Die Lösung liegt in der Erdbeere

Stefan Koerke für #kkl12 „Dazwischen“




Die Lösung liegt in der Erdbeere

Er saß am Frühstückstisch, nach einer unruhigen Nacht. Wie oft hatte er sich hin und her gewälzt, und versucht, die Eindrücke des Tages zu verarbeiten. Wieder einmal gelang es ihm nicht. Es war bereits 3 Uhr 11, wie der Wecker zeigte.
Vielleicht klappte es ja doch noch mit dem Schlafen, er musste nur noch gerade, das eine Problem im Kopf lösen.
Irgendwann schien es geklappt zu haben, oder er hatte es wieder verdrängt, auf jeden Fall fiel er in einen Halbschlaf und wachte gegen 7 Uhr auf.
Er ging in die Küche, zog den Rollo hoch und schaute in die Dunkelheit. Während das Kaffeewasser kochte, dachte er noch an die Nacht. Gut, dass sie vorbei war, die Müdigkeit wird schon nach dem Kaffee verschwinden.
Dann setzte er sich an den Küchentisch aus dunklem Holz mit tiefen Kerben und schaute abwechselnd in die weiße, halbhohe Kaffeetasse, in der er den Boden erkennen konnte, auf dem ein Blümchenmuster war und dann auf das neben der Tasse stehende Marmeladenglas, Sorte Erdbeere und fing an zu träumen.

Wie wäre es, wenn man in das Glas einmal hineinkriechen könnte? Umgeben vom Duft der Erdbeeren, sich in der zähen Masse jedoch bewegend. Alle Gedanken und all die täglichen Meldungen über Corona, Klimawandel, Naturkatastrophen, Kriegsgefahr, Hunger, Armut und ähnlich würden draußen bleiben.

Als er das Glas noch intensiver anschaute, kroch zu seiner Verwunderung plötzlich ein kleiner grüner Wurm, nicht länger als eine Stecknadel, aus der Marmelade nach oben und schaute auf den Glasrand gebeugt in seine Richtung.
»Was schaust du so!«, rief der kleine Wurm auf einmal und zwinkerte ihm zu.
Jetzt drehe ich endgültig durch, dachte er. Das gibt’s doch nicht! Wie kann denn ein Wurm aus einem Marmeladenglas, Sorte Erdbeere, mit mir sprechen. Vielleicht liegt es am Schlafmangel, Alkohol war gestern jedenfalls nicht im Spiel, dachte er weiter.
»Nun komm schon, was zögerst du?«, rief der Wurm erneut, »ich beobachte dich schon länger und es geht dir von Tag zu Tag schlechter. Komm zu mir und schau dir an, wie ich lebe, du wirst es nicht bereuen.«
Da der Wurm wieder mit ihm sprach und er ja alleine in der Küche war, nahm er allen Mut zusammen, was sollte schon passieren, und antwortete.
»Wie kann das sein, dass du mit mir sprichst, du bist ein Wurm, du kannst nicht sprechen und schon gar nicht mich täglich beobachten?«
»Ich bin ein Zauberwurm und helfe Menschen, die zu viel grübeln, ihre Sichtweise zu ändern. Ich wurde damals mit einer gepflückten Erdbeere in dieses Glas gebracht und habe auf dich gewartet. Deine Frau hat mich beim letzten Einkauf mitgenommen.«
»Genug geredet, komm jetzt rein!«, rief er weiter.
»Wie soll das gehen, ich bin zu groß?«, antwortete er.
»Bedenke, dass du auch niemals zu groß bist für die kleinen Dinge, du musst an dich glauben und dir vorstellen, du könntest alles erreichen. Stell dir vor, wie es wäre hier drinnen zu sein, versuch es!«
Er stellte sich also fest vor, wie es wäre, in der Marmelade, Sorte Erdbeere, zu sein.
Ganz fest kniff er die Augen zusammen, konzentrierte sich, und ehe er es richtig bemerkte, spürte er eine klebrige, wabbelige, zähe, aber auch nach Erdbeeren duftende und wohlig warme Masse um sich herum.
»Das gibt’s doch nicht!«, sagte er und der Wurm neben ihm lachte, weil er natürlich etwas nachgeholfen hatte.

»Doch, das gibt es«, sagte der Wurm, »du bist hier drin bei mir, dank deiner Vorstellung und des Willens. Du siehst, was du damit alles erreichen kannst. Selbst so unmögliche Dinge und Träume wie das hier.«
Und sprach weiter: »Aber genug geredet, lass uns jetzt die Marmelade erkunden«, dann ließ er sich vom Glasrand zurück in das Glas fallen und schaute ihn nun direkt an.
Etwas erschrocken, vom plötzlich vor ihm auftauchenden Gesicht des Wurms mit den riesigen Augen, versuchte er ein paar Schritte zu machen, was ihm jedoch nicht gelang. Die klebrige Masse hielt ihn fest, wie die außerhalb des Glases, die man Welt nennt.
Das sah der Wurm und sagte: «Setz dich auf meinen Rücken und halte dich fest. Ich komme besser hier durch und zeige dir den Inhalt.«
Er zog sich an ihm hoch und losging die Reise durch die Marmelade. Er sah die kleinen Stückchen und Körnchen übergroß vor sich und wie geschickt der Wurm ihnen ausweichen konnte.
Sie glitten tiefer und tiefer in die so wunderbar duftende, rötliche Masse, die jetzt nicht mehr so zäh und klebrig war, weil der Wurm sie ja für ihn durchdrang und ihn führte. Schließlich kamen sie zu einer Erdbeere.

»Hier lebe ich«, sagte der Wurm, hielt direkt davor an und sprach weiter: „Es ist der beste Platz im Glas, sehr süß mit wunderbarem Aroma. Ich bin hier ungestört und kann neue Kraft für den Weg durch die Marmelade tanken. Es ist schön warm, dunkel und ruhig.«
Dann schüttelte er sich und ließ ihn hinuntergleiten zu einem Loch, das wohl der Eingang der Erdbeere war. »Krieche nun hinein und genieße die Umgebung«, sagte der Wurm und wartete draußen, bis er wieder zurückkam.
»Es ist sehr schön darin«, sagte er zu dem Wurm als er kam, »ich konnte ruhig und tief schlafen und fühle mich herrlich ausgeruht und stark, obwohl um mich herum die zähe Masse fließt. Trotzdem fehlen mir aber doch jetzt die Menschen, ich möchte wieder zurück.«
Der Wurm nahm ihn auf den Rücken und sie schlängelten sich wieder nach oben.
Als sie aus der Oberfläche der Erdbeermasse auftauchten, sagte der Wurm zu ihm: „Wenn es dir wieder mal schlechter gehen sollte, denke einfach an die Erdbeere und wie wohl du dich in ihr gefühlt hast, dann geht es dir wieder besser. Ich gleite nun wieder hinunter, meine Aufgabe ist erfüllt.«
Damit verabschiedete sich der kleine grüne Wurm und versank.

Im selben Moment klingelte sein Wecker, er stand auf und ging in die Küche.
Am Frühstückstisch aus dunklem Holz mit tiefen Kerben sitzend, schaute er in das Marmeladenglas und dachte lächelnd, mit einem wohligen Gefühl in sich, wie es wohl wäre darin zu sein, trank seinen Kaffee und ging gutgelaunt ins Bad… .







Stefan Koerke, Geboren 1964, lebe mit meiner Familie und meinem Hund im Vogelsbergkreis. „Die Lösung liegt in der Erdbeere“ ist eine meiner ersten Kurzgeschichten. 

Als Vertriebsingenieur bin ich oft unterwegs und lerne viele Menschen kennen. Daneben habe ich jetzt angefangen erste Schritte in Richtung Autor zu machen und auch diese Erfahrungen zu verarbeiten. Sehr gerne möchte ich einmal einen langen Roman schreiben, konzentriere mich aber zunächst auf Kurzgeschichten.

Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin und ZeitenGeist Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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