Jedes einzelne Wort

Bernd Storz für #kkl12 „Dazwischen“




Jedes einzelne Wort

eine Hieroglyphe.


Letter für Letter entziffert

und wieder

chiffriert.


Aus den Zwischenräumen

antwortet

das Ungesagte.




Flüchtige Sommergespräche.

Jetzt, da die Sätze

verbraucht sind:

Klingt etwas nach?


Im nächsten Jahr

wird ein anderes Schweigen

zwischen den Worten sein.


Doch ich, ich hole sie ein

die verschwundene Zeit, in der

Feier des Augenblicks.




Vergangenheit

Es gab fast nichts, über das man gesprochen hätte. Zwischen zwei Kriegen
gab man sich nicht mit Vergangenheit ab, es sei denn, um sie hinter sich zu
lassen. Trotzdem griff sie laufend nach mir aus allen Ritzen: Eine braune Soldatenphotographie fällt aus dem Photoalbum; ein Onkel, der nie zu
Besuch kommt, weil er in Stalingrad geblieben ist. Die Männer erzählen
immer von Gefangenschaft, und ich versteh nicht, wie sie da hineingeraten
sind. Die Frauen erzählen von Bombern, die plötzlich über den Städten
aufgetaucht seien und die Bomben aus allen Wolken.




Schnee ist gefallen.

Zwischen Abend und Morgen

beginnt der Abschied.


Gegen Morgen

werden unsere Atemzüge zu Zeitabschnitten.


Zwischen ihnen

fällt gelassen

der Schnee.




Morandi zum Beispiel:

Schalen und Flaschen.

Ein ganzes Leben

für das Verständnis

der Zwischenräume.




Nürtingen, Winter


Frostmond

im Eschengeäst

überm dampfenden Neckar.

Dahinter

Hölderlins Stadtkirchturm.

Zwischen den Zeigern

ultramarin

zerfließt

die Neuzeit

in Benzin

in Schaum

und in Asche.




Und tschüß

Icke dette kicke mal

Ein zerfallendes

Oogen, Fleesch

Gedächtnis, das sich

und Beene.

rückerinnert

Haste se

siebzig Jahre

verlier se nich

über die gespannte Schnur gehopst

in Kinderstrümpfen

denn wieder kriegste

dazwischen ein

schubweise zunehmendes

keene.




Die Stille

Morgens Antenne Zehn:

der verordnete Optimismus.


Kulissengeräusche

denen man sich

kaum entziehen kann.


Auf einem Parkplatz

irgendwo zwischendurch

die zufällige Begegnung mit einem Baum.


Espenlaub.

Der Schrei des Hähers.



Texte aus SOMMERGESPRÄCHE. Gedichte. Kröner Edition Klöpfer 2021







Bernd Storz, geb. 1951 in Ravensburg, lebt als Schriftsteller und Universitätsdozent für Szenisches Erzählen in Reutlingen. Er veröffentlichte TV-Drehbücher, Hörspiele (SWR), Theaterstücke, Bücher und Essays zur zeitgenössischen Kunst, Kriminalromane, Lyrik und Bücher zur Geschichte. Zuletzt: Sommergespräche. Gedichte. Kröner Edition Klöpfer 2021.  Der Autor ist Mitglied im VS, im Syndikat und Mitbegründer von STORY-CAMP.





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Veröffentlicht von kklkunstkulturliteratur

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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