Die Sitzverlängerung

Jürgen Artmann für #kkl12 „Dazwischen“




Die Sitzverlängerung

Ich steige in mein Fahrzeug und das Erste, was mir auffällt, sind die Krümel in einer Ritze des Fahrersitzes. Früher waren da keine. Jetzt fährt auch mein volljähriger Sohn manchmal den Wagen und schon ist alles eingesaut. Dabei finde ich diese Funktion so unnötig. Man kann den Sitz etwas verlängern. Dadurch entsteht erst diese Ritze im Sitz, ein Zwischenraum, in dem sich alles verliert. Zumindest die Krümel der Kartoffelchips meines Sohns.

Die Sitzverlängerung – so lese ich nach – soll mehr Komfort für größere Menschen bieten. Erstmal öffnen sie Krümeln Tür und Tor. Wir Väter haben dadurch eindeutig nicht mehr Komfort, denn wir müssen die Krümel wegsaugen.

„Die Krümel in der Ritze stören”, bestätigt mir auch Ruth, als ich ihr davon erzähle. Wir trafen uns zwischen den Jahren zum Workshop. Wir sprachen dort eher über den Jahreswechsel. Oder vielmehr über den Zwischenraum, in dem das alte Jahr endet und das neue beginnt. Andrea berichtet gar von ihrem Dazwischenjahr, ihrem Übergang von einem alten in ein neues Leben.

Sechs Menschen sind im letzten Jahr gestorben, mit denen ich bekannt, verwandt oder befreundet war. Manchmal sogar alles drei. Vier kannte ich etwas besser, nur zwei waren wesentlich älter als ich. Ich war auf drei Beerdigungen und habe zwei Grabreden gehalten. Ich mache das gern. Nicht, dass es mir Spaß machen würde, aber wenn es sich jemand von mir wünscht, übernehme ich das. Ich hoffe bloß, dass keine Serie daraus wird. Die letzte Beerdigung erst Mitte Dezember mit Graupelschauer und schneebedeckten Gräbern.

Auf der Rückfahrt sitze ich auf meiner beheizten Sitzverlängerung und ärgere mich über die Krümel in der Ritze. Irgendetwas ist halt immer. Die einen sterben jung und die anderen müssen das Auto aussaugen.




Jürgen Artmann, Jahrgang 1970, wohnt in Strasbourg und in Frankfurt. Bis zu seinem dreißigsten Lebensjahr schrieb er für lokale Tageszeitungen und für Fachzeitschriften. Veröffentlichungen erfolgten in diversen Literaturzeitschriften. Nach Jahren der beruflichen Karriere hat er das Schreiben neu entdeckt. Seine Haiku und Tanka verfasst er in beiden Sprachen Deutsch und Französisch und übersetzt sie gern in die jeweils andere.





Über #kkl HIER

Veröffentlicht von kklkunstkulturliteratur

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: