Der leere Einkaufswagen

Thorben Galinski für #kkl13 „Über den Tellerrand“




Der leere Einkaufswagen


Da stand er also. Und da stand ich also. Schweigend blickten wir uns an. Was hätte er auch sagen sollen, leblos wie er war. Vielleicht nicht ganz leblos. Das Gras, das um ihn herum und durch seine drahtigen Maschen hindurchwucherte, war erfüllt von der mikroskopischen Lebendigkeit der Ameisen und Käfer, die sich an den grünen Halmen emporkämpften. Um mich herum ein warmer Sommerwind, Sonnenschein, der leicht distanzierte Lärm der Straße. Die Gleise waren noch nicht belebt.
 Ein Blick auf die Uhr. Noch zehn Minuten. Warten auf einen Zug an einem frühen Sommermorgen in bereits drückender Hitze kann sehr lang werden. Und sehr langweilig. Also suchte ich mir etwas, um mein nach Aktivität forderndes Gehirn zu beschäftigen. Und da fand ich ihn. Was hatte ein leerer, alter Einkaufswagen im Graben neben einem Bahnübergang zu suchen, in dessen näherer Umgebung sich kein einziger Supermarkt befand? Er musste schon eine ganze Weile da stehen, denn er war leicht rostig und das Gras um ihn herum wucherte wie ein kleiner Urwald mitten in der Stadt. Um der Langeweile den Kampf anzusagen, stürzte ich mich in verschiedene Theorien.
Die einfachste wäre wohl, dass jemand den Einkaufswagen bei einem Einkauf einfach zu Transportzwecken mitgenommen und ihn anschließend achtlos in den Graben geworfen hatte. Vielleicht hatte die Person auch vorgehabt, ihn mit in den Zug zu nehmen, wurde aber vom Bahnpersonal daran gehindert. Also hatte die Person keine Wahl, ab in den Graben damit. Vielleicht aber hatten auch nur ein paar Jugendliche sich den Wagen aus Spaß genommen und waren damit herumgefahren, bis sie der Spaß an der Sache verließ und sie ihn in den Graben warfen. Es könnte ihn aber auch einfach jemand dort vergessen haben. Unwahrscheinlich. Einen Einkaufswagen vergisst man nicht so einfach. Wer also könnte dafür Verwendung gehabt haben?
Die Antwort auf diese Frage kam mir naheliegend und logisch vor. Ein wenig Logik sollte schon mit dabei sein, wenn mein sonnengemartertes Hirn sich unbedingt die Zeit vertreiben wollte. Noch sieben Minuten. Die logische Erklärung also war, dass der Wagen einem Obdachlosen als Transportmittel gedient hatte. Warum auch nicht, stabil, groß, praktisch, einfach zu handhaben und kostet nur einen Euro. Das allerdings warf eine neue Frage auf: Was war passiert? Wo waren Inhalt und Besitzer? Tot? Möglich wäre es. Dann hätte vielleicht ein anderer Obdachloser sich der Habseligkeiten bemächtigt. Brauchte der arme Kerl ja nicht mehr. Und da er schon seinen eigenen Wagen für einen Euro hatte, brauchte er den hier nicht. Also einfach liegengelassen. Vielleicht war der arme Kerl aber auch entführt worden. Das würde der Boulevardpresse gefallen. Dafür sind sie immer gut, die Obdachlosen, um bei den Revolverblättern die Lücken zu füllen. Dann schreiben sie etwas über verschwundene oder entführte Obdachlose, um den süßen Pöbel zu entzücken. Sonst schreiben sie nichts über Obdachlose. Obdachlose, die sich für nur einen Euro einen eigenen Wagen kaufen können, das interessiert wohl keinen. Trotz der wirtschaftlichen Sensation. Verrückte Welt.
 Noch vier Minuten. Mein Blick fiel auf die Gleise. Vielleicht war der Obdachlose ja auch umgezogen. Wenn er mit dem Zug in eine andere Stadt weitergezogen wäre, hätte er den Wagen nicht mitnehmen dürfen. Den Gedanken hatte ich ja schon mal. Das machte die Theorie der Bahnfahrt und des Zurücklassens, weil Einkaufswagen nun mal nicht bahnfahrttauglich sind, immer plausibler. Zwei Minuten.
Das Quietschen einer Fahrradbremse hinter mir riss mich aus meinen Gedanken. Ein Mann, den ich gegen Ende Fünfzig schätzte, hatte angehalten und blickte in meine Richtung. Mir fiel die ziemlich teure Kleidung auf, die er trug. Normalerweise fahren solche Leute mit dem Auto oder Taxi, aber er nicht. Mit Anzugshose, Hemd und Krawatte, war er auf dem Fahrrad unterwegs. Recht altmodisches Model, robust aber nichts Besonderes. Auch kein E-Bike, ein ganz normales Herrenrad. Ich dachte er, er würde mich anstarren, aber dann folgte ich seinem Blick. Auch er sah auf den Einkaufswagen. Vermutlich hatte er gesehen, wie ich das Ding interessiert und grübelnd angesehen hatte und sich gefragt, was es dort interessantes zu sehen gäbe. Er sprach nicht, sah mich auch nicht an. Plötzlich lächelte er versonnen, wie in tiefe und alte Erinnerungen oder Tagträume versunken. Die Schultern hoben sich in einem stillen Seufzen. Dann fuhr er weiter. Ich starrte ihm verwundert nach, doch bevor ich den Gedanken richtig fassen konnte, knackten die Lautsprecher über mir. Der Zug kam. In der Ferne sah ich ihn heranrollen. Der Mann auf dem Fahrrad war nicht mehr zu sehen. Mit kreischenden Bremsen kam der Zug zum Stehen. Ich warf dem Einkaufswagen einen letzten Blick zu und stieg ein.


 



Thorben Galinski

„Zu mir selbst, ich bin 35, verheiratet, Vater von zwei Kindern lebe am Rand von Möchengladbach und bin Lehrer für Deutsch und Englisch an der Gesamtschule Jüchen. In meiner Freizeit lese und schreibe ich selbst gerne und bin außerdem Fernseh-, Theater und Gamingbegeistert. Am liebesten lese und schreibe ich Fantasy, aber manchmal auch über Alltagssituationen, oder auch nicht ganz so alltägliche Situationen.“





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Veröffentlicht von kklkunstkulturliteratur

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

3 Kommentare zu „Der leere Einkaufswagen

  1. Was für eine tolle Geschichte um einen simplen Einkaufswagen… es passiert selten, dass ich einen Test s o f o r t zu Ende lesen muss. Am Ende werde ich allein gelassen mit meinen Gedanken und dem Suchen nach – vielleicht einer weiteren Geschichte?

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