Fürsprache

Paul Schenk für #kkl13 „Über den Tellerrand“




Fürsprache

Es ist wohl eine der wichtigsten Anleitungen fürs Leben nicht allzu viel auf die Meinung anderer zu geben. Zumindest nicht von Menschen, die einem ohnehin nicht berühren, nicht mehr sind als lästige Zaungäste, denen es weniger um ein persönliches Wohlergehen, sondern vielmehr um eine Art soziale Kontrolle geht.

   Das können einzelne Personen aus dem persönlichen Umfeld sein, eine Gruppe, Partei oder Glaubensgemeinschaft. Alle mit dem höchsteigenen Interesse auf ein anderes Leben einwirken zu wollen, um einen Gleichklang zu erzeugen.

   Umso erstaunter war ich vor einiger Zeit, als ich einer katholischen Messe in einer Kirche eines kleinen Dorfes beiwohnte. Als Jugendlicher hatte ich zwar eine Zeit, in der ich regelmäßig, meist sonntags abends, in die Kirche ging. Für gewöhnlich stellte ich mich dann in die hintere Ecke des rechten Kirchenportals. Als wäre es mir wichtig einen günstigen Fluchtpunkt zu haben. Nicht mehr als ein abseitiges Schattendasein führend, das gleichzeitig wohl auch ein körperlicher Ausdruck meiner Gläubigkeit war. Im Grunde wollte ich einfach nur für eine kurze Zeit in der Geborgenheit einer Gemeinschaft verweilen, dabei in der Lage sein, andere in ihrem dem Glauben untergeordneten Verhalten zu beobachten. Wie sie sangen und beteten, ob sie auch noch in den hinteren Reihen auf den harten Bänken knieten, mit Andacht zur heiligen Kommunion gingen oder sie sich ihnen eher als eine lästige Pflicht offenbarte.

   Als die Messe zu Ende war, war ich jedes Mal erleichtert. Es fühlte sich an wie nach einer getanen Arbeit, das Gewissen für eine ganze Woche reingewaschen.

   Im Grunde war Kirche immer ein Synonym für eine mir zuwidere kleinbürgerliche Rechtschaffenheit. Ich brachte sie stets mehr mit Verlogenheit in Verbindung als mit einem wahrhaftigen Glauben.

   Mittlerweile waren einige Jahrzehnte vergangen und ich saß weit unkritischer in einer der Bänke dieser kleinen Dorfkirche. Als würde ich mit alledem bereits längst abgeschlossen haben. Erstaunlicherweise aber war dieser unscheinbare Pfarrer imstande, mich erneut für Gottes Lehren zu gewinnen, mir zumindest eine neue Sichtweise auf das Leben und den Glauben zu schenken. Denn es fühlte sich an, als stellte er mir von der Kanzel herab einen Freifahrschein für ein selbstbestimmtes und entspanntes Leben aus.

   Anfangs war ich noch gelangweilt und eingepfercht in einer der vorderen Bänke der Kapelle gestanden. Ich kann mich weder an die Farbe der Soutane des Priesters noch an dessen Aussehen erinnern. Nur mehr daran, dass er eine Brille trug, bereits etwas älter war und ich plötzlich wie von seinen Worten wachgerüttelt auf ihn aufblickte und an seinen Lippen hing.

   „Wer sagt“, fing er an, „dass wir im Leben etwas leisten müssen, etwas erreichen müssen! Niemand. Der Mensch hat einzig und allein die Aufgabe, Verantwortung für sich und sein Handeln zu übernehmen, zu versuchen ein eigenständiges Leben zu führen, ohne anderen auf der Tasche zu liegen, das reicht. Das Wichtigste ist die Liebe, anderen Menschen mit Liebe und Mitgefühl zu begegnen. Wem das gelingt, der hat die Botschaft Gottes verstanden, und muss sich nicht den Kopf darüber zerbrechen, unbedingt etwas leisten zu müssen. Den nächsten zu lieben und ihm uneigennützig zu begegnen, mit Demut auf ihn zu schauen, wie auch auf sich selbst, ist schon Leistung genug.“

   In meiner Erinnerung empfand ich die Predigten der Geistlichen meist als ein oberflächliches, weltfremdes Gewäsch. Meist ohne einen konkreten Hintergrund und in der Sorge niemandem innerhalb der katholischen Gemeinde auf die Füße treten zu wollen.

   Nur einmal hatte es ein Priester gewagt, die Doppelmoral eines Kinobetreibers anzuprangern. Er und seine Frau waren zwar brave Kirchgänger. Das hinderte sie allerdings nicht daran, in ihrem Kino Pornofilme aufzuführen; in erster Linie für die in der kleinen Stadt stationierten Soldaten.

   Im Wesentlichen sprach der Pfarrer nur aus, was vielen der aufrichtigen und scheinheiligen Kirchgänger eh schon seit geraumer Zeit ein Dorn im Auge war. Er konnte sich deshalb der Zustimmung all jener sicher sein, die in diesen Filmen eine Verunglimpfung des ehelichen Akts sahen, die intime Hingabe eines Gatten an den anderen, und gebotene Keuschheitsregeln entstellten. Es war also höchste Zeit im Wohle der getreuen Schäflein die Stimme zu erheben. Auch auf die Gefahr hin, dass zwei vielleicht auf der Strecke blieben.

   An jenem Tag aber hatte ich das Gefühl, dass dieser Gottesmann selbst aus tiefsten Herzen davon überzeugt war, diese Ansicht in seiner Seele verankert war, ohne das Wort im Namen einer Kirchengemeinde oder eines moralischen Gebots erheben zu müssen. Mild und nachsichtig gestimmt, vielleicht im Angesicht des Todes, der ohnehin alles Leben zurücknimmt.

   Auf jeden Fall berührten mich seine Worte sehr. Ich verstand sie als etwas leise Aufrührerisches, gegen den Strich gekämmt, selbst meine persönliche Deutung einer katholischen Ethik überdenkend. Vielleicht auch nur deshalb, weil ich mich mit Religion nie wirklich auseinandersetzt hatte und ohnehin nie beschlagen genug war, mir ein ausgewogenes Bild davon zu machen.

   Trotzdem fühlten sich seine Worte irgendwie vertraut an. Sie hatten etwas von einer jungfräulichen Offenbarung. Nicht zuletzt deshalb, weil ich selbst häufig das Gefühl hatte, dass es in meinem Leben nicht voranginge. Diese seine Worte standen mir deshalb gut zu Gesichte. Als würde ich von berufenem Munde bescheinigt bekommen, dass es weiter nicht schlimm sei, nicht wirklich etwas zu leisten.

   Vielleicht empfand ich den Glauben an jenem Tag deshalb als ein Stück weit geistigen Anker. Als könne er zuweilen auch bei mir ein Element in der Bewältigung meiner existentiellen Nöte und Ängste sein. 




„Mein Name ist Paul Schenk, Jahrgang 1963, ich bin italienischer Staatsbürger deutscher Muttersprache (Südtiroler), und habe an der Universität Padova, an der London School of Economics und an der Sorbonne in Paris Politikwissenschaften/Soziologie/Wirtschaft studiert.

Im Rahmen meiner beruflichen Tätigkeiten habe ich unter anderen im Management eines Verlages, als Redakteur bei überregionalen Zeitungen in Hamburg, Rom und Berlin und als Kommunikationsleiter einer Hochschuleinrichtung gearbeitet.

Weiter war ich in der Vergangenheit als Verleger einer Zeitschrift tätig, habe zwischenzeitlich unterrichtet und als freier Autor für öffentliche und private Dienstleister gearbeitet.

Seit einigen Jahren lebe und schreibe ich in Berlin.“





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Veröffentlicht von kklkunstkulturliteratur

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

2 Kommentare zu „Fürsprache

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