Rudolf mit den roten Haaren

Lena Elster für #kkl13 „Über dem Tellerrand“




Rudolf mit den roten Haaren

Es ist Heiligabend. Rudolf sitzt im Hinterhof seiner Studentenwohnung, neben ihm die überquellenden Mülltonnen; der Biomüll stinkt; eine von Mäusen (oder Ratten?) angeknabberte Matratze, die der eklige Herr Schulz in einem seiner Wutanfälle, der sich diesmal nicht auf seine Frau richtete, aus dem Fenster geschmissen hat. Unbeeindruckt von dem stinkenden Geröll liegt Gustav neben ihm, ein Bernhardiner, den Kopf schwer auf die Pfoten gelegt. Rudolfs Füße sind nackt, und das, obwohl es mittlerweile so kalt ist, dass man meint, die Zunge müsste einem im Mund einfrieren. Doch Rudolf ist gerne barfuß. Er mag das Gefühl von Kälte und stechendem Schmerz, er mag es, etwas zu fühlen. Mit seinen Zehen tastet er nach den gefrorenen Grashalmen unter ihm, spürt, wie sie schmelzen und das kalte Wasser über seine Haut rinnt. Er versucht, die Füße so nass wie möglich zu halten, patscht mit ihnen auf den Boden, lässt das Wasser darüber sickern. Wasser ist ein seltsames Element, findet er. Oft fühlt es sich im Wasser wie Fliegen an- vielleicht sind Wasser und Luft sich zu ähnlich und alles, was dazwischen liegt, ist irgendwie unwichtig.

Frau Fries ist klein- woran liegt das, dass es keine großen alten Frauen gibt? Wenn sie mit Frieda spazieren geht, trifft sie oft auf andere Hundebesitzer. Die mit den großen Hunden sind ihr nicht geheuer, denn Frieda ist blind und Frau Fries hat Angst, dass sie angegriffen wird und sich nicht wehren kann. Sie nimmt Frieda schnell auf den Arm, sobald sich einer dieser Hunde nähert. Doch heute kann sie nicht rechtzeitig reagieren: Ein riesiger Bernhardiner rast ohne Leine und Besitzer auf sie zu. Frieda fiept; sie spürt, dass da ein anderer Hund kommt, kann ihn jedoch nicht einordnen.

Rudolf legt seinen Joint im Aschenbecher ab und lehnt sich zurück. Gedanken kleben sich an seine Stirn, sein rechtes Augenlid zuckt, seine Zunge befeuchtet die Lippen; das fühlt sich an, wie über die Pickel einer Erdbeere zu lecken. Er ist jetzt im Nebel verschwunden und ist ganz alleine mit sich. Er stellt sich das so vor: Ein Vorhang wird langsam in seinem Kopf heruntergelassen, die Vorstellung ist vorbei, die Zuschauer stehen langsam auf, ein paar vereinzelte klatsche noch, die meisten gehen, nur er steht noch alleine auf der Bühne; wo vorher Lärm war, ist jetzt Stille. Gustav hat unterdessen eine Taube entdeckt und rennt los. Erst als Rudolf sich aus dem Nebel schält, um den Joint wieder anzuzünden, merkt er, dass Gustav verschwunden ist. Als er den Hund endlich findet, steht der schon vor Frieda und Frau Fries, die beide erstarrt vor Angst scheinen.

“Er tut nichts”, beeilt sich Rudolf zu beruhigen und kommt sich dabei dämlich vor, wie die Hundebesitzer, die mit verklärten Augen “Der will nur spielen” rufen.

“Ist der lieb?”, fragt Frau Fries und beäugt Gustav mit Misstrauen.

“Ja, ja”, versichert Rudolf ihr. Frau Fries will noch etwas sagen, doch ihre Zunge klebt an ihrem Gaumen fest; sie ist es nicht gewöhnt, mehr als zwei Worte mit Menschen zu sprechen. Sie hat nie geheiratet, nie Kinder bekommen und ihre beiden Brüder sind vor beinahe zwei zehn Jahren an Krebs gestorben. Es ist immer Krebs. Ihre einzige Freundin ist Frieda. Sie kennt Menschen, die vergessen haben, den Herd auszustellen und schließlich vergessen haben, wie sie heißen, die im Altenheim gestorben sind, bevor sie aufgehört haben zu atmen. Sie möchte nicht in einem klinisch weißen Raum sterben. Wenn sie nicht mehr zuhause leben kann, wird sie sich umbringen, das hat sie beschlossen. Weiß Rudolf das? Steht ihr die Einsamkeit auf der Stirn geschrieben, so wie man sie ihm an den geröteten Augen ablesen kann? Sie stehen voreinander, beide unsicher, ob sie noch etwas sagen, oder sich schweigend abwenden sollen. Menschliche Interaktion ist ihnen fremd geworden. Ihre Hunde verhalten sich menschlicher als sie; Frieda hat sich inzwischen aus Frau Fries’ Armen gewunden und beschnüffelt neugierig Gustav, der langsam ein Bein hebt, um zu markieren. Rudolf und Frau Fries schauen zu, wie der Strahl auf die Kälte trifft- sie bilden sich ein, dass es einen zischenden Laut gibt. 

“Wissen Sie, wie spät es ist?”, fragt Frau Fries schließlich und Rudolf tastet nach dem Handy in seiner Hosentasche.

“Viertel vor acht”, sagt er.

“Ich schaue an Heiligabend immer die Messe im Fernsehen”, erklärt Frau Fries. Rudolf schweigt. Für ihn ist Weihnachten wie jeder verdammte Tag im Jahr, nur noch ein bisschen einsamer. Das mit Studenten gefüllte Haus ist dann wie ausgestorben, denn alle fahren über die Feiertage zu ihren Familien. Sogar der furchtbare Herr Schulz sitzt in seliger Eintracht mit seiner Frau vor dem Weihnachtsbaum und kippt einen Schnaps nach dem anderen. Rudolf hat nicht viele Freunde. Sein bester ist eigentlich Gustav. Schon immer war er still und seit er sein Studium der Informatik begonnen hat, haftet ihm mehr denn je das Bild eines unbeholfenen Sonderlinges an. 

“Früher hat man dazu Hexenhaar gesagt”, sagt Frau Fries unvermittelt und deutet auf Rudolfs rote Wallemähne. Er trägt sie lang, weil so seine Schultern, die er unförmig findet, verdeckt werden. Rudolfs Schultern sind ein weiterer Grund für seine Isolation. Wenn Menschen an Essstörung denken, denken sie an abgemagerte Mädchen, vielleicht noch an Models, die sich den Finger in den Hals stecken, aber nicht an Rudolf, der ein bisschen pummelig, aber weder zu dick noch zu dünn ist. Krankheiten werden nur als solche akzeptiert, wenn sie sichtbar gemacht werden und Rudolfs Schmerzen sieht man nur, wenn man in sein Gehirn spaziert und sich dort die merkwürdigen Gedanken wie auf einer großen Kinoleinwand anschaut. In ihm streiten sich unablässig Hirn und Körper, sein Kopf ist ihm in den Magen gerutscht und trommelt dort unablässig an die Wände, möchte raus, möchte frei sein von Essen und Schuld. Wenn sein Körper nur endlich weg wäre, in sich zusammenfallen würde, dann könnte seine Seele in Ruhe auf den zerberstenden Rippen Klavier spielen. Er beneidet Menschen, für die Essen eine Nebensache ist, Genuss, Lebenserhaltung, so selbstverständlich wie Atmen. Für ihn ist Essen zugleich toxischer Vater, beste Freundin und heimlicher Feind. Auch deshalb mag er Wasser- dort ist Gewicht beinahe gewichtslos. 

Sie stehen sich immer noch stumm gegenüber, Rudolf und Frau Fries und Gustav und  Frieda.

Irgendetwas ist dazwischen, etwas was ihnen bei anderen Menschen fehlt und es mag ihre Einsamkeit sein oder ihre ungelenke Art oder einfach nur die Tatsache, dass sie zwei Menschen sind, die sich zufällig getroffen haben.

“Wohnen Sie in der Gegend?”, fragt Rudolf schließlich und Frau Fries nickt und zeigt mit der Leine hinter sich.

“Gleich neben der Bank, nur fünf Gehminuten entfernt.” Sie zögert und betrachtet abwechselnd Frieda und Gustav, die sich nun in merkwürdiger Synchronität gegenüberliegen. In der Ferne ist Kirchengeläut zu hören, aus einem geöffneten Fenster dringen Lachen und das Klappern von Besteck. Der Geruch von Braten und Tannennadeln und tropfenden Kerzen liegt in der Luft und die Gemeinschaft der anderen lässt die beiden ihre eigene Isolation nur noch stärker spüren. Frau Fries schaut nun Rudolf in die Augen, zum ersten Mal scheint ihr Blick entschlossen und ohne Angst zu sein.

“Wissen Sie… ich habe noch ein paar Hähnchenschenkel in der Truhe. Viel mehr, als ich eigentlich essen könnte.” Sie braucht ihr Angebot nicht weiter ausführen, er weiß, was sie sagen möchte. Rudolf denkt nach. Stellt sich vor, einfach nach Hause zu gehen, mit einer Tüte Chips und Tiefkühlpommes ins Bett zu liegen und mit Gustav vor einem Netflix-Film einzuschlafen. Es wäre so wie jedes Weihnachtsfest und weder besser noch schlechter als jeder gewöhnliche Samstagabend. Die Vorstellung Frau Fries zu besuchen und mit ihr den Heiligabend zu verbringen, ist verlockend und beängstigend zugleich. Nicht nur die Aussicht, sich auf eine vollkommen fremde und neue Person einzulassen, auch der Gedanke an Essen, das er nicht selbst ausgesucht oder zubereitet hat, schwebt wie ein wankendes Schwert über seinem Kopf. Soll er es wagen? Wird das Schwert herabfallen oder wird er einen Schritt nach vorne machen und das Schwert hinter sich lassen? Er lächelt leicht und setzt seinen rechten Fuß langsam nach vorne.

“Trinken Sie Wein? Ich habe noch etwas Weißen im Kühlschrank.” Sie nickt und lächelt zurück. Na so was, denkt Rudolf, ein echtes kleines Weihnachtswunder.




Lena Elster,

„Ich bin am 08. Dezember 1993 in Berlin-Kreuzberg geboren. Nach meinem Bachelorabschluss in Germanistischer Sprachwissenschaft und Deutschsprachiger Literatur an der Universität Paderborn absolvierte ich ebenda den Masterstudiengang Kulturerbe. Seit der Grundschule schreibe ich kleine Geschichten und Gedichte. 2021 ist meine Kurzgeschichte “Hinter dem Fischglas” in der Literaturzeitschrift ‘apostrophe veröffentlicht worden.“





Über #kkl HIER

Veröffentlicht von kklkunstkulturliteratur

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: