Wahrheit zwischen den Welten

Andreas Roß für #kkl12 „Dazwischen“




Wahrheit zwischen den Welten

Schon beim Eintreten spürte es der Kommissar. Dieser Tatort hatte etwas Eigenartiges an sich. Normalerweise vertraute er seinem Bauchgefühl, auch wenn es noch so nebulös war, und handelte danach. Heute allerdings brauchte er Klarheit. Er wollte schnell vorankommen, zuhause wartete ein familiäres Problem auf ihn, was er lösen musste.

„Hey Doc. Na, wie sieht´s aus?“, grüßte Kriminalhauptkommissar Lothar Ludwig Dobermann. Er hatte die Küche betreten und das Interieur kurz gescannt.

Der Gerichtsmediziner Dr. Muffinski, bekleidet mit einem weißen Ganzkörper-Schutzanzug, kniete am Boden und beäugte die männliche Leiche, die in einer riesigen Blutlache lag und mit leblosen Augen die Decke anstarrte. Der Mediziner, dessen Stirn mit Schweißtropfen übersät war drehte langsam den Kopf und blickte auf. Ein Lächeln kroch über seine Lippen als er sagte: „Na Dobermann, haste wieder mal deine alte speckige Lederjacke aus dem Schrank gekramt? Spät bist Du heute dran, aber egal. Ich habe bald Feierabend und du musst noch eins und eins zusammenzählen, um den Fall zu lösen.“

„Prima, wenn es so einfach ist, dann sage mir flugs, was eins und was eins ist.“

Muffinski lachte glucksend, wie nur er es konnte. Dabei strahlten seine Augen voller Lebensfreude. „Ach Kollege, mit dir arbeite ich am liebsten.“

Der Kommissar stand nun direkt vor dem Gerichtsmediziner, bemüht, nicht in die ausufernde Blutlache zu treten und schaute den Toten genau an.

Währenddessen erklärte Dr. Muffinski: „Unsere Leiche trug den Namen Franz Josef Todenhöfer …“ Er machte eine kurze Pause und studierte amüsiert den Gesichtsausdruck des Kommissars. „Lach nicht, ich kann nichts für den Namen des Opfers.“

Als er das Wort Opfer ausgesprochen hatte, rumpelte es im Schlafzimmer, aber keiner konnte es hören.

„Herr Todenhöfer ist verblutet. Ihm wurde die zerschlagene Bierflasche hier…“ Muffinski zeigte auf den Hals des Opfers. „… brutal in die Halsschlagader gerammt und zwar mit einer immensen Wucht. Dazu bedarf es einem ausgeprägten Tötungswillen. Es war wohl eine Menge Wut im Spiel. Das Opfer ist innerhalb von kurzer Zeit verblutet.“

„Und,was gibt es noch?“, wollte der Kommissar wissen.

„Im Schlafzimmer liegt Frau Todenhöfer. Sie hat sich anscheinend mit Schlaftabletten vollgepumpt und die Pulsader am linken Handgelenk aufgeschnitten. Dabei hat sie sich sogar die Mühe gemacht, eine groß Waschschüssel zu holen und unter ihre baumelnde Hand zu stellen, um das Blut aufzufangen. Ordentlich bis ins Grab, wie die Frauen halt so sind.“ Der Mediziner grinste breit, bevor er weitersprach: „Nach meiner Einschätzung hat Frau Todenhöfer erst ihren Mann getötet und anschließend sich selbst gerichtet. Ein typisches Beziehungsdrama, wie so oft halt.“

Kommissar Dobermann hmmte nachdenklich.

„Bevor du es von anderer Seite hörst. Ich kannte Herrn Todenhöfer flüchtig, habe ihn ein paar Mal zum Bier getroffen. Er war ein lebenslustiger Typ. Seine Frau allerdings litt unter einer Depression, sagt man. Es passt alles zusammen.“

Der Kommissar hmmte erneut.

Heidrun Todenhöfer erhob sich langsam, wie an Fäden gezogen. Leise ging sie durch den langen Flur bis hin zur Küche. Zuerst verfolgte sie interessiert das Geschehen, anschließend hob sie ihre Hand, um Aufsehen zu erregen und sagte, an den Kommissar gerichtet: „Schauen Sie sich doch die Hausschuhe an, wie sie da rumliegen.“

Dobermann blickte sich in der Küche um.

„Mein Mann, der alte Drecksack, war so besoffen, dass er über seinen eigenen Füßen gestolpert ist. Er hielt die leere Bierflasche in seiner rechten Hand, ist nach vorne gefallen, hat den Hals der Bierflasche am Küchentisch zerschlagen und ist dann so unglücklich gefallen, dass er sich die zerdepperte Glasflasche in die Halsschlagader gerammt hat. Schauen Sie nur, die Kratzer am Holztisch. Im Todeskampf hat er noch versucht, sich aufzurichten, ist aber umgekippt und blieb auf dem Rücken liegen.“

„Das klingt schlüssig“, sagte Dobermann, „eine eindeutige Sache. Familiendrama, Frau erschlägt Mann und richtet sich dann selber.“

„Haben sie nicht gehört, was ich gesagt habe?“, schrie Frau Todenhöfer und tobte wild vor den Augen des Kommissars herum, „es war ganz und gar anders. Gehen Sie ins Wohnzimmer. Dort finden Sie den Lottozettel. Gestern Abend habe ich gewonnen, sechs Richtige und auch noch die Superzahl. Franz Josef und ich haben gefeiert. Er trank Bier, ich trank Sekt. Ich habe ihm vertraut. Er hat mir was in den Sekt geschüttet. Irgendwann bin ich auf dem Sofa eingeschlafen. Er hat mich ins Bett gebracht und meinen Selbstmord inszeniert. Er wollte das Geld, für sich und seine Geliebte. Von der Geliebten wusste ich schon seit ein paar Wochen und war deswegen ein wenig depressiv. Herr Kommissar, so war das und nicht anders. Glauben Sie mir.“

„Na, dann“, sagte Kommissar Dobermann, „ich gehe kurz ins Schlafzimmer und schau mich dort um, aber ich denke, der Fall ist gelöst. Ich muss nur noch den leidlichen Papierkram erledigen. Die Akten müssen halt gefüllt werden. Halt die Ohren steif, altes Haus. Sehen wir uns am Donnerstag beim Stammtisch?“

Der Gerichtsmediziner hatte sich zwischenzeitlich erhoben. „Am Donnerstag wird es wohl klappen, dann können wir über die alten Zeiten schwätzen“, sagte er gutgelaunt.

Kommissar Dobermann drehte sich um und wollte die Küche verlassen. Heidrun Todenhöfer stellte sich ihm mit fuchtelnden Armen in den Weg und schrie ihn erneut an.

Der Kommisar ging durch sie hindurch, als wenn sie Luft wäre, betrat das Schlafzimmer und schaute Frau Todenhöfer an, die auf dem Bett lag.




Andreas Roß, geboren 1962 in Ostheim, einem kleinen Kaff in der Nähe von Hanau, lebt seit 1985 in Darmstadt, verheiratet, zwei Söhne und von Berufswegen seit mehreren Jahrzehnten als „Mundwerker“, also Sozialarbeiter, unterwegs.

Neben zwei Kurzgeschichtensammlungen „Begegnung mit dem Berserker“ (2011) und „Das Leben ist eine Zicke“ (2018) sind vier Kriminalromane erschienen, „abgedrückt“ (2013), „weißkalt“ (2015) „Tage, die alles verändern“ (2017) und „Innere Schreie“ (2020). Von 1996 bis 2008 monatlich Kurzkrimis in dem Darmstädter Magazin „Vorhang Auf!“.

Mitglied der Textwerkstatt Darmstadt unter Leitung von Kurt Drawert (2003 – 2010) und siebenmaliger Gewinner regionaler Literaturpreise.

Diverse Auftritte bei Poetry-Slam Veranstaltungen und Veröffentlichungen auf CD.

Seine Zuneigung zum Krimi-Genre entwickelte er insbesondere in der Zeit, als er in verschiedenen Justizvollzugsanstalten tätig war und so einige Geschichten hörte, die inspirieren können, zumal anscheinend nichts unwahrscheinlicher ist, als die Realität. Dazu kam die Liebe zu seiner Wahlheimat Darmstadt.

www.krimiautor-ross-darmstadt.de




Über #kkl HIER

Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin und ZeitenGeist Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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