Auf der Parkbank

Olaf Urban-Rühmeier für #kkl12 „Dazwischen“




Auf der Parkbank

Ein Mann saß auf einer Parkbank. Der Mann trug einen Anzug und hatte eine Mappe auf seinem Schoß. Er wartete, weil er zu früh zu seinem Termin gekommen war. Jetzt musste er Zeit überbrücken, bevor er über den großen Platz gehen, die Glastür durchschreiten, sich beim Empfang melden, mit dem Aufzug nach oben fahren, sich bei einem Sekretariat melden, in einen Besprechungsraum gehen und sich bewerben kann.

Um ihn herum begann das Leben der Stadt: Ein Straßenreinigungswagen fuhr mit rotierenden Bürsten vorbei. Unausgeschlafene Pendler kamen vom Bahnhof und stiegen in eine Straßenbahn, die sie weitertransportierte. Die Filialen der Bäckerei-Ketten öffneten und boten Coffee to go, Croissants und belegte Brötchen für die große Pause.

Der Mann – nennen wir ihn Frank – sah das alles. Er hatte keine Eile. Er musste keine Straßenbahn erwischen. Direkt gegenüber stand das Gebäude seines künftigen Arbeitgebers. Hoch, breit, spiegelnd. Die Menschen auf dem Platz waren klein dagegen. Er sah Gruppen von Schülern mit bunten Rucksäcken, die zur Bahn trödelten und dabei schwatzten. Er sah einen alten, grauen Mann, der einen Einkaufswagen voller leerer Pfandflaschen über das Pflaster wuchtete. Er sah einen Polizeiwagen, der langsam durch die Fußgängerzone rollte, eine Welle hektischer Bewegung vor sich herschiebend.

Frank hatte die Nacht in einem preiswerten Hotel am Stadtrand verbracht. Er wollte auf keinen Fall zu spät kommen und auf keinen Fall zerknittert wirken von einer allzu frühen Anreise. Das war es ihm Wert gewesen. Das Hotel war billig und man merkte es. Aber das spielte keine Rolle.

Gestern Morgen noch war er von einem hellen, blauen Lichtreflex geblendet worden, als er aus dem Fenster gesehen hatte. Die Morgensonne war genau auf ein kleines Straßenschild gefallen und hatte einen hellen Strahl zu ihm geschickt. Es war ihm wie eine Erinnerung vorgekommen, dass die Welt größer war als seine Wohnung und der Platz vor dem Haus mit dem Café, in dem er samstags die Zeitung las.

Er hatte etwas Bequemes für die Fahrt angezogen, hatte den vorbereiteten Trolly genommen und war zum Bahnhof seiner Heimatstadt gefahren.

Der Zug war auf den langgestreckten Brücken einer Schnellfahrstrecke über grüne Mittelgebirgstäler gefahren, in denen Bauernhäuser umgeben von Wiesen standen. Aus dem Augenwinkel sah er ein Gehöft mit einer Koppel, auf dem ein Pferd ohne Sattel trabte. Das Bild, nur Bruchteile von Sekunden, erinnerte ihn an etwas. Eine Situation, die er meinte, selbst erlebt zu haben. Aber er war nicht sicher. Ein Sommertag draußen, eine Tour, vielleicht mit dem Fahrrad. Eine Pause im Windschatten eines Gebäudes. Überbelichtete Erinnerungsbilder. Er spürte ein warmes Gefühl, dem er einen Moment nachhing. Geborgenheit und Verlorenheit in der Welt, untrennbar verknäult.

Er beobachtete die Passanten. Wenn man Menschen längere Zeit beobachtet wirken sie erst sehr cool. Und dann einsam.  Ein Mann lief zielstrebig auf den Eingang des Stadtmuseums zu. Er blieb davor stehen, drehte um, und ging, verändert, langsam und in ziellosen Kurven zurück über den Platz. Ein Kind lief zum Springbrunnen, spritzte Wasser hoch. Seine Mutter kam hinterher, rief etwas. Mit dem Kind an der Hand lief sie weiter, zum Eingang eines Kaufhauses.

Franks Handy summte. Der Personalleiter. Es habe einen unaufschiebbaren Termin gegeben, der Vorstand werde erst in einer Stunde wieder frei sein. Er möchte sich bitte gedulden. Frank lehnte sich zurück. Der Vorstand. Es ging um etwas. Eine Führungsposition. Sieben Menschen, für die er der Chef sein sollte. Konferenzen. Rücksprachen mit wichtigen Leuten. Große Säle, in denen Key Note Speaker bedeutsame Thesen verkündeten.

Eine Stimme riss ihn aus seinen Gedanken. Neben ihm lief ein Mann auf und ab und telefonierte in einer fremden Sprache. Ein kleiner, älterer Mann mit abgetragenen, aber sauberen Lederschuhen und einem taubengrauen Anzug. Die Haut hatte einen dunklen Farbton. Der Mann steckte sein Telefon ein und setzte sich neben Frank. Ihre Blicke trafen sich.  Ein schüchternes Lächeln. Der fremde Mann war sympathisch.

Stockend sprachen zwei Männer miteinander. Der eine kam aus Syrien. Sein grauer Anzug war voller Erlebnisse. Sie hatten sich in den Falten gesammelt, bildeten eine dünne, krümelige Schicht in den Taschen, gaben dem Grau eine unbestimmte Note von Weite. Der andere wollte etwas und wartete. Woher er komme, fragte der Mann aus Syrien. Ach. Aus Deutschland. Er könnte auch, sagte der Mann aus Syrien und lächelte schüchtern, er könnte auch von weiter weg sein. Wie schön gesagt. Frank lächelte nun auch. Seine Haut nahm im Sommer schnell einen oliven Farbton an und zusammen mit seinem dunklen Haar kam er sich selbst dann schon fremd vor. Er hatte die Sonne aufgesogen in diesem Sommer. Jetzt war der Sommer vorbei und der nächste Schritt sollte getan werden. Der Mann aus Syrien saß neben ihm und rauchte.

Wenn man auf einem öffentlichen Platz sitzt, allein und ohne etwas zu tun, dann ist man für einen Moment heimatlos. Frank dachte an den Trolly im Schließfach des Bahnhofs. Er konnte die Sachen nehmen und sofort losfahren. Er war ein Obdachloser. Nein. Das klang zu sehr nach Leben im Dreck. Er war ein Landstreicher. Eine Kurznachricht vom Personalleiter. Es dauerte noch.

Ein weiterer Mann kam, sprach den Mann aus Syrien an. Dann ging er auf Frank zu. Er sprach ihn auch an in einer Sprache, die Frank nicht verstand. Er zuckte mit den Schultern. Wortwechsel zwischen den beiden anderen. Dann greift der Mann Franks Arm und schüttelt ihm die Hand. Dreht sich um und geht.

Ein Mann saß auf einer Bank und wartete. Er dachte an Sonne, eine Rast im Windschatten eines alten Bauernhauses. Er dachte an grün verschattete Weg, auf denen er lief. Er sah auf sein Handy und las die Mitteilungen. Er stand auf und ging zum Bahnhof.






Olaf Urban-Rühmeier

Geboren 1965 in Bargteheide in Schleswig-Holstein. Studium der Germanistik, Politik und Publizistik in Münster, Magister Artium. Beruflich immer mit Texten arbeitend. Literatur ist das Instrument, mit dem ich Erlebtes, Gedachtes und Gefühltes verarbeite. Nachdem ich lange nur beruflich bedingt geschrieben habe, bekommt  eigene Prosa nun einen zunehmend größeren Anteil. Die erste Veröffentlichung erfolgte im vergangenen Jahr in der Anthologie „Ein Fingerhut voll Harz“ mit Texten über die Region, in der ich damals lebte. Im Dezember 2021 habe ich bei den Berner Bücherwochen den dritten Preis für meinen Text „Ein Refugium“ erhalten. Der Text wurde in der Anthologie zu den Bücherwochen veröffentlicht.


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Veröffentlicht von kklkunstkulturliteratur

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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