihre Kindheit noch zum größten Teil analog verbracht hat. Klar, es gab Mitte der 1990er bereits den Gameboy, den Super Nintendo und irgendwann erreichte FIFA 98 den Windows 95-Rechner meines Vaters, aber sonst? Das soziale Netzwerk nannte sich Bolzplatz und mein erstes Handy hatte ich mit 20. Das war so eine Klappmöhre von Motorolla. Dieser aerodynamisch fragwürdige Höhepunkt japanischer Ingenieurkunst hatte einen Speicher für damals fantastische 100 SMS, konnte allerdings keine Fotos machen und war irgendwann auch nicht mehr in der Lage, auch nur den kleinsten Ton von sich zu geben – Aber der Akku hielt eine ganze Woche. Die Klappmöhre erwies sich als robust und äußerst haltbar. Ich verwendete sie bis 2019 und sattelte erst dann – zur Überraschung meines Freundeskreises, der diesen Tag niemals hatte kommen sehen – auf mein erstes Smartphone um. Seitdem bin ich in der Moderne angekommen. Aber ich mag sie nicht.

Die Moderne und ich hatten allerdings auch einen schlechten Start miteinander.

Ein Rückblick;

Ende der 90er gab es auf meinem Gymnasium tatsächlich bereits Informatikunterricht. Gelehrt wurde dieser Vorbote des goldenen neuen Zeitalters im einzigen Raum der ganzen Schule, der mit PCs ausgestattet worden war. Ich bin mir der Tatsache bewusst, dass dieser Satz in der Vergangenheit gehalten ist, aber es ist reines Wohlwollen. In Wirklichkeit gehe ich davon aus, dass genau diese PCs bis heute dort stehen und der Rest der Schule bis heute die Overheadprojektoren benutzt, an deren Seite schon damals ein vergilbter Aufkleber mit der Aufschrift „Gestiftet von Ludwig Erhard“ prangte.

Absolutistischer Herrscher über diesen Raum und die bahnbrechende Technik in seinem Inneren war Herr Lemke, seines Zeichen und Kraft seiner ganzen, geballten Würde der einzige Informatiklehrer der Schule. Herr Lemke war ein Mann, für den das Wort „Kauzig“ nahezu erfunden worden war. Ein Mann Mitte 50, Halb Mensch, Halb Cordhose, der den Klassenraum stets durch eine eigene Tür betrat, von der niemand wusste, wohin genau sie eigentlich führte und dem das beispiellose Kunststück gelang, die Geheimnisse der digitalen Welt vollkommen analog als Frontalunterricht an der Tafel zu lehren. Vermutlich, weil er irgendwann das Passwort für seinen Lehrer-PC vergessen hatte und dies einfach nicht zugeben wollte.

Herr Lemke hat mir trotzdem einiges beigebracht. Wenn auch nichts, was im Entferntesten mit Informatik zu tun hätte. Dafür aber, wie man eine Tafel zu putzen hat;

Gegenläufige Drehbewegungen. Links herum. Rechts herum. Links herum. Rechts herum. Und Wasser! Nimm Wasser. Viel Wasser. Der Lappen muss geschwemmt sein. Schwemmen musst du!!!“

So putze ich heute noch meine Fenster. Auch weil ich auf diese Weise den Boden bereits mitputze, da der Lemke’schen Art der Tafelreinigung zur Folge die vordere Hälfte des Klassenraums stets zu einer Seenplatte mutierte. Das erhöhte natürlich den Spaß, sich den Raum mit jeder Menge lieblos in unisolierten Dreifachsteckdosen untergebrachten Stromkabel zu teilen. Jeder Schritt war ein potenzieller Treffer. Im wahrsten Sinne des Wortes war es spannend.

Aus heutiger Sicht wirft das in mir die Theorie auf, dass Herr Lemke die PCs möglicherweise auch deshalb nicht nutze, um sich und uns vor einem tödlichen Stromschlag zu schützen. Guter Mann.

Ich weiß nicht ob es das war, was mir bis heute eine gewisse Verständnislosigkeit gegenüber technischen Spielereien beschert hat, die mich aber von wenig abgehalten hat. Ich habe 10 Jahre lang eine relativ große Internetseite geleitet, musste die Klärung einfachster Programmierungsfragen aber 14-jährigen Mittelstufenpratikant*innen überlassen, weil ich bis heute kein Wort davon verstehe.

Ich bin bis heute beim Super Nintendo stehen geblieben und habe nie auch nur irgendeine Generation von Playstation besessen. Bei Mario Kart – und damit ist selbstverständlich die Originalversion gemeint – kann mir mit ziemlicher Sicherheit niemand das Wasser reichen. In dieser Disziplin schlage ich jeden, das kann ich versprechen. Außer meinem altem Laptop und dem jetzt auch bereits fast 3 Jahre alten Smartphone besitze ich daheim überhaupt kein technisches Gerät mehr.

Ich mache nicht alles mit. Ich habe nie einen Twitteraccount besessen und von Instagram habe ich mich inzwischen abgemeldet, weil es irgendwie gut tut, nicht jedem Bekannten beim Frühstücken zusehen zu müssen. Das muss ich auch nicht. Und genau so wenig muss ich alles verstehen.

Nochmals ein Rückblick;

Eines Tages hatten wir eine Freistunde im Computerraum und wollten sie nutzen, um endlich die Frage aller Fragen zu klären. Zumindest die Frage aller Fragen, die für unsere 12-jährigen Gehirne in diesem Moment von Belang war: Wohin bitte führte diese Tür, durch die Herr Lemke jeden Morgen den Raum betrat?

Der Mutigste von uns gab sich einen Ruck und ebenso gab er ihn der Tür. Sie öffnete sich.Und die Frage aller Fragen….. artete in weiteres Unverständnis aus. Sie führte nirgendwo hin. Die mysteriöse Tür war nichts anderes als ein Wandschrank.

Wir haben niemals herausgefunden, ob Herr Lemke jetzt in diesem Wandschrank wohnte oder ob er sich einfach nur jeden Morgen die Mühe machte, seinen Schülern einen kleinen Running Gag zu liefern – oder lediglich sich selbst. Vielleicht hatte der kauzige Mann im Cordhose einen wesentlich schrägeren Humor als wir es ihm je zugetraut hätten. Ich habe es ihn nie gefragt und werde es daher auch vermutlich nie wissen.

Vielleicht ist es genau ja das. Vielleicht muss man nicht alles wissen. Vielleicht muss man nicht alles verstehen und alles können. Vielleicht muss man die Dinge einfach nur so anpacken, wie man sie am besten anpacken kann und anpacken möchte. Seine Schwächen kennen und mit ihnen umgehen.

Ich bin ein Anarchronismus. Ein Typ, aufgewachsen auf der Schwelle zwischen Analog und Digital. Irgendwo dazwischen. Mit gehacktem Halb und Halb. In mir ist geballtes Unwissen und ich gebe es inzwischen gerne zu. Es ist nichts schlechtes daran, irgendwie dazwischen und keiner Generation komplett zuzuorten zu sein.

Aber ich kann mich trösten: Ich glaube, ich kenne eine Schule, in der kann ich mit all meinen Fähigkeiten und all meinen Unzulänglichkeiten zum Trotz bereits nächsten Montag als Informatiklehrer anfangen. Ich habe mir bereits einen Wandschrank ausgesucht um feierlich dort einzuziehen. Und ohnehin gibt es nur eine einzige Lektion, die ich unbedingt weitervermitteln möchte:

Links herum, rechts herum und immer schön schwemmen.




Marcel Ifland wurde 1988 im Ruhrgebiet geboren und hat es bis heute wider erwarten nicht dauerhaft verlassen. Bereits zu Schulzeiten begann er mit dem Verfassen von Kurzgeschichten. Nach Beendigung der Schullaufbahn absolvierte er eine handwerkliche Ausbildung und ist bis heute hauptberuflich als Elektromonteur für Tankstellentechnik in ganz Westdeutschland unterwegs.

Das Schreiben hat er jedoch nie wirklich aufgegeben. Von 2007 bis zum Ende des Projekts im Januar 2018 war Marcel Ifland einer der Hauptautoren der satirischen Internetenzyklopädie „Stupidedia.org“, einer Parodie auf die Wikipedia. Seit 2009 war er auch einer der Administratoren des Projekts. Seit 2018 ist er Chefautor von „Autorenkollektiv.org“ und seit 2019 regelmäßig mit Kurzgeschichten auf Poetry-Slams in West-/ und Norddeutschland unterwegs.

Veröffentlicht von kklkunstkulturliteratur

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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