Unberechenbare Farben

Vera Lörks für #kkl12 „Dazwischen“




Unberechenbare Farben

Fantastisch. Es war ihr schon wieder passiert. Manchmal war es eine großartige Eigenschaft, in Bilder eintauchen zu können. Heute war es total unpassend. Sie hatte rasende Zahnschmerzen und wollte schnelle Hilfe von ihrem Zahnarzt. Leider war der ein Kunstliebhaber und hatte zahlreiche Bilder im Wartezimmer. Sie hatte sich durch alle Ausgaben des Lesezirkels geblättert, um nicht auf die Bilder zu schauen, aber dann hatte sie einen Fehler gemacht. Ein Geräusch hatte sie abgelenkt und ihr Blick war auf ein riesiges Kunstwerk gefallen. Im nächsten Moment fand sie sich schon in dem Bild wieder. Jetzt konnte sie lange auf ihre Behandlung warten. Noch dazu war dieses Gemälde einfach nur blau. Es war spannend in Bilder von James Rizzi oder Pieter Bruegel einzutauchen. In moderner Kunst langweilte sie sich zu Tode.

Langsam ließ sie sich durch das endlose Blau treiben. Die angenehme Kühle linderte ihre Zahnschmerzen etwas. Schon seit sie ein kleines Mädchen war, konnte Maxima Verspohl in Bilder reisen. Nur hatte sie lange nicht kontrollieren können, wann es geschah und wann sie zurück kam. In „Experiment mit dem Vogel in der Luftpumpe“ von Joseph Wright of Derby hatte sie mal drei Tage verbracht. Wenigstens waren die Leute nett gewesen. Nicht wie der 4. Herzog von Argyll, der ihr in seinem Portrait einen vierstündigen Vortrag über seine Zeit beim Militär gehalten hatte. Inzwischen konnte sie sich mit großer Willenskraft selbst aus dem Bild befreien. Dummerweise konnte sie sich mit dem pochenden Zahn nicht konezntrieren. Maxima seufzte und machte ein paar Saltos. Hier war niemand und es roch nach Ölfarbe. Nach einer Weile beschlich sie ein unangenehmes Gefühl. Die Leere und Einsamkeit bedrückten sie. Um sich abzulenken, schwamm sie nach oben. Es wurde heller. Merkwürdig. Von außen hatte es so ausgesehen, als bestünde das ganze Bild aus einer gleichmäßig blauen Fläche. Sie streckte sich weiter nach oben und hatte das Gefühl, dass ihr Kopf angesaugt wurde. Sie konnte nicht mehr zurück. Mit einem leisen Plop wurde sie eingesaugt und umhergewirbelt. Die Welt drehte sich und als sie stillstand war alles grün und deutlich wärmer.

Für einen Moment war sie orientierungslos. Was war passiert? Maxima sammelte sich. Es konnte nur eine Erklärung geben. Sie war in einem anderen Bild des Künstlers gelandet. Das war noch nie passiert. Sie überlegte, wie sie zurück kommen sollte, doch sie konnte sich nicht fokussieren. Verdammte Axt, tat dieser Zahn weh. Sie machte Schwimmbewegungen mit den Armen. Das Grün war zäher als das Blau. Sie wollte nach oben und zurück in das andere Bild, aber sie kam nicht voran. Maximas Gedanken überschlugen sich. Was, wenn sie nicht mehr zurückkam? Irgendwann würde sie aus dem Bild fallen. Sie landete immer genau vor dem Kunstwerk. Hoffentlich war es ein lokaler, unbekannter Künstler. Sonst würde sie vielleicht in einem Tresor landen. Oder auf einem anderen Kontinent. Sie stellte sich vor, wie sie ohne Geld und Pass im MoMa in New York landete. Oh Gott. Ihr wurde schlecht. Frustriert rollte sie sich zusammen. Giftgrüne Plörre. Dann gab es einen Ruck. Sie wurde aus dem Bild gezogen und landete auf dem Boden.

Blitzschnell erfasste sie ihre Umgebung. Ein Museum. Kaum Besucher. Keiner hatte sie bemerkt. Sie stand auf und tat so, als würde sie die Bilder betrachten. Französische Bildbeschreibungen. Sie war im Ausland. Was jetzt? In das grüne Ungetüm wollte sie nicht zurück. Zum Glück gab es hier noch andere Bilder des gleichen Künstlers. Vielleicht das Gelbe. Stand Gelb nicht für die Erleuchtung? Sie starrte auf das Bild. Nichts passierte. Nach einer gefühlten Ewigkeit gab sie auf. Gelb war eh eine hässliche Farbe.

Sie ging durch den Raum. Sie musst ein Bild finden, durch das sie zurück in das Wartezimmer reisen konnte, bevor die Praxis schloss. Noch eine Nacht mit diesen Schmerzen würde sie nicht überleben. Gegenüber hing ein knallrotes Bild. Sie atmete tief ein und versuchte, ihren Zahnschmerz zu ignorieren. Rot. Komm schon. Spür das Rot. Sei das Rot. Es funktionierte. Es zog an ihr und sie fand sich in einem Meer aus roter Farbe wieder. Der Schmerz in ihrem Zahn explodierte und in ihr stieg ein Feuerball aus Wut auf. Sie hasste diese Farben, den blöden Künstler, dem nichts besseres einfiel, als langweilige Farbflächen zu malen und die Tatsache, dass sie in den unpassendsten Momenten in Bilder fiel. Und wo sie schon dabei war, war sie wütend auf ihren Zahnarzt, der geschmacklose Kunst in seinem Wartezimmer aufhing.

Es gelang ihr kaum, einen klaren Gedanken zu fassen. Denk an den Zahnarzt. Stell dir vor, dass er dir hilft. Maxima nahm ihre ganze Vorstellungskraft zusammen. Es schien zu klappen. Alles drehte sich. Dann hörte sie Schmerzensschreie und roch Blut. Zögerlich öffnete sie die Augen. Es war dunkel und mehrere Personen standen im Kreis. Dank ihrer Ausflüge in die Bilderwelt erkannte sie gleich an der Kleidung, dass sie im 17. Jahrhundert gelandet sein musste. Wieder schrie ein Mann. Maxima sah genauer hin. Hinter dem Mann stand ein zweiter, der eine riesige Zange in der Hand hielt. Warum hatte sie sich nur zu den alten Meistern gewünscht? Sie war in Gerrit van Honthorsts „Der Zahnarzt“ gelandet. Dieser Zahnarzt hatte sie jetzt entdeckt und zwinkerte ihr zu. Maxima wurde kalt und heiß gleichzeitig. Sie taumelte zurück. Hier würde sie sich nicht behandeln lassen. Sie schloss die Augen und dachte mit ihrer ganzen Willenskraft an das angenehm kühle blaue Bild.

Wieder drehte sich die Welt und alles wurde Blau. Gott sei Dank. Hoffentlich hatte der Künstler nicht eine blaue Phase gehabt und mehrere Leinwände blau gefärbt. Das Blau kühlte ihre Gedanken und sie wurde ruhiger. Sie konnte nicht mehr und wartete einfach. Endlich spürte sie ein Ziehen und mit einem schmatzenden Geräusch wurde sie aus dem Bild gezogen. Sie konnte es nicht fassen. „Daktari wa meno” stand auf einem Schild. Scheinbar war dieser Künstler auch bei Zahnärzten in Afrika beliebt.







Vera Lörks (*1986) hat sich schon in der Grundschule gerne Geschichten ausgedacht. Sie hat Anglistik und Geschichte in Düsseldorf studiert und arbeitet heute als Lektorin und Autorin am Niederrhein. Dort wohnt sie in einer Wohnung voller Bücher. Viele ihrer Bücher und Geschichten sind unter ihrem Geburtsnamen Vera Marquardt erschienen. 2019 gewann ihre Kurzgeschichte „Geordnete Weihnachten“ den ersten Preis des Wettbewerbs „Liebe Liebe“ des Kindermuseums UNIKATUM. Mehr unter veraloerks.wordpress.com





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Veröffentlicht von kklkunstkulturliteratur

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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