Jahreswechsel

Susanne Rzymbowski, für #kkl12 „Dazwischen“




Jahreswechsel

Sie konnte wirklich nicht sagen, dass die Jahre spurlos an ihr vorüber gegangen waren, auch wenn sie immer weniger Erinnerungen an sie hatte. Sie waren gekommen und gegangen und dies in einer Regelmäßigkeit, die ihr immer selbstverständlich erschienen war.

Was zählten da schon einzelne Tage, Wochen oder Monate?

Manchmal jedoch bemächtigte sie ein Gefühl, dass sich dann episodenhaft vor ihrem inneren Auge abspielte. Warm wurde ihr in diesen Momenten – nicht nur ums Herz -und ein Lächeln streifte ihre Lippen, die ihre Gesichtszüge direkt heller werden ließen.

Aber nicht so an diesem Silvesterabend.

War sie nun einfach in die Jahre gekommen, ohne es zuvor bemerkt zu haben? Und was hieß es für sie, in die Jahre gekommen zu sein? Begannen die Jahre dann, an einem zu zerren, so wie sie es jetzt fühlte? Oder wurde sie nur von der Vergangenheit überrollt, die ihr hämisch die Zukunft zu zeigen schien? Woher kam bloß diese geistige Müdigkeit, die sie keinen klaren Gedanken mehr fassen ließ? Fing sie womöglich an, das Vergangene festzuhalten, da sie ohne Zukunft lebte – oder war sie dabei die Zukunft im Vergangenen zu finden?

„Du musst Liebstöckl in die Suppe tun, dann wird sie vollmundiger.“

Ja, sie hatte angefangen ihr eigenes Süppchen zu kochen, sich in einer ihr eigenen Welt einzurichten und den Blick für ein Ist zu verlieren, von dem sie umgeben war und dass sie zuweilen schaudern ließ. Die neue Generation blieb ihr unverständlich – zu schnell, zu vage, zu viel von allem und doch nichts. Es schmerzte, dies nun so deutlich zu erkennen.

„Und lass sie nicht wieder anbrennen!“

Sie hatte in ihrem Leben schon so viel anbrennen lassen. So viele nicht genutzte Chancen einfach verstreichen lassen. Momente, immer wieder Momente, die sich nun in ihr auftürmten wie ein riesiger Scheiterhaufen, ach was: die reinste Hexenverbrennung in glutheißem Fegefeuer! Sie war im Mittelalter angelangt! War dies wirklich nur dunkel, so wie sie es aus Filmen kannte?

„Du solltest die Temperatur regeln – alles auf kleiner Stufe, dann zieht es besser durch.“

Ja Durchzug, ihr ganzes bisheriges Leben – einfach so vorbeigerauscht an ihr. Ohne Punkt und Komma. Ohne ein inne halten. Jede Stufe im Schnelldurchlauf. Und jetzt im Wechselbad von Kalt und Heiß, ohne noch selbst etwas regeln zu können. Ging das etwa allen so? Sie hatte einfach nie gelernt den richtigen Schalter zu finden. Sie war der Verzweiflung nahe. Machte es jetzt endlich Klick in ihr?

„Gib noch ein paar Möhren dazu, das macht eine schöne Farbe.“

Wie ein Esel ist sie doch jeder Möhre hinterher gejagt. Oder bildete sie sich das nun nur ein? Wo waren die Angeln jetzt nur geblieben? Sie tat sich schwer damit ihre Gedanken zu ordnen. Schon gar sich selbst zu erkennen, in  diesem Wust aus Jahren. Kam sie überhaupt darin vor?

„Gieß statt Wasser noch ein bisschen Wein hinein, das gibt Aroma.“

Ihre Augen hatten einen wässrigen Glanz angenommen, als sie in den Vortagen die alten Fotos studiert hatte. Ihre Handvoll Erinnerung – oder gab es doch mehr, als diese Bilder ihr weismachen wollten? Sie wusste es nicht – oder nicht mehr? Oder wollte sie es nicht wissen?

Sie fragte sich nach dem Warum – und das war ein erster Anfang, der das Strömen und Reißen für einen Augenblick anhielt. Nein, sie wollte nach keinem Sinn fragen, sich nicht in einer Vergangenheit suhlen, die nicht mehr zurückzuholen war. Und was war das auch? Ist es nicht eher eine Geschichte, die man sich im Nachhinein selbst ausdenkt? Aber warum dachte sie so, wie sie nun dachte: Und das war irgendwie Nichts!?

„Und zwischendurch immer gut rühren.“

Sie wusste das Leben hatte sie immer schon gerührt. So sehr, dass es ihr mitunter den Atem verschlug. Und jetzt – einfach so – Stille.

„Noch ein bisschen Zucker zum abrunden.“

Ja, süß war sie als Kind gewesen. Ein richtiger Wonneproppen, der fröhlich in die Welt blickte. Hatte sie das Kind in sich verloren, die Neugierde an allem? Oder wurde heute etwas Neues in ihr geweckt, das sich nur langsam seinen Weg bahnte? Was ließ sie also noch zögern ?

„Und jetzt noch etwas ziehen lassen.“

Ja sie ließ es ziehen, ihr Leben –ohne wenn und aber – nun war Sie endlich in seinem Fluss eingetaucht, ohne Angst oder Zweifel:  Vergangenheit – Gegenwart – Zukunft – eine einzige Bewegung und aus einem Guss. Nein, es brauchte einfach keiner Gedanken mehr. Die fügten sich nun zu einem ganz neuen Bild.

„Guten Appetit!“

Und ihre Mitternachtssuppe schmeckte einfach hervorragend an diesem Silvesterabend. Klar und rein, zu einem Feuerwerk aus Farben, das sich sehen lassen konnte. Ein kunterbunter Funkenregen in windstillem Raum.


Text aus: Blicklichter – Kurzgeschichten gegen die Trägheit und in der Anthologie: Mit 50 ist alles anders. Erschienen im Net-Verlag




Susanne Rzymbowski, geb. 1964 in Köln, im Büroalltag zu Hause, bezeichnet sich selbst
gerne als Spinnerin von Wort und Sinn, Autorin aus Leidenschaft, in ihrer Freizeit als
Lektorin und Coach aktiv. Seit 2015 nimmt sie an den unterschiedlichsten Ausschreibungen teil, um neue Ideen zu entwickeln.
Lyrische Texte liegen ihr am Herzen. Neben reinen poetischen Texten, die sich durch
Selbstreflexion und den Entwurf neuer Bilder auszeichnen, schreibt sie auch kritische
Gedichte.
Sie schreibt aber auch gerne Kurzgeschichten (seit 2018 auch unter Pseudonym).
Ihr Anspruch: Zum Nachdenken anregen. Ihre Texte berühren gedanklich und emotional und sind hintergründig, subtil und humorvoll geschrieben, immer den nötigen
Interpretationsrahmen für den Rezipienten lassend.
Zahlreiche Veröffentlichungen in unterschiedlichen Anthologien als Resultat teilgenommener Ausschreibungen sowie Veröffentlichung eines eigenen Erzählbandes in 2020.

Interview mit Susanne Rzymbowski auf dem #kkl-Kanal, hier.





Über #kkl HIER

Veröffentlicht von kklkunstkulturliteratur

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: