Übern Tellerrand zu schauen

Andreas Roß für #kkl13 „Über den Tellerrand“




Bild pixabay



Gestern pfiff ich auf dem letzten Loch, heute dirigiere ich schon ein ganzes Orchester und morgen dann … ?

(Blick über den Tellerrand meines Lebens)

Wow, denke ich, als mir dieser Titel für eine Kurzgeschichte plötzlich im Bad, haarscharf an dem Waschtisch vorbei, vor die Füße fällt. Zuvor bin ich dabei gewesen, mein Spiegelbild feindlich anzustarren und übte mich darin, die Falten in meinem Gesicht mit Tagescreme auszuspachteln. In so einem Moment passiert es mir tatsächlich häufig, ein Gedanke kommt und eine Idee ist plötzlich geboren. Nur, was soll ich mit einem Titel anfangen, denke ich verkniffen. Die Geschichte fehlt. Allein ein Titel kann eine Menge anrichten, aber nicht viel ausrichten. Niemand würde ihn abdrucken, gerade dann, wenn er neugierig macht auf eine Geschichte, die dann gar nicht folgt.

Und dieser Titel schreit förmlich danach, eine Geschichte anführen zu dürfen und zwar eine, die sich gewaschen hat. Eine mit Sinn und Verstand, die das Thema des Titels nicht nur aufnimmt, sondern auch solange damit spielt bis es der geneigten Leserschaft über den Rücken schaudert und die lobhudelten Kommentare nur so auf mich einprasseln. Eines ist also klar, die Idee, eine solche Geschichte zu schreiben, sollte umgesetzt werden und zwar in die Tat und sofort. Soll ich gleich loslegen oder mich zuvor weiter meinem Gesicht widmen?, frage ich mich. Ich überlegte kurz und komme zu folgendem Schluss: Gefällt mir morgens mein eigenes Spiegelbild, kann der Tag gar nicht so schlecht werden. Dumm nur, dass der Spiegel in  meinem Bad momentan nicht zur Lüge fähig ist. Vielleicht wäre es doch besser, gleich loszustürmen, um dann den Schreibtischstuhl mit meinen vier Buchstaben aufzuwärmen. Ich kenne das. Meist sitze ich hier längere Zeit dumm rum und starre auf den Bildschirm meines Laptops. Mir fehlen häufig die Worte. Ich will nicht untertreiben, es fehlen mir auch die Sätze, Absätze, Spannungsbögen und vor allem der Schluss. Der Schluss und der erste Satz, das sind die Herausforderungen des Schreibenden, tagtäglich und ohne Gewissheit auf nachhaltigem Erfolg.

Tja, so ist das und dennoch treibt es mich immer wieder vor die Tastatur und hin zu dem Rätsel, wie ich es schaffen kann, die unzähligen Tasten in der Reihenfolge anzutippen, dass auf dem Bildschirm der ultimative Text erscheint, der mich auch noch für meine Nachwelt attraktiv macht. Vieles habe ich ausprobiert. Auch die Suche nach einer Muse ist ein Ansatz, um Kreativität zu kreieren. Manchmal dachte ich tatsächlich, eine solche Muse gefunden zu haben, dann entpuppte sie sich doch wieder als Ebenbild meiner Mutter. Im Rückspiegel des Lebens sieht man halt immer wieder seine Eltern, das wurde mir Mal um Mal schmerzlich bewusst. Was bleibt ist der Rückstoß auf mein eigenes Ich. Kein guter Start auf dem Weg zum Orchesterdirigenten und womöglich noch auf den Tag danach ….

Was bleibt also?

Geduld und Spucke, zum Beispiel

Zwei Dinge mit denen ich nicht arg viel anfangen kann. Zum einen dauert alles eh zu lang, besonders die unangenehmen Sachen und zum andern bleibt mir häufig vor Schreck, die Spucke weg, besonders bei den unangenehmen Sachen.

Erneut also die Frage: Was bleibt?

Lediglich ein Blick über den Tellerrand meines eigenen Lebens. Vielleicht? Um das zu erreichen, habe ich Vieles ausprobiert. So habe ich Wünsche ans Universum versendet, macht man halt so in seinem Eso-Wahn, wenn Nichts anderes geht. Meist hat mir allerdings das Universum die kalte Schulter gezeigt. Es war weder erfrischend noch anregend und hat mich auch kaum weitergebracht, dennoch danke ich dem Universum, zumindest dafür, dass ich denkend in ihm verweilen darf.

Was wäre aber mit der Idee, eine Fabel zu schreiben? Dies könnte die Leserschaft mit Mehrdeutigkeit beglücken. Literatur ist Mehrdeutigkeit in höchster Potenz. Und im Idealfall soll dies nicht Verwirrung stiften, sondern die unvermeidliche Komplexität der Dinge und der Sprache erfassen. Klar, ich könnte eine Fabel schreiben. Vielleicht eine Geschichte von einem Hundewelpen, das bei einem Tierschänder aufwachsen musste und dann zum Anführer eines Rudels im Tierheim wurde.

Die Frage ist allerdings, wer will so etwas lesen? Denn eines muss man wissen. Lesende können leicht vergrätzt werden und Lesende sind eine der wenigen Lebensberechtigungsgründe für Autoren. So flüchte ich mich erst einmal in die vollendete Zukunft: Ich werde in den nächsten Tagen den Text vollendet haben wollen.







Andreas Roß, geboren 1962 in Ostheim, einem kleinen Kaff in der Nähe von Hanau, lebt seit 1985 in Darmstadt, verheiratet, zwei Söhne und von Berufswegen seit mehreren Jahrzehnten als „Mundwerker“, also Sozialarbeiter, unterwegs.

Neben zwei Kurzgeschichtensammlungen „Begegnung mit dem Berserker“ (2011) und „Das Leben ist eine Zicke“ (2018) sind vier Kriminalromane erschienen, „abgedrückt“ (2013), „weißkalt“ (2015) „Tage, die alles verändern“ (2017) und „Innere Schreie“ (2020). Von 1996 bis 2008 monatlich Kurzkrimis in dem Darmstädter Magazin „Vorhang Auf!“.

Mitglied der Textwerkstatt Darmstadt unter Leitung von Kurt Drawert (2003 – 2010) und siebenmaliger Gewinner regionaler Literaturpreise.

Diverse Auftritte bei Poetry-Slam Veranstaltungen und Veröffentlichungen auf CD.

Seine Zuneigung zum Krimi-Genre entwickelte er insbesondere in der Zeit, als er in verschiedenen Justizvollzugsanstalten tätig war und so einige Geschichten hörte, die inspirieren können, zumal anscheinend nichts unwahrscheinlicher ist, als die Realität. Dazu kam die Liebe zu seiner Wahlheimat Darmstadt.

www.krimiautor-ross-darmstadt.de








Über #kkl HIER

Veröffentlicht von kklkunstkulturliteratur

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

Ein Kommentar zu “Übern Tellerrand zu schauen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: