Verborgene Wünsche

Karsten Lorenz für #kkl12 „Dazwischen“




Verborgene Wünsche

Jedes Jahr in der Vorweihnachtszeit bekam ich ein Problem. Und zwar fragte mich meine Frau, was ich mir denn zu Weihnachten wünschen würde. Wünsche erfüllen ist eine Sache. Selber Wünsche zu äußern, eine ganz andere. Es sollten ja auch erfüllbare Wünsche sein. Und wie jedes Jahr sagte ich voller Inbrunst: „Ich bin wunschlos glücklich, mein Schatz. Du machst mich glücklich!“

Aber es half nicht. Meine Frau bestand darauf, mir etwas schenken zu wollen. Und ich wusste, dass es etwas sein musste, worüber ich mehr als nur gespielte Freude äußern konnte.

Nach tagelangem Grübeln und endlosen Internet-Recherchen stieß ich auf ein Werbeversprechen, das genau mein Problem beschrieb. Auf der Web-Seite las ich: „Sie wissen nicht, was sie sich wünschen sollen? Machen Sie Schluss damit, und lassen Sie sich einen Weihnachtswunsch schenken.“ Über dem Schriftzug war eine Brille abgebildet, in der sich lauter eingepackte Geschenke spiegelten.

So richtig verstand ich noch nicht, was es damit auf sich hatte, aber beim Weiterlesen wurde es mir klar. Die Brille war mit winzigen Kameras ausgestattet, die nicht nur das sahen, was ich sah. Die Kameras registrierten außerdem, wohin ich sah, wie lange ich dorthin sah und sogar die Reaktionen meiner Pupillengröße darauf.

Kurzum, die Brille sollte genau erfassen, wohin mein Blick gerne wanderte und wo er gerne kleben blieb. Auf diese Weise sollten, so versprach es die Werbung, selbst meine unbewussten Wünsche offenbar werden.

Das war es! Mit ein paar Klicks bestellte ich das Gerät und rief dann zu meiner Frau hinüber: „Ich habe einen Wunsch zu Weihnachten!“

„Wirklich? Lass mal hören!“

Voller Euphorie erklärte ich ihr meine Entdeckung, ignorierte ihr Stirnrunzeln, gab ihr einen Kuss und wandte mich wieder dem Computer zu, um noch die letzten elektronischen Weihnachtskarten abzuschicken.

Am Heiligen Abend, als alle Geschenke ausgepackt wurden, war die Brille natürlich die Hauptattraktion. Jeder wollte sie mal aufsetzen. Meine Frau, meine Kinder, und sogar Oma und Opa meinten, dass sie ganz gut aussähe. Nachdem ich die Datenverbindung aktiviert hatte, sprach ich ganz feierlich: „Von jetzt an werden alle meine Wünsche enthüllt, die tief in meinen Blicken schlummern.“ Dabei sah ich alle meine Lieben der Reihe nach durch die Brille an, und meine Frau sagte scherzhaft: „Pass nur auf, dass du nicht die falsche Frau ansiehst!“ Ein seltsam schamhaftes Gefühl beschlich mich in diesem Moment, aber schon nach dem nächsten Glühwein war ich wieder ganz in die Ausgelassenheit des Geschenkerausches dieses Abends eingetaucht.

Das ganze darauffolgende Jahr über trug ich die Brille. Anfangs fühlte ich mich irgendwie beobachtet. Nicht durch die Menschen, denen ich begegnete. Die Brille hatte ein recht unauffälliges Aussehen, und die Kameras waren glücklicherweise so klein und unscheinbar, dass niemand davon Notiz nahm. Jede dieser Brillen war individuell für den Träger angefertigt worden, als Einzelstück dank 3D-Druck-Technik. Selbst meine Arbeitskollegen glaubten, es sei eine ganz normale Brille. Mir war das Recht, denn ich wollte nicht den Argwohn meiner Mitmenschen auf mich ziehen. Beobachtet fühlte ich mich eigenartigerweise durch mich selbst. Während ich früher meinen Blick unbeschwert auf die interessanten Dinge des Lebens richten konnte, hatte ich nun eine gewisse Hemmung, irgendeinen Gegenstand oder eine Person genauer zu fixieren. Irgendwann jedoch verlor sich dieses Gefühl, und ich merkte bald selbst nicht mehr, dass ich die Brille trug. Sie hatte sich perfekt an mein Gesicht angepasst, war leicht wie ein Lufthauch, und wirkte darüber hinaus auch noch als helligkeitsgesteuerte Sonnenbrille, so dass ich sie tagein, tagaus, tragen konnte. Die Brille sammelte nun jeden Tag Hinweise zu meinen verborgenen Wünschen und kannte mich wahrscheinlich bald besser als ich mich selbst.

Das Jahr verging, und das nächste Weihnachtsfest rückte näher. Über meine Weihnachtswünsche brauchte ich mir dieses mal keine Gedanken zu machen. Und um es meiner Frau so einfach wie möglich zu machen, wählte ich die Option eines per Post zugeschickten Gutscheines. Eingepackt in eine kunterbunte Geschenkbox. Auch meine Frau fand es diesmal durchaus spannend, nicht vorher schon zu wissen, was sie mir schenken würde. So war es für alle eine Überraschung. Die Brille hatte sicherlich längst die richtige Entscheidung getroffen.

Nachdem wir, versammelt um den Weihnachtsbaum, die üblichen Weihnachtslieder gesungen hatten, begannen die Kinder mit dem Auspacken ihrer Geschenke. Danach waren Oma und Opa dran, dann meine Frau, und den Höhepunkt des Abends sollte mein Weinachtsgeschenk bilden. Die bunte Geschenkbox fühlte sich erwartungsgemäß ziemlich leicht an. Für einen Moment war ich mir nicht mehr so sicher, ob das ganze eine gute Idee war. Was, wenn es etwas Unanständiges war? Ich nahm die Brille von der Nase, denn sie hatte ihre Aufgabe erfüllt. Dann entfernte ich vorsichtig die äußere Papierhülle der Geschenkbox. Eine knallrote Pappschachtel kam zum Vorschein. Rosarote Herzen waren auf allen Seiten aufgedruckt.

„Oh, das muss etwas mit Liebe zu tun haben!“, rief die Oma. Auch meine Frau sah mit erwartungsvollen, großen Augen unverwand auf die Schachtel und sagte: „Mach‘ schon auf, ich platze gleich vor Neugier!“

Für sie musste die Spannung fast unerträglich sein, denn von Ihr sollte ja das Geschenk sein. In mir aber stieg so etwas wie Prüfungsangst hoch. Gleich sollten meine geheimsten Wünsche vor aller Augen sichtbar werden. Es konnte sich ja auch um etwas sehr intimes handeln. Doch jetzt gab es kein Zurück mehr. Ich klappte also den Deckel auf und nahm den Gutschein heraus. Laut und mit vor Aufregung heiserer Stimme las ich vor: „Gutschein für einen Besuch im …“ Ich musste den Gutschein auseinanderfalten, um auf der zweiten Seite weiterzulesen, „Swingerclub.“

Plötzlich war es mucksmäuschenstill. Ich blickte mich hilflos um.

„Was ist ein Swingerclub?“, fragte meine Tochter.

Ich war sprachlos, genau wie meine Frau. Nur die Oma meinte vergnügt: „Das ist bestimmt ein Tanzklub, da wo Musik aus den 50-er Jahren des letzten Jahrhunderts gespielt wird.“

Ich war inzwischen ganz blass geworden. Unfähig, den weiteren Text auf dem Gutschein zu lesen, stammelte ich: „Das muss ein Irrtum sein. Ich habe keine Ahnung, wie die Brille darauf kommt.“ Hatte ich vielleicht zu oft fremden Frauen hinterhergeschaut? Der Brille war sicherlich nichts entgangen. Möglicherweise konnte sie sogar die Körperteile identifizieren, auf denen mein Blick für eine Zehntelsekunde zu lange ruhte. Am liebsten hätte ich die Brille jetzt in mehrere Teile zerbrochen. Meine Frau sah mich mit Tränen in den Augen an und schüttelte ungläubig den Kopf.

„Ich muss da mal etwas überprüfen“, sagte ich nun mit fester Stimme, ging zum Computer hinüber und loggte mich in das Portal des Brillendienstes ein. Hinter mir verfolgten mehrere Augenpaare gespannt, was ich da tat. In fetter Schrift prangte der Menüpunkt „Wichtige Mitteilung“ mitten auf dem Bildschirm. Ich klickte darauf und las verwundert und mit wachsender Erleichterung: „Durch einen Fehler in unserer Datenbank wurde ein falsches Geschenk für Sie ausgewählt. Leider haben wir den Vorfall erst bemerkt, als Ihr Gutschein bereits verschickt war. Wir bitten vielmals um Entschuldigung. Sie werden umgehend den richtigen Gutschein zugeschickt bekommen.“

Der Rest des Heiligen Abends verlief in eher verhaltener Stimmung. Die Kinder spielten mit ihren neuen Spielsachen, Oma und Opa schwatzten über das Teufelszeug namens Internet, und meine Frau und ich vermieden das Thema Geschenke, so gut es ging.

Einige Tage später kam eine neue Geschenkbox mit der Post. Darin fand sich ein Brief mit einer weiteren wortreichen Entschuldigung und ein neuer Gutschein. Diesmal war es ein Gutschein für einen Ferrari, das heißt, als Leihwagen für ein Wochenende. Mir fiel endgültig ein Stein vom Herzen, und meine Frau schlang ihre Arme um mich und flüsterte mir mit einem Lächeln auf den Lippen ins Ohr: „Ich werde vom Beifahrersitz aus aufpassen, dass du nicht irgendwelche Frauen anhupst.“

Die Brille habe ich nach dieser Fahrt in der Mikrowelle gegrillt. Zur Sicherheit fragte ich den Status auf dem Internetportal ab. „Inaktiv“ war dort zu lesen. Ich hatte meinen Frieden wieder und konnte hinsehen, wohin ich wollte, ohne mir Gedanken über die Folgen machen zu müssen. Nur ab und zu glaubte ich einen prüfenden Blick meiner Frau wahrzunehmen, wenn andere hübsche Frauen unseren Weg kreuzten. Wenn ich ihr dann aus heiterem Himmel Blumen schenkte, schien sie genau zu wissen, was mich dazu trieb. Bald ist wieder Weihnachten. Und mein altes Problem ist wieder da.




Karsten Lorenz

„Ich schreibe seit einigen Jahren Kurzgeschichten und greife dabei gerne aktuelle Trends der gesellschaftlichen Entwicklung auf. Der Fokus liegt auf einer unmittelbaren Zukunft, die sich beinahe schon in unserer Gegenwart widerspiegelt. Meine bisherigen Veröffentlichungen sind in der Internet Speculative Fiction Database (www.isfdb.org/cgi-bin/ea.cgi?276597) verzeichnet.“




Über #kkl HIER

Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin und ZeitenGeist Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

Ein Kommentar zu “Verborgene Wünsche

  1. Bravo, hübsche Weihnachts-Story! Spannend bis zum letzten Satz. Ich war beim Lesen total neugierig darauf, zu erfahren, was die Brille er denn nun als Geschenk schicken lassen hat. Man ist regelrecht dabei, bei der Weihnachtsfeier und schaut auf das Päckchen.

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