Kapitel 2022

Jasmin Lincke für #kkl12 „Dazwischen“




Kapitel 2022

Ein Kapitel abzuschließen und ein Neues anzufangen ist nie leicht – egal was alle Welt behauptet. Da ist zunächst einmal ein Hauch Wehmut, fast schon ein Anflug von Melancholie, wenn man an das denkt, was hinter einem liegt. Was man erlebt und erfahren hat. Wodurch man gewachsen ist. Doch alles Gute hat ein Ende und es kommt die Zeit, da es seinen Abschluss findet. Ehe man es sich versieht gehört die Gegenwart der Vergangenheit an und plötzlich ist dort dieser neue Anfang, der alles bedeuten könnte. Alles oder nichts.

Wieder einmal liegt es an uns, was wir daraus machen. Eine Verantwortung, die manchmal mehr bedenklich als beruhigend wirken kann. Denn die Zukunft ist ein weißes Blatt und wartet darauf geschrieben zu werden. Wartete darauf durch Bilder, Geschichten und Emotionen zum Leben zu erwachen. Im Prinzip eine Chance, ein Geschenk. Die Gelegenheit etwas zu erschaffen, das noch nie da gewesen ist: Größer, besser, fantastischer, atemberaubend, weltbewegend – und doch so gar nicht greifbar. Doch blinkt der Cursor seit Tagen an derselben Stelle – am Anfang einer leeren Seite.

Einen einfachen, klaren Satz, mehr bräuchte es nicht. Einen vernünftigen, zielgerichteten Gedanken. Eine Richtung, eine Entscheidung. Aber die ersten Zeilen zu füllen ist wie ein Sprung ins kalte Wasser oder der Schritt ins Leere. Sie entscheiden über den Verlauf der Geschichte, noch bevor man überhaupt weiß was passieren wird. Schließlich existieren drei Absätze die Seite hinunter noch gar nicht. Wie kann man da wissen, welche Buchstaben man wählen soll? Welche Worte man finden muss, um die perfekte Handlung zu erschaffen?

Finger schweben zögerlich über der Tastatur, doch in diesem Stadium scheint nur eines gewiss: Ungewissheit. Unsichtbar geistert das Wort durch den rastlosen Verstand und ergießt sich lautlos auf die leeren Seiten. Und während die Sekunden zu Minuten verstreichen, gesellt sich ein lästiges Gefühl zu diesem Gedanken: die Sorge. Denn das letzte Kapitel war gut – sehr gut sogar. Besser als alles zuvor. Was die Frage aufwirft, wie man daran anknüpfen soll? Ob überhaupt daran anzuknüpfen ist oder man jemals etwas Vergleichbares Zustandebringen kann?

Mit einem Mal scheint es als hätte jemand einen Schalter umgelegt und ich könnte ganze Bücher füllen. Nicht mit fantastischen Ideen, sondern mit Angst und Zweifeln. Sie zwingen meine Hände von den Tasten, während die Furcht die Kontrolle übernimmt. Schon beginnen Stimmen mit meiner eigenen zu sprechen und auf mich einzuflüstern: Was wenn es nicht so kommt, wie du es dir erhoffst? Was wenn sich deine Träume nicht manifestieren? Und was, wenn alles, das du dir mühsam erarbeitest hast, in sich zusammenbricht und zur Bedeutungslosigkeit verblasst?

Das neue Kapitel bietet grenzenloses Potential, aber auch unendlich viele Zukunftsszenarien – positive und negative. Die Wahrheit ist, dass alles möglich ist: Fortschritt, Stagnation oder Niederlage. Erfolg, Beständigkeit oder Fehltritt. Denn ein neuer Anfang birgt auch die Möglichkeit sich zu verlaufen, falsch abzubiegen oder den Weg zu verlieren, weil der Pfad schlicht und ergreifend noch nicht existiert. Ein Neustart bedeutet nicht zu wissen was an der nächsten Ecke auf einen wartet oder was die dritte Seite bereithält. Von vorn beginnen beinhaltet die ersten Schritte auf weißem Papier zu tun und zu hoffen, dass sich die Lücken füllen bevor man fällt.  

Natürlich ist das beängstigend. Niemand stolpert gern blind durch den Nebel, aber was ist die Alternative? Für immer auf das weiße Blatt starren und hoffen, dass es sich von selbst füllt? Darauf warten, dass jemand anderes unsere Geschichte schreibt und es gut mit uns meint?

Schlussendlich haben wir keine Wahl. Wenn wir sicherstellen wollen, dass wir unser Happy End bekommen, müssen wir unser Schicksal selbst in die Hand nehmen. Zweifellos werden uns im Laufe der Geschichte immer neue Herausforderungen, Schwierigkeiten und Hindernisse begegnen. Wir werden es mit Gegenspielern jeglicher Art zu tun bekommen und uns mit starken Gefühlen auseinandersetzen müssen, aber ist das nicht, was man leben nennt?

Zumindest sind diese Erfahrungen Teil der Reise. Teil unseres Abenteuers. Und alles ist besser als sich mit dem Ist-Zustand zufriedenzugeben. Alles ist besser als in diesem Moment zu verweilen, in dem alles möglich scheint und doch nichts möglich ist: im Augenblick „dazwischen“.

Denn wie auch immer dieses „Dazwischen“ aussehen mag, es ist des Verweilens nicht Wert. Ob zwischen den Jahren, zwischen den Welten oder in Form von mangelnder Entschlossenheit. „Dazwischen“ bedeutet immer vor dem nächsten Schritt. Vor der nächsten Aktion, der nächsten Gelegenheit. Irgendwo in der Schwebe zwischen dem was ist und dem, was sein könnte.

Dabei könnte so vieles sein. – Alles sein. Doch wenn wir keine Initiative ergreifen, bleibt die Seite weiß. Wenn wir uns nicht trauen die Geschichte voranzutreiben, werden wir nie erfahren welche unglaublichen Dinge das nächste Kapitel bereithält. Ja – vielleicht ist die neue Welt befremdlich oder das Flugzeug gerät in einen Sturm. Wohlmöglich holt den Helden seine Vergangenheit ein und die Protagonistin findet sich unüberwindbaren Problemen gegenüber. Aber alles ist besser als der Angst zu erliegen und sich der Stagnation zu ergeben.

Auch wenn die Zukunft in dieser Sekunde weit weg und besorgniserregend unwirklich scheinen mag, ist sie letztendlich nur einen einzigen Gedanken entfernt. Schon ein kleines Wort überbrückt den Abstand zwischen dem was ist und dem, was sein wird. Ein einfacher Buchstabe markiert den Übergang von Gegenwart zu Zukunft. Und ehe man sich versieht wird der nächste Absatz bereits der Vergangenheit angehören, das Piratenschiff zu neuen Ufern aufbrechen oder die Prinzessin ihren Turm für immer verlassen.

Wir allein haben es in der Hand. Darum wird es Zeit zu springen und sich der Ungewissheit hinzugeben. Sich treiben zu lassen und darauf zu vertrauen, dass hinter dem Cursor unglaubliche Dinge liegen. Ereignisse, die es Wert sind erfahren zu werden, Charaktere, denen wir noch begegnen wollen. Also wagen wir den Schritt und gehen wir es an. Finden wir den Mut das Abenteuer zu beginnen oder das neue Kapitel zu erkunden. Denn anderenfalls wird sich der leere Raum nie mit Worten füllen. Anderenfalls lassen wir zu, dass unsere Träume verblassen und unsere Geschichten grau und traurig werden. Vor allem aber, dass sie hier und heute enden. Dabei ist das doch erst der Anfang. Der Anfang von etwas Neuem, Großartigen.







Jasmin Lincke, geboren 1999, ist eine junge Autorin aus Jena und entdeckte schon früh ihre Leidenschaft für das geschriebene Wort. Im Alter von sieben Jahren Rowlings Harry Potter verfallen, träumte sie als Kind davon eines Tages mit eigenen Geschichten zu faszinieren und zu berühren. Um ihrem Ziel ein Stück näher zu kommen, begann sie im März 2020 ein Fernstudium zur Autorin. Seitdem schreibt sie nicht länger im Privaten und konnte im Rahmen von Schreibwettbewerben bereits mehrfach überzeugen. Neben dem Studium arbeitet sie derzeit als freie Journalistin und an ihrem ersten Roman.




Über #kkl HIER

Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin und ZeitenGeist Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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