Cremehütchen

Daniela M. Ziegler für #kkl12 „Dazwischen“




Cremehütchen

Wenn die Frau zur Kartenlegerin ging, brachte sie deren Kind jedes Mal eine Tüte Cremehütchen mit Schokoüberzug mit. Das Kind biss die Spitzen der Cremehütchen ab, sodass die gefärbte Cremefüllung zum Vorschein kam, und reihte sie nach Farben geordnet vor sich auf. Zehn gelbe, sieben braune, vier grüne, zwei weiße. Zitrone, Schokolade, Pistazie, Vanille. Nie waren die Farben symmetrisch verteilt, immer gab es zu viele gelbe, die es nicht mochte, und viel zu wenig grüne, die es bevorzugte, worüber es sich jedes Mal ärgerte. Es wartete auf die ideale Tüte Cremehütchen mit genau gleich vielen braunen, gelben, grünen und weißen und bekam sie nie. Nicht nur aus diesem Grund konnte das Kind die Frau nicht leiden. Still saß es bei der Sitzung dabei und tat so, als sei es durch die Cremehütchen in Anspruch genommen, hörte und verstand aber jedes Wort. Das Kind hörte, wie die Frau in verschwörerischem Ton sagte:

„Er gibt mir Zeichen. Ich weiß genau, was er mir damit sagen will. Geht das Licht aus und bald darauf wieder an, heißt das, er denkt an mich. Schaltet er das Licht in der Küche an, heißt das, seine Frau ist da. Schaltet er das Licht im Garten an, so heißt das, er hat meinetwegen mit seiner Frau Streit gehabt.“

Wenn die Frau von dem Mann sprach, der das Licht an- und ausschaltete, um ihr heimlich Zeichen zu geben, lächelte sie verzückt, und ihre vorstehenden Augen verdrehten sich nach oben.

Die Kartenlegerin sagte: „Da liegt die Königin. Die macht alles gut. Vom hohen Haus ein paar Widerwärtigkeiten, aber die sind schnell überwunden. Über einen Weg großes Glück. Auch eine Botschaft. Wollen Sie eine Reise machen? Es steht ins Haus.“

Die Kartenlegerin durfte kein Geld verlangen, weil sie keinen Gewerbeschein hatte. War die Sitzung zu Ende, legte die Frau einen Zehnmarkschein auf den Tisch. Die Kartenlegerin sagte dann: „Das wäre doch nicht nötig gewesen.“

Wenn die Frau weg war, seufzte sie: „Seit Jahren legt sie zehn Mark hin. Als ob das reichen würde. Für eine Stunde Arbeit. Jede Putzfrau bekommt mehr. Zehn Mark. Was ist das schon.“

Zum Abschied hatte das Kind der Frau die Hand gegeben und für die Cremehütchen „Danke“ gesagt. Es dachte, während es in ihre vorstehenden Augen sah: Das stimmt nicht, dass der Mann an dich denkt, wenn er das Licht an- und ausschaltet. Das meinst du doch nur.

Die Frau aber lächelte spöttisch und schien zu sagen: Warte, du kommst auch noch dran.


Veröffentlicht in PhoBi Almanach, München 23.17, 20




Daniela M. Ziegler, geboren in Heidelberg, promovierte über römische Frauenfrisuren, schreibt seit 1997 Kurz- und Langprosa auf Hochdeutsch (u.a. in Phobi-Almanach, München) und Kurzprosa auf Kurpfälzisch (in: Unser Land, Heidelberg).





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Veröffentlicht von kklkunstkulturliteratur

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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