Über den Tellerrand schauen

Leonie Flieger für #kkl13 „Über den Tellerrand“




Über den Tellerrand schauen

Wir leben auf einem runden, kugelförmigen Etwas namens “Erde”. Und darauf steht ein riesiger Teller.

Was darin ist – das ist für jeden anders. Europa, Mitteleuropa, Deutschland. Vielleicht auch nur das Bundesland, der Regierungsbezirk, die Kommune. Der Stadtteil, das Viertel, die Nachbarschaft.

Die meisten fühlen sich wohl in ihrem Teller: Genug Platz, um sich zu entfalten, und alles, was es zum Leben braucht. Für ein schönes Leben wohlgemerkt.

Ohne Zweifel hat auch jeder so seine Probleme, vielleicht in der Familie, auf Arbeit, mit Freunden. Jeder von uns trägt sein Päckchen und das ist so unterschiedlich wie wir selbst es sind. Groß oder klein und leicht oder schwer. Alt oder neu und sauber verpackt oder kurz vorm reißen. 

Aber egal, wie es aussieht, eines ist anders in unserem Teller. So vieles anderes in unseren Leben läuft gut, auch wenn wir das nicht immer merken. 

Wir tragen nicht alles, was passiert, in diesem Päckchen. Manches macht es uns eher leichter, unser Gepäck zu tragen. Egal, ob das schöne Momente, freundliche Mitmenschen oder gute Gespräche sind. Das alles greift uns unter die Arme, verleiht uns Flügel und lässt uns einen Stein vom Herzen fallen. Ich kann es nicht anders sagen: Wir haben Glück. 

Denn es gibt auch noch andere Menschen. Die dieses Glück nicht haben. Die ihr ganzes Leben in ihrem Päckchen mitschleppen.

Es fängt an mit Krieg, dann kommt die Armut. Das Kind kann nicht zur Schule gehen und arbeitet sich halb tot. Verdurstet, weil es kein Wasser gibt, oder verhungert, weil es kein Essen gibt. Wenn es nicht vorher schon an einer Krankheit gestorben ist, für die es schon längst Heilung gibt. Aber woher kommt das Geld? Wenn es immer mehr Kinder werden, die versorgt werden wollen und keiner Bescheid weiß über Verhütung? 

Welche Momente gibt es im Leben dieser Menschen, die ihnen die Last abnehmen, oder zumindest leichter machen? Mit wem teilen sie ihr Leid? Mit der Nachbarsfamilie, die die gleichen Probleme und keine Zeit zum Reden hat, weil sie auch jeden Cent brauchen? Oder mit den radikalen Machthabern, die die Menschen in Klassen einteilen – nach Geschlecht, Religion, Herkunft oder ähnlichem? 

Ich will nicht behaupten, dass ihre Probleme schlimmer oder unsere weniger schlimm sind. Das ist alles subjektiv. Aber ich will uns, die Leute in unserem Teller, fragen, was wir tun. Wann schauen wir schon mal über den Tellerrand hinaus? Uns geht es doch meistens gut, da müssen wir jede Sekunde genießen. Wirklich? Wie können wir unser Leben unbeschwert – gewissenlos – genießen, wenn uns klar ist, dass das nicht jeder kann? Warum fällt es uns so schwer, auch nur ein paar Sekunden anderen Menschen zu schenken und uns zu fragen, wie wir ihnen das gleiche Glück ermöglichen können? 

Was wäre, wenn wir nicht in, sondern neben dem Teller säßen? Würden wir uns das dann nicht auch wünschen? Dass jemand mal kurz seine Komfortzone verlässt, um zu uns über den Tellerrand zu schauen? Nicht, um die ganze Welt zu verändern, sondern um Menschlichkeit zu zeigen. Denn jeder Mensch mehr auf dieser Welt, dem unter die Arme gegriffen wird beim Päckchentragen, zählt.




Leonie Flieger, ich schreibe schon fast so lange, wie ich denken kann. Ich habe früh lesen und schreiben gelernt (mit ca. 4-5 Jahren) und schnell meine Leidenschaft für Fantasiegeschichten entdeckt. Lange war ich vorwiegend im Bereich Jugendromane unterwegs, bis ich vor ein bis zwei Jahren mein Faible für Poetry Slams, Gedichte und freie Texte entdeckt habe. 





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Veröffentlicht von kklkunstkulturliteratur

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

Ein Kommentar zu “Über den Tellerrand schauen

  1. Liebe Leonie, vielen Dank für Ihren großartigen Text. Meine Gedanken gehen in dieselbe Richtung, nur fand ich bisher nicht die passenden Worte dazu.

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