Über Drei Ecken

Jasmin Fürbach für #kkl12 „Dazwischen“




Über Drei Ecken

Lange bevor die mobilen Zollstellen eingeführt wurde, grüßte man sich an jedem Grenzübergang per Handschlag und tat, als ob man nicht bereits am Tag davor dieselbe Unterhaltung bezüglich geschmuggelter Güter und verbotener Lieferungen geführt hätte. So auch heute, an einem regnerischen Donnerstag, an dem die Beamten besonders launig zu sein schienen. Thomas konnte es ihnen nicht verdenken, er selbst war froh, über das schützende Dach seines Autos, das ihn vor dem Regenguss bewahrte.

Als er die Sprechanlage am Gartentor betätigte, dröhnte ihm nach dem lästigen Summerton, den er verfluchte seit er den Knopf der Anlage zum ersten Mal benutzt hatte, die Stimme des Hausbesitzers entgegen. Er klemmte das Paket, das die erneute Lieferung eines bekannten Großbuchhändlers enthielt, unter den Arm und stapfte über den Backsteinweg. Noch dazu quer durch den Gemüsegarten. Warum der Hausherr darauf bestanden hatte, dass Besuch den Garten bei jeder Gelegenheit durchqueren musste, war Thomas ein Rätsel. Voller Sehnsucht dachte er an seine Zufahrt und den von Lavendel gesäumtem Eingangsbereich. War denn etwas Ordnung zu viel verlangt?

An der Tür wurde er nicht etwa vom Hausbesitzer in Empfang genommen, sondern von dessen fünfjährigem Sohn, der wie vom Hafer gestochen auf und ab sprang und an Thomas Jackenärmel zerrte, bis dieser ihm die Hand gab. Herr Müller wählte just diesen Augenblick, um Thomas wissen zu lassen, dass er in den nächsten Tagen wohl ein weiteres Paket erwarte und auf prompter Lieferung bestand. Selbstredend. Man wolle nicht wieder zwei Tage lang auf die Bestellung warten, das letzte Mal habe man sich beinahe bei Thomas Vorgesetzten beschwert. Thomas ließ sich von der groben Art nicht aus der Ruhe bringen, war jedoch froh, als das Gespräch sich dem Ende neigte. Unglücklicherweise fiel Herrn Müllers Blick gerade in diesem Moment auf das Titelblatt der beiliegenden Zeitung. Seine Miene verdunkelte sich, die Augenbrauen wanderten an seiner Stirn hoch bis sie mit dem Ansatz seines kargen Haupthaars um die Wette eiferten.

„Haben Sie das gelesen? Jetzt sind die doch völlig durchgeknallt.“ Thomas, der wusste, worum es in dem Artikel ging, hatte gehofft, diese spezielle Diskussion vermeiden zu können.

„Als ob wir den Spinnern einfach den ersten Teil abgeben! Ja sind die denn noch bei Trost?“ Die darauffolgende Tirade war von einem derartig starken Plattdeutsch gefärbt, dass Thomas Mühe hatte sie zu verstehen. Einige Fetzen ließen sich jedoch entziffern. Die Namenswahl war wohl zugunsten der französischen Lorraine ausgegangen, die nun das Lor als Anfang für den Titel der gemeinsamen Region beanspruchte. Herr Müller war offensichtlich einer der vehementen Verfechter der Saarland Brigade, die ihrerseits den Anfangsteil des Namens forderten. Soweit Thomas informiert war, schien lediglich Luxemburg nicht an der Erststellung interessiert zu sein. Er entschuldigte sich freundlich mit der Erinnerung daran, dass er noch seine Runde beenden musste und machte sich auf den Rückweg zu seinem Wagen. Während er durch den Gemüsegarten ging, hörte er die Stimme Herrn Müllers weiterhin fluchen, als wäre es nicht von Bedeutung, dass sein Gesprächspartner schon längst nicht mehr anwesend war.

Der französische Grenzbeamte ließ Thomas an der Schlange der wartenden Autos vorbeifahren, eine Entscheidung, die von einigen Autofahrern mit lautem Hupen kommentiert wurde. Thomas winkte ihm freundlich zum Abschied. Bei sich dachte er „Der ist noch nicht so verbittert wie seine Kollegen…“ Er war nicht stolz auf diesen Gedanken, aber das jahrelange Grenzübertreten hatte ihn einiges gelehrt. Drei Briefe und eine Rechnung in der Hand klopfte er an Frau Bonnets Tür. Die Dame rief ein glockenhelles „un moment“. Es ertönte bereits das Kläffen der Bulldogge, die Thomas in etwa so sehr leiden konnte, wie kalten Kaffee am Montagmorgen. Das Tier – er war versucht es Vieh zu nennen – hatte ihn bereits bei zwei Gelegenheiten ins Bein gebissen. Keine der Wunden war tiefer als ein Papierschnitt gewesen, doch er mochte sich trotzdem nicht an der Bulldogge vorbei in die Küche schieben. Frau Bonnet wusste von dieser, durchaus auf Gegenseitigkeit bestehenden, Abneigung und erbarmte sich Thomas. Sie kam an die Tür, ein Tableau mit Keksen in der Hand – dem Duft nach frischgebacken – welches sie ihm prompt unter die Nase hielt.

„Bonjour, Thomas. Qu’est-ce que vous avez pour moi?“ Wenngleich sie an der Grenze wohnte, sprach sie lediglich Französisch. Thomas störte sich nicht daran, war er doch in der Schweiz aufgewachsen und beherrschte außer Deutsch auch Englisch und Französisch. Er reichte ihr die Briefe, sah das Lächeln auf ihrem Gesicht auch beim Anblick der Rechnung nicht weichen und fragte sie nach ihrem Wohlbefinden. Frau Bonnet war jemand, mit dem er gerne ein paar Takte plauderte. Wenn nur nicht diese Bulldogge im Wohnzimmer wie ein Schlosshund heulen würde. Zu seinem Leidwesen kam auch sie auf die Namensdiskussion zu sprechen. „Diese Politiker, sie wissen nicht, wie langwierig diese Debatte für uns Bewohner ist. Ständig müssen wir uns rechtfertigen, weil wir nicht von unserer Forderung abweichen wollen.“ Thomas hatte plötzlich das dringende Bedürfnis sich die Haare zu raufen, oder den Kopf wiederholt gegen die Wand zu schlagen. Möglicherweise lag es an seiner Herkunft, aber er fragte sich, wie ein Land über die Einteilung in vier Regionen schneller verhandelt hatte, als drei Regionen über den gemeinsamen Namen.

„Sie sehen das selbstverständlich genauso, nicht wahr? Lor ist die einzig logische erste Silbe.“ Er konnte schlecht zugeben, dass ihm dieser Streit völlig gleichgültig war und dessen Lösung für ihn mehr als nur ein Problem aus dem Weg schaffen würde. Stattdessen stimmte er ihr zu, wenngleich er sich nichts sehnlicher wünschte, als endlich wieder in seinem Wagen zu sitzen und einen Sender im Radio einzuschalten, der nicht von dieser leidigen Diskussion berichtete.

Der Grenzbeamte an der luxemburgischen Zollstelle grüßte in heiterem Luxemburgisch, welches er sofort zu beinahe akzentfreiem Deutsch korrigierte, als er Thomas erkannte. Seiner guten Laune tat dies keinen Abbruch, wenngleich auch ihm das Wetter übel mitgespielt hatte. Sein nächster Halt, Familie Reuter – bestehend aus Mutter, Vater, zwei Töchtern, einem Sohn und einer Katze, über die er bei einer ärgerlichen Begebenheit gestolpert war – erwartete ihn bereits vollzählig in der Einfahrt des Reihenhauses. Die beiden Kinder reckten die Arme nach den Paketen, die er ihnen reichte während Frau Reuter skeptisch durch das Magazin blätterte, dessen Abonnement sie neulich begonnen hatte. Herr Reuter indes verwickelte Thomas in ein Gespräch über das scheußliche Wetter und deutete, wie zum Beweis auf seinen aufgespannten Regenschirm. Die beiden Mädchen schienen sich nicht daran zu stören, dass sie von oben bis unten nass wurden und tollten ihm Vorgarten herum. Thomas freute sich zu sehen, dass Frau Reuter nicht einmal die Augenbraue hob, als eines der Mädchen direkt in den Schlamm sprang, sodass er überall umherspritzte. Er hatte schon Eltern erlebt, die bei diesem Anblick einen Herzinfarkt vorgetäuscht hätten. In diesem Moment schnappte Thomas eine Äußerung Herrn Reuters auf, die in ihm einen überwältigenden Fluchtinstinkt auslöste.

„Was halten Sie von dieser Debatte zur Namensgebung unserer Region?“ Wenigstens, dachte Thomas, wirkt er nicht streitlustig. Ohne Thomas Antwort abzuwarten fuhr er fort die beiden anderen Länder zu schelten: sie seien doch Nachbarn und der Zweck des Bündnisses solle Gemeinschaft sein. Thomas hatte plötzlich den untrüglichen Eindruck, Herr Reuter hörte sich selbst gerne beim Reden zu. Der Gesichtsausdruck seiner Frau bestätigte diese Vermutung. Frau Reuter griff schließlich nach Herrn Reuters Arm, was ihn prompt in seinem Monolog unterbrach, und schob ihn Richtung Haus, nicht ohne Thomas einen Abschiedsgruß und einen entschuldigenden Blick zuzuwerfen.

Wochenlang dauerte der Krisengipfel um die Namensfindung an, bis endlich ein Beschluss in greifbare Nähe rückte. Thomas drehte wie üblich seine Runden, als Herr Müller ihn über den Rand seiner Brille anstarrte: „Sie als Außenstehender können die Wichtigkeit dieser Debatte mit Sicherheit nicht beurteilen.“ Jetzt, da der Sachverhalt ein offizieller war, hatte sich das Plattdeutsch scheinbar in Luft aufgelöst. Thomas unterdrückte das Augenrollen, sich den Konsequenzen dieser Handlung mehr als bewusst. „Ich meine nur, Sie als Schweizer kommen nicht in die Bedrängnis sich mit dieser bescheuerten Idee auseinanderzusetzen.“ Wenn es nun wieder um die erste Silbe ging, würde Thomas Herrn Müller eigenhändig erwürgen, dann müsste er sich auch keine Sorgen mehr um Ungerechtigkeiten machen.

Noch bevor ihm endgültig der Geduldsfaden riss, hörte er Herrn Müller vor sich hin fluchen: „Großregion. So ein Schwachsinn.“ Großregion? Was war das denn nun wieder für eine Idee?

„Jetzt wollen die uns doch tatsächlich in einer Großregion unterordnen. Fassen Sie das?“ Herrn Müllers Gesicht nahm einen hässlichen Rotton an. „Da bleiben wir drei doch unter uns. Das ist doch schließlich der Sinn der SaarLorLux-Gemeinschaft. Da hat eine Großregion nichts zu suchen. Die sollen uns mal schön fernbleiben mit ihrer Großregion. Habe ich schon immer gesagt. Wir drei Regionen arbeiten gut zusammen so unter uns. Da sollen die mal schön die Finger von lassen.“ Thomas verkniff sich ein Lachen. Typisch. In dem Moment, in dem jemand Fremder dieser Regionenvereinigung beitreten möchte, sind sie eine geschlossene Front. Kein Zeichen mehr von wochenlangen Diskussionen und Streitereien.

Wie erwartet äußerte sich Frau Bonnet ähnlich zu den bedrohlichen Entwicklungen. Auch sie schien der Meinung man müsse die SaarLorLux-Vereinung unter allen Umständen bewahren. „Wissen Sie, wir sind hier unter uns. Ein schönes Gemisch in unserer kleinen Ecke. Das wäre doch nicht schön, wenn dann hier noch mehr Menschen dazukommen.“ Ihr melodischer Singsang lenkte nicht von der unterschwelligen Botschaft ab. Thomas fand die Situation wahrlich eigenartig. „Wir verstehen uns so gut mit unseren Nachbarn. Das ist wie ein eingespieltes Team, verstehen Sie?“ Diese Menschen hatten eine verquere Ansicht der Realität. Und zwar durch die Bank. Bis vor ein paar Tagen waren sie sich noch gegenseitig an die jeweilige Gurgel gesprungen, weil sie nicht in der Lage gewesen waren sich auf einen Namen zu einigen und jetzt schwärmten sie von einander als wäre es der lange verschollene Bruder, der mit dem metaphorischen Zeh über die Landesgrenze trat.

Herr und Frau Reuter erklärten sich mit den Meinungen der beiden anderen Teile solidarisch, gestanden allerdings der Idee ein gewisses Potential zu. „Natürlich müsste man da sicherstellen, dass wir kleinen Gemeinden nicht völlig untergehen. Aber, was sage ich? Am besten wäre es einfach man bliebe unter sich. Wir arbeiten doch gut zusammen mit Lorraine und Saar. Da sollte eine Großregion nicht mitmischen.“ Damit schien für Herrn Reuter alles gesagt und er machte auf dem Absatz kehrt und verschwand in seiner Einfahrt.

Auf dem Weg über die Grenze war Thomas tief in Gedanken versunken. Er hatte derartige Auseinandersetzungen bereits häufig miterlebt, allerdings nie in diesem Ausmaß. Für ihn war klar ersichtlich, dass die Psyche des Menschen eine lustige Art an sich hat. Sich mit Händen und Füßen gegen Gemeinschaft mit den Nachbarn zu sträuben, ob der ersten Silbe eines geteilten Namens, und dann mit denselben Nachbarn die Fronten zu schließen, um gegen den vermeintlich gemeinsamen Gegner vorzugehen, war wohl eines der besten Beispiele für die Absurdität menschlicher Zugehörigkeitsgefühle. Als er seine Haustür aufschloss und den Fernseher anschaltete, ärgerte er sich über den Nachrichtensprecher der ständig ins Standarddeutsch wechselte. War es denn zu viel verlangt die eigene Sprache zu sprechen und nicht diesen ausgewaschenen Blödsinn der Deutschen?




Jasmin Fürbach, BA BA

geb. 1997 in Wien, seit 2015 Studentin an der Universität Wien; Masterstudium für Deutsche Philologie & Masterstudium Anglophone Literatures & Cultures;
Liebe für Phantastisches, Krimis, Horror und das Schreiben insgesamt; ausgezeichnet mit dem Marburg Award für Phantastik (2021: 1.Platz, 2019: 2.Platz)





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Veröffentlicht von kklkunstkulturliteratur

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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