Silvesterschmutz

Jonathan Engert für #kkl12 „Dazwischen“




Silvesterschmutz

Der Silvesterabend bricht an. Die Straßen sind leergefegt. Vereinzelt knallen Feuerwerkskörper oder Böller.
Vor mir ragt das Landratsamt in die Höhe und macht die Umgebung dunkler. Ich will eigentlich Silvester feiern, aber habe meinen Geldbeutel in der Arbeit vergessen.
Am Eingang die Chipkarte schnell durchziehen. Das Gerät piepst und leuchtet Grün. Es zeigt kurz die Uhrzeit im Display an: 22:05 Uhr.
Meine Schritte hallen durch das leere Gebäude. Es wirkt wie ein Museum. An der Anmeldung befindet sich eine große Winke-Katze, die nie aufhört zu winken. Das Ungetüm erscheint unheimlich um die Uhrzeit.

Die eigenen Schritte durchdringen das ganze Gebäude. Es ist Totenstille.

Das Quietschen einer Türe ist zu hören und lässt mich aufhorchen. War da was?
Ich schaue durch den Flur hinter mir, aber sehe nichts.
Mir fällt der komische Hausmeister ein, der immer wieder murmelt, dass man nicht zwischen 22 Uhr und 5 Uhr morgens hier rein soll. Fast alle lachen über ihn.

Ich gehe in Richtung Arbeitsplatz. Umso näher ich dem Büro komme, desto kälter wird es im Gebäude. Woher? Ich friere trotz dicker Jacke. Die Büros wirken wie ausgestorben. Ich beschleunige mein Tempo und gelange zu meinem Arbeitsplatz. Ich schließe das Büro auf und finde den Geldbeutel auf dem Schreibtisch. Ich drehe mich um und gehe wieder hinaus. Ein Licht flackert, schrägt gegenüber im Büro vom Landrat auf. Die Tür ist sperrweit offen. Seltsam. Es müsste abgeschlossen sein. Einmal kurz und einmal lang, wie ein Morsezeichen. Meine Hände fangen an zu zittern und mein Körper schwitzt. Plötzlich ist mir heiß und ich öffne die Jacke. Ich entschließe mich, nachzuschauen, und gehe langsam vorwärts. Vielleicht ist jemand dort drin? Ich nehme einen Brieföffner an mich als Waffe und schaue in das Zimmer hinein. Hochwertiger Ledersessel, viele Mappen Rand gefühlt mit Papier auf dem Tisch. Zwei dicke Mappen befinden sich auf der Tastatur. Nichts Ungewöhnliches. Das Licht geht in dem Moment aus und ich fahre zusammen, aber entdeckte niemanden. Ich schalte das Licht wieder an. Das hier bilde ich mir nur ein. Wahrscheinlich spinnt das Licht.

Es macht einen Knall und die zwei Mappen von der Tastatur sind heruntergefallen.
Die Blätter verstreuen sich auf dem Boden. Ich seufze.

„Na toll“, knurre ich. „Bürokratie und eine Brise Wind vertragen sich halt nicht.“

Ich gehe in die Hocke und sammle die Papiere auf und sortiere sie ein.

Zum Glück sind sie nicht vermischt und ich kenne die Ordnung, da sie von mir selbst sind. In dem Moment geht das Licht aus und ich stöhne. Was ist hier los?!

„Guten Abend“, ertönt eine raue männliche Stimme. „Mein Name ist Karl und …“
Sofort packe ich den Brieföffner vom Boden und drehe mich in Angriffsposition um. Eine bläulich flimmernde Gestalt steht mitten in der Türschwelle des Büros. Die Füße schweben wenige Zentimeter über dem Boden.

„Ahhh!“, krächzt es aus meiner Kehle.
Wie zu Eis erstarrt fällt die Waffe aus der Hand.

Es ist ein Mann Anfang vierzig. Etwa so groß wie ich selbst. Haarfarbe und Augenfarbe lassen sich gar nicht herauslesen.

Mein Herz pocht. „Was … Was … Was?“

Ich kann kein Wort formulieren. Lediglich der Name hat etwas Ironisches an sich. Der Geist Karl aber in dem Moment kann ich darüber nicht lachen.
„Ich weiß merkwürdig einem Geist zu begegnen, oder?“

„Geister gibt es nicht!“, knurre ich und reibe mir die Augen, aber es will nicht verschwinden.

„Ich bin das Beispiel, dass es uns doch gibt“, entgegnet Karl gelassen. „Ich würde dir gerne was anbieten aber, als Geist kommt man oft mit leeren Händen daher.“

„Das ist ein Scherz? Versteckte Kamera?“

Ich suche nach einer logischen Erklärung.

„Tut mir leid, aber ich bin echt.“

„Ich geh dann mal“, sage ich und möchte durch die Tür hindurch.

„Lauf lieber nicht durch mich hindurch. Das ist sehr ungesund für deine Psyche.“
Ich bleibe stehen. Ein Bluff oder echt? Ich bin nicht scharf darauf es auszuprobieren.

„Was willst du?“, frage ich.

„Hinter dem Bild vom Landrat ist ein Tresor. Öffne ihn und faxe die Dokumente der roten Mappe. Ich finde erst meinen Frieden, wenn der Skandal öffentlich ist.“

„Was? Ich soll meinem Chef ans Messer setzen? Für dich?“

„Ja. Es muss getan werden. Ich will nicht bis ans Lebensende vom Landrat oder gar für immer hier verweilen.“

„Du kannst Dinge bewegen“, murmele ich. „Reicht das nicht aus, um dir selbst zu helfen?“

„Nichts was mir hilft. Ich kann keine Dokumente einscannen und keinen Tresor öffnen. Bloß Geisterstreiche, wie zum Beispiel die Mappen zu Boden fallen lassen, mit dem Licht spielen und Ähnliches. Darum brauche ich die Hilfe eines Menschen. Ich möchte nicht mehr in diesem dazwischen leben. Es ist grausam. Weder ganz Tod noch ganz am Leben! Gefangen in diesem Gebäude! Das schlimmste ist die Winke-Katze! Die provoziert mich jede Nacht!“

„Na gut. Dann helfe ich dir“, sage ich seufzend. Ich sehe keine sinnvollen Fluchtoptionen.

„Gut“, sagt Karl und lächelt. „Wie ist dein Name?“

„Ich heiße Georg“, krächze ich. Ich hänge das Bild ab und der schwere Tresor wird sichtbar. Ein Zahlencode wird gebraucht. Zu meinem bedauern ohne Fingerabdruck oder andere Sicherheitstechnik, die Karls Idee ruinieren könnten.

„Der Code ist 71923“, sagt Karl selbstbewusst.

Ich gebe die Zahlen ein und es piepst.

„Woher kennst du den Code?“

„Ich habe es vor drei Jahren herausgefunden, als er um 23 Uhr hier war. Ich konnte zwar nichts machen aber zuschauen und die Zahlen vergesse ich nie mehr.“

Ich nehme die rote Mappe heraus und schlucke schwer. Brisantes Material. Und ich soll es abschicken?
Es geht um Schmiergelder die zehn Jahre zurückreichen und fortgeführt wurden an diverse Firmen.

„Ich wollte es zu Lebzeiten veröffentlichen aber wurde umgebracht“, sagt Karl bedrückt.

Nachdem ich Karl Folge geleistet habe und die Dokumente an verschiedene Stellen gefaxt habe, löst er sich vor mir auf. Es ist kurz vor Mitternacht und vermehrt sind Feuerwerkskörper zu hören. Ich verlasse das Gebäude und weiß nicht so recht, ob ich erleichtert sein soll über den Silvesterschmutz, den ich unter dem Zwang eines Geistes aufgeräumt habe. Jeder der so etwas nicht erlebt hat, wird mich auslachen.







Jonathan Engert wurde 1991 in Ravensburg geboren und ist Asperger-Autist. Geschichten schreiben gehört zu seinem Leben dazu, seit er 14 Jahre alt ist. Eine Fantasy-Trilogie ist bisher veröffentlicht. Er arbeitet als Bürokaufmann in einem Großhandel und spielt in einem Schachverein.





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Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin und ZeitenGeist Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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