Besuch

Karl Richard Richter für #kkl13 „Über den Tellerrand“




Besuch

Ich erwachte, wieder einmal vor dem Klang des Weckers. Mittlerweile hat sich meine innere Uhr an meinen Rhythmus gewöhnt, der Dreiviertel-Takt des Lebens, Aufstehen, Arbeit, Schlafen. Ich schaltete den Wecker trotz dessen jeden Abend aufs Neue an, nicht einmal meiner inneren Uhr vertraute ich. Ich schwang mich aus meiner Decke und setzte mich auf die Bettkante, bevor ich mir die gleiche Frage wie jeden Morgen stellte. Gehe ich zur Arbeit oder mache ich blau? Mittlerweile wirkte diese Frage lediglich rhetorisch, ein versuch die Determination des Alltags zu widerlegen, obwohl die Antwort klar war. Ich würde zur Arbeit gehen. Nicht aus Pflichtbewusstsein oder gar aus reiner Laune heraus, sondern aus dem simplen Grund, dass ich nichts mit mir anzufängen wüsste, bliebe ich zu Hause. Wäre ich zu Hause nicht genauso nutzlos wie auf der Arbeit? Würde das bleierne Gefühl in mir nur durch Arbeitsverweigerung an Bedeutung verlieren? So legte ich mich wie jeden Morgen selbst in meine Ketten, den Henker bittend, sich zu beeilen. Ich stand von der Bettkante auf und bewegte mich Richtung Küche, wobei ich ein seltsames Gefühl wahrnahm. Meine Füße, welche ich normalerweise dazu zwingen musste mein Gewicht zu schleppen und mich zu bewegen, waren auf einmal federleicht. Begleitet von einem zarten Kribbeln bewegten sie sich wie von allein Richtung Küche. Komisch dachte ich. Als würden sie versuchen dem Kreis zu entkommen, den ich ihnen jeden Tag aufs Neue auferlege. Ich ließ mich also von meinen Füßen in die Küche tragen und bereitete mich schon auf den bitteren Geschmack des Kaffes vor, bis mich ein Geräusch unterbrach. Ein bei mir zu Hause ohnehin schon seltenes, um die Uhrzeit aber noch unpassenderes Geräusch. Die Klingel. Ich schmunzelte leicht, wer mag wohl um diese Zeit klingeln? Während ich überlegte, ob ich öffnen solle oder nicht, betrachtete ich mich im Spiegel meines Schlafzimmers. Ich stand da, eingefallen und im Schlafanzug. Das Aufrecht stehen habe ich schon lange verlernt, stets lief ich geduckt, als würde mich das Leben mit all seinen Lasten Tag für Tag kleiner, noch unscheinbarer wirken lassen. Schließlich schlich ich zur Haustür und lauschte, doch nichts war zu Hören. Obwohl ich überzeugt war, mich vertan zu haben, öffnete ich die Tür. Auf dem Fußabtreter vor der Haustür standen zwei kleine, identisch aussehende Männer. Beide waren kahlköpfig und trugen ein langes weißes Nachthemd, ihre Hände hielten sich fest und bewegten sich unaufhörlich in kleinen, undefinierbaren Bewegungen. Nur die Farbe ihrer Augen waren verschieden, der eine hatte stechende eisblaue Augen, die Augen des anderen schienen in einem dunklen Braun, fast schwarz. Wer seid ihr?, fragte ich, die Verwunderung in meiner Stimme nicht versteckend. Der mit den blauen Augen erwiderte emotionslos, Dürfen wir reinkommen? Wir gehen rein, antwortete der Andere, noch bevor ich zu Wort kam. So zogen sie an mir vorbei ins Wohnzimmer und setzten sich auf mein schwarzes Ledersofa. Federleicht, dachte ich und folgte ihnen. Entschuldigen sie, aber wer sind sie und was wollen sie von mir?, fragte ich betont höflich. Der eine antwortete, gleich nachdem ich meinen Satz beendete, Wer wir sind? Wir sind gefangen. Laufen in der Zelle hin, laufen in der Zelle her. Doch leben tun wir längst nicht mehr, ergänzte der andere.

Langsam verlor ich die Geduld. Was wollt ihr denn von mir? Erwiderte ich ihnen in einem aggressiven Tonfall. Sofort setzte der emotionslose Singsang erneut ein. Du verkauftest deine Freiheit und legtest dir die Ketten an. Wieder beendete der braunäugige den Satz, doch bist du selbst der Einzige, der sich aus ihnen befreien kann. Ich starrte auf ihre Hände, in diesem ständigen ineinander verknoten bewegte sich etwas, sie reichten ein Objekt immer von der einen zur anderen Hand. Einen Schlüssel. Dieser Schlüssel schien zu glühen, er schien so heiß zu sein, dass keiner von beiden ihn lange in der Hand behalten wollte. Ich konnte nicht mehr von dem Schlüssel wegsehen, magisch zog er meinenBlickaauf sich, weckte in mir ein tiefes Verlangen. Je heller das Licht des Schlüssels, desto dunkler wurde es um mich herum. Ich wollte gerade etwas erwidern, bis ich-erwachte.

Sonnenlicht drang durch meine Gardinen, es war wohl später Vormittag. Ich habe verschlafen, stellte ich fest. Ich strich mir meine Decke vom Körper und setzte mich auf die Bettkante. Meine Gedanken kreisten um die seltsamen Gestalt und um den Schlüssel. Ich saß noch eine Weile an der Bettkante bis ich einen Entschluss fasste. Heute mache ich blau, dachte ich und ging in Richtung der Küche.




Karl Richard Richter, Dessau-Roßlau

Schüler des Liborius Gymnasiums Dessau

Schreibt hobbymäßig





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Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin und ZeitenGeist Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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