Die Nachtigall

Milena Isensee für #kkl12 „Dazwischen“




Die Nachtigall

Als ich noch klein war, erzählte mir meine Mutter, dass nur die Vögel wahre Freiheit kennen, denn ihre Freiheit sei so grenzenlos wie der Himmel. Als ihre Geschichten verstummten und meine Schwestern an ihren Platz traten, flüsterten sie mir des nachts Träume von einer besseren Welt zu. So wurde die Nacht mein Zufluchtsort und die Träume zu einem Schild gegen die Schrecken des Tages. Doch auch wenn meine Schwestern inzwischen vergingen, verblassten, so doch nicht die stärkste und kostbarste Waffe in meinem Arsenal, ihre Geschichten. Mit Leidenschaft und Sehnsucht sang ich sie hinaus. Meine Stimme hallte über den Sklavenball, füllte jeden Raum, schwoll an, bis sie hinausflog. Frei und ungehemmt hinaus über die baufälligen Barracken, die wir unser Zuhause nannten, über die Dächer der Stadt hinweg, bis sie schließlich an die Ohren der Edelmänner drangen. Nicht der Blick auf mich, sondern mein Klang zog sie in ihren Bann. Als ungeschliffener Diamant wurde ich bezeichnet. Meine Haut, die bis dahin nur mit Schweiß, Blut und Staub in Berührung kam, wurde in Milch und duftendes Wasser getaucht. Die Fetzen, welche ich am Leibe trug, die weder Wärme noch Trost spendeten, wurden durch feinste Seide ersetzt. Ich erhielt meine erste Frisur. Nach ihrer Behandlung war mein Haar nicht länger von einem matten Haselnussbraun, sondern erstrahlte in neuem Glanz. Meine Augen wirkten größer, verführerischer. Meine roten Lippen boten eine Verheißung, die nur die Nacht zu stillen vermochte. Ich war nicht länger der ungeschliffene Diamant. Ich war der Schatz der Schätze; Glücksbringer und Segen. Mein Ruf eilte mir voraus, flog noch weiter als meine Stimme, denn der Wind trug meine Geschichte in die Welt hinaus. Mein Name wurde zur Legende. Mein Leben ein Märchen; ein Ideal. Die Edelmänner, von Tüll und Reichtum überhäuft, stritten um mich, feilschten um meine Gunst mit Schmeicheleien, Bekundungen, affektierter Buhlerei. Ein Spiel, das sie zu spielen wussten, denn auch wenn sie mich liebevoll ihr Aschenputtel nannten, ihre Cinderella, ihre gierigen Augen verrieten, dass sie trotz allem nie vergaßen, was ich wirklich war. Ein Besitz, den es zu erlangen galt, nicht mehr, nicht weniger. Doch sie alle verloren gegen den Königssohn, der mich für sich beanspruchte. Mein Preis mag in den Jahren gestiegen sein, doch das Etikett, welches ich seit meiner Geburt trug, war nie entschwunden. So vergaß auch ich nie, dass trotz des Goldes, dem Tand, mit welchem sie mich zu blenden versuchten, sie noch dieselben Männer und Frauen waren, die ein Leben lang auf mich herabsahen. Die im Überfluss und in Verschwendung lebten, während ich selbst in der Asche schlief und Linsen aus dem Dreck puhlte, um mein Überleben zu sichern. Ich war ihr Aschenputtel, doch würde ich meinen kurzlebigen Einfluss, meine Zeit im Scheinwerferlicht ihrer Aufmerksamkeit nicht verschwenden. Ich war abhängig von ihrer Gunst, doch waren sie dagegen eine Geisel ihrer Gier. Wie meine Schwestern einst, wurde ich des nachts zu einer Weberin der Träume. Ich flüsterte, hauchte, nie direkt äußerte ich meine Wünsche. Ich war eine Meisterin der Verschleierung, während der Königssohn für seine revolutionären Ideen gleichermaßen gerühmt wie gerügt wurde. Es kam wie es kommen musste, mein Antlitz, der Reiz um meine Person verblasste. Ich verließ das Leben am Hofe, kehrte zu einem ruhigeren Leben zurück. Doch wie die Sehnsüchte, die einst meine geliebten Schwestern in mir weckten und mich nie verließen, so blieb ein Teil von mir bei meinem Prinzen. Mein Land durchlief einen Wandel. Ein Wandel, zu dessen Umsetzung ich beitrug, auch wenn die Geschichtsbücher mich nie erwähnten. Mein Märchen wurde weitergetragen, verfeinert, verändert, doch die Grundidee blieb erhalten. Es war einmal ein armes Mädchen, dass in der Asche schlief und dem es dennoch gelang das Herz eines Prinzen zu bewegen. Ich war die Nachtigall, auch wenn mein wahrer Name auf ewig Aschenputtel lautete.







Milena Isensee, geboren 1995 in Wolfenbüttel, besuchte eine Berufsbildende Schule mit dem Schwerpunkt liegend auf Sozialpädagogik. Danach absolvierte sie eine

Ausbildung zur Augenoptikerin, beschloss aber sich lieber ihrer Liebe zu den Büchern zu widmen. Nach ihrer Ausbildung zog sie nach Braunschweig und fand eine Anstellung in der Remittendenabteilung des Verlagsservice Braunschweig. Inzwischen geht sie einer Tätigkeit im Einrichtungshaus Ikea nach. In ihrer Freizeit arbeitet sie an ihren Büchern und hofft diese irgendwann zu veröffentlichen. Derzeit widmet sie sich ihren Kurzgeschichten. Ihr Märchen „Der verborgene Wunsch“ wurde in der Anthologien Sammlung „Es war einmal“ des Sperling Verlages veröffentlich.





Über #kkl HIER

Veröffentlicht von kklkunstkulturliteratur

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: