Gebet eines Reisenden

Olivér Meiser für #kkl13 „Über den Tellerrand“




Gebet eines Reisenden

O Herr, du wolltest,

daß ich auf Reise gehe,


sei es, daß du mir einfach

die Neugierde gegeben hast,

über meinen Tellerrand

zu blicken,

sei es, daß du mir

die Aufgabe zugeteilt hast,

für meine Firma oder Regierung

Dinge im Ausland zu erledigen


sei es, daß du mich

durch den Glauben an dich

veranlaßt hast, zu pilgern,

und eine heilige Stätte aufzusuchen


oder sei es, daß du mich

nach langem Überlegen bewogen hast,

vor Krieg, Ungerechtigkeit, Armut

oder Naturkatastrophen zu fliehen.


Was immer der Grund der Reise sei:

Beschütze mich auf meinen Wegen!


Und bewahre mich,  Herr, wenn irgendwie möglich,

vor jenen unseligen Reisen mit Uniform und Gewehr!


Wo immer ich unterwegs bin:


Gib mir die Einsicht zu akzeptieren,

daß woanders die Verhältnisse anders sind!


Wenn sie besser sind als daheim, erinnere mich daran,

dies vor meinen Gastgebern möglichst oft zu loben

und hilf mir, wenn das Gegenteil der Fall ist,

so gut es geht über die Unzulänglichkeiten zu schweigen!


Laß mich stets der Tatsache bewußt sein,

daß ich, egal weshalb ich nun reise,

immer – ob ich es will oder nicht – Botschafter

meines Landes und Volkes bin,

könnte ich doch für die Menschen, denen ich begegne,

erster oder einziger Repräsentant meiner Heimat sein

und somit deren Bild davon entscheidend

und auf lange Sicht hin prägen!


Hilf mir daher, mich so zu verhalten,

daß der Fremde den bestmöglichen Eindruck

von mir und meinem Volk mitnehmen und

an sein Volk weitergeben kann!


Wenn ich als Tourist komme:


gib, daß ich nicht laut und peinlich bin,

mich ständig vordrängle und

allenthalben nach Sauerkraut

oder Wiener Schnitzel frage!


Bei allem Verständnis für mein Bedürfnis,

den Alltagszwängen von daheim zu entkommen:


Laß mich, auch wenn ich Urlaub habe,

nicht den guten Geschmack verlieren,

damit ich nicht bestenfalls lächerlich wirke

oder – schlimmer  – gar die Moral meines Gastlandes verletze!


Laß mich in der Landessprache wenigstens „danke“ sagen,

vielleicht auch noch das „bitte“ lernen

und, wenn schon das nicht hängenbleiben will,

zumindest ein Lächeln und das Trinkgeld nicht vergessen!


Und laß mich fremde Leute nicht gleich verärgern,

indem ich meine Kamera wie eine Waffe auf sie richte!

Lehre mich statt dessen, mentale Bilder aufzunehmen

und – wie Saint-Exupèry sagt – mit dem Herzen zu sehen!


Laß mich auch überdenken,

ob meine Dusche nicht der Bereisten Trinkwasser,

mein Fremdenzimmer der Einheimischen Wohnraum,

der Spaß meines Urlaubs anderer Menschen Last ist,

ob mein Tritt nicht ein zerstörtes Moos,

mein Schritt einen verscheuchten Vogel,

meine Fahrt verunreinigte Luft und

mein Flug Lärmbelästigung bedeutet!


Wenn ich im Ausland arbeiten soll,

vor allem in ärmeren Ländern:


Erlöse mich von der großen Leidenschaft,

stets der Ingenieur sein und

andere Völker und Länder ständig

nach meinen Vorstellungen entwickeln zu wollen!

Bei meinen vielen neuen und zuweilen

ja auch manchmal gewiß besseren Ideen

scheint es mir ja schade,

sie nicht ständig gebetsmühlenartig zu wiederholen,

aber du verstehst, o Herr,

daß ich auch im Gastland Freunde haben möchte!


Lehre mich, hilfreich, aber nicht besserwisserisch,

und beratend, aber nicht belehrend zu sein!

Und führe mich zu der weisen Erkenntnis,

daß auch ich noch vieles lernen kann!


Reise ich als Politiker oder Geschäftsmann:


Erinnere mich daran, daß auch

die Tatsache, Macht und Geld zu haben

mich nicht von gutem Benehmen,

allgemein gängigen Konventionen

und Respekt gegenüber dem Gastgeber entbindet.


Wenn ich als Pilger komme:


Laß mich auch anderen Glauben tolerieren,

für andere Meinungen offen sein

und bei aller Frömmigkeit trotzdem

meinen Abfall in die Mülltonne werfen!


Laß mich, so groß die Begeisterung sein mag,

den anderen möglichst nicht tottrampeln

und erkennen, daß auch Wege jenseits von

Rom, Mekka oder Jerusalem zu Gott führen!


Wenn ich in einem fremden Land

länger bleiben möchte oder muß:


Gib mir den Willen und den Fleiß,

die neue Sprache zu erlernen,

aber gib auch dem Gastland Geduld mit mir,

wenn dies nicht immer gleich gelingen sollte!


Verleihe mir das Verständnis einzusehen,

daß woanders andere Regeln gelten

und vielleicht sogar – selbst wenn mir das nicht gefällt –

der Staat über den Gesetzen der Religion stehen kann!


Schenke mir das Gespür, mich in den

Gastgeber hineinzuversetzen,

und diesem auch die Gabe nachzufühlen,

wie es ihm wohl in meiner Lage ginge!


Versehe mich aber auch mit der Klugheit,

nationale oder ethnische Eigenheiten von

Dummheit, Gemeinheit oder Diskriminierung

zu unterscheiden!


Laß mich erkennen, daß ich längerfristig,

wenn ich im Gastland geachtet sein will,

nicht nur fordern und nehmen kann,

sondern auch geben und leisten muß!


Und wenn mich das Heimweh plagt:


Gib mir genügend Kraft,

dennoch auf das Fremde zuzugehen

und mich nicht ständig abzukapseln

und nur an die Landsleute zu klammern!


Wenn ich wirklich ein Soldat sein sollte:

Laß mich – als Kommandant wie als Rekrut –

in jeder Lage Befehle kritisch überdenken

und erinnere mich stets daran,

daß selbst Krieg zwar vieles,

aber nicht alles rechtfertigt!

Laß mich hingegen alles tun,

um am Aufbau des Friedens mitzuarbeiten,

egal ob als Soldat, Diplomat, Politiker oder Tourist,

ob als Pilger, Migrant oder Geschäftsreisender!


Laß mich nie, weder unterwegs noch daheim,

weder in Krieg noch in Frieden

vergessen, daß es Werte gibt, die wir alle teilen,

und gebe mir die Kraft, mich für sie einzusetzen!


Schenke mir die wundervolle Erkenntnis,

daß wir Völker auf der Welt

mindestens genauso viele Gemeinsamkeiten haben.

wie es zwischen uns Unterschiede gibt!


Und laß mich, was noch viel wundervoller ist,

erkennen, daß ich überall auf dieser Welt

Freunde finden kann, und verleihe mir,

o Herr, den Mut, sie auch zu suchen!


Und wenn ich irgendwann wieder daheim bin:


Laß mich vom Guten meiner Reise berichten

und andere aus meinen Erfahrungen lernen

und Unangenehmes, wenn auch nicht immer verschweigen,

so aber doch vielleicht gnädig verzeihen!


Denn wenn mir all dies gelingt,

dann kann ich ein wertvoller Botschafter

des so notwendigen friedlichen Zusammenlebens

auf dieser unserer Welt werden!




Olivér Meiser

geb. 1970 in Reutlingen, Studium der Geowissenschaften und Biologie in Tübingen und Rio de Janeiro, Studienreiseleiter und Literat, schreibt Lyrik und Prosa seit seiner Schulzeit, Veröffentlichungen in Anthologien und Tageszeitungen, Preise vom Bertelsmann-Verlag, dem FDA, der Stiftung Euronatur und den Buchmessen Migration.





Über #kkl HIER

Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin und ZeitenGeist Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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