Pizza Boy

Toni Jann Gau für #kkl13 „Über den Tellerrand“




Pizza Boy

Bereits als Kind waren meine Eltern überzeugt, aus mir würde etwas werden – und sie hatten recht: Pizzabote.

            „Kartons sind fertig, jetzt mach dich auf die Socken.“

            „Alles klar, Chef.“

Natürlich hätte ich weitaus mehr aus mir machen können, was auch immer das heißen mag. Ich bin grundsätzlich ein kluges Köpfchen, das bezweifelt niemand – und wenn ich nur gewollt hätte, könnte ich nun studieren oder zumindest einer Ausbildung nachgehen. Wollte ich allerdings nie. Als Pizzabote war ich immer glücklich.

            „So, die geht einmal an Frau Schmidt, die hier an Familie Schulz und die hier ist für die Aydins. Verstanden?“

            „Klar.“

            „Na worauf wartest du dann noch, Junge? Schwing dich aufs Rad! Avanti, avanti!“

            Mein Vater dachte immer, dass ich unsere Familie aus der Kaste der einfachen Leute herausziehe. Diesen Gedanken hat er scheinbar auch noch nicht aufgegeben. „Such dir einen richtigen Job“, sagt er oftmals – und als Tankstellenwart führt er sich selbst ad absurdum, wenn er von „richtigen Jobs“ spricht. Das sieht er natürlich anders. Seiner Auffassung nach, kommen wegen ihm die wichtigen Leute erst pünktlich zur Arbeit. Das genaue Gegenteil vom Bahnfahrer sozusagen, wegen dem die unwichtigen Leute zu spät sind.

            „Frau Schmidt? Ihre Pizza ist da!“

            Ich habe keine großen Ambitionen, ehrlich gesagt. Das Leben als Pizzabote ist bescheiden, doch stimmt es mich glücklich. Soweit mein Vater das sieht, macht es mich zum Sozialschmarotzer, zumal ich auch nur Teilzeit arbeite.

            „Unsere Gesellschaft funktioniert nur, wenn wir alle fleißig sind und unsere Steuern zahlen. Freiwillig in so einem Job zu versauern, das ist doch egoistisch, Junge.“

            „Nicht weniger egoistisch als anderen vorzuschreiben, wie sie zu leben haben, wegen irgendwelcher sozialen Werte, finde ich.“

            „Das kann man doch nicht vergleichen. So zu leben, wie du es tust, funktioniert ja auch bloß, wenn andere diesen Werten nachkommen.“

            „Kennst du schon das klassische Gegenargument des Egoisten?“

            „Hm?“

            „Nicht mein Problem.“

            „Ach, hau mir bloß ab. Blöder Klugscheißer.“

Es ist ein Dilemma.

            „Mensch, du hast ja heute in die Pedale getreten! Hier, ein nettes Trinkgeld – kauf dir was Schönes.“

            „Liebsten Dank!“

            So wie ich das sehe, bereite ich den Leuten eine Freude – Liebe geht bekanntlich durch den Magen. Ich fahre gerne durch mein Viertel, unter anderem, weil ich grundlegend Menschen mag (wenn auch nicht alle). Vorbei an irgendwelchen widerlichen Nazi-Graffitis mit der Unterschrift „HH“, die irgendwer durchstrich mit der Antwort: „Dat is Berlin nich Hamburg, du Lellek.“ Während ich die eine Gesprächspartei als menschenverachtendes Arschloch verstehe, bin ich umso glücklicher, dass es Leute gibt, welche schlagfertig und vorlaut genug sind, um diesen die Leviten zu lesen.

            Nächster Halt: Bücherkiste.

            Ich glaube, es herrscht ein falsches Bild von Leuten wie mir. „Sozialschmarotzer“, meine ich – nicht Pizzaboten. Die meisten nehmen an, ich würde den ganzen Tag nur faul auf der Couch sitzen, Netflix schauen und Unmengen an Gras rauchen. Das stimmt nicht. Drogen sind ohnehin nicht meine Welt und wenn doch, hat das eigentlich auch niemanden zu interessieren. Kamillentee vielleicht, den finde ich super. Ich lese gerne – draußen, in Parks, unter dem Schatten eines Baumes bei schönem Wetter. Selbsterklärend habe ich nicht viel Geld für Literatur zur Hand, doch dafür gibt es Bücherkisten. Ich fahre beinahe täglich an meiner vorbei – und für jedes genommene Buch, lege ich ein gelesenes herein. Ich glaube einen Tauschpartner gefunden zu haben, denn ich finde immer mehr Bücher, die den von mir zuvor beanspruchten ähneln. Als wüsste jemand, was ich gerne lese. Es ist wie ein stiller Briefwechsel.

            „Einmal Der Hobbit gegen Dracula.“

            Brot kann schimmeln – was kann ich? Rad fahren. Immerhin. Man merkt aber relativ schnell, dass das gar nicht mal so wichtig ist, solange man zufrieden ist mit dem, was man halt so tut – und ich tue, was mich zufriedenstellt. Wie gesagt, ein schlichtes, jedoch schönes Leben.

            „So, eine XXL-Pizza für Familie Schulz.“

            „Mit extra viel Käse?“

            „Mit extra viel Käse.“

            „Du bist mein Held, danke dir.“

            Es ist auch nicht so, dass ich den Anreiz an einem typischeren Leben nicht verstehen kann. Verschiedene Dinge machen verschiedene Menschen glücklich – das ist okay. Großartig, eigentlich. Eigentlich möchte ich nur, dass jeder so glücklich mit dessen Leben ist wie ich es bin. Einst sagte ich etwa einem Freund von mir – eigentlich im Scherz –, dass den ganzen Tag depressiv herumsitzen auch nichts bringt. Dann wurde er Musiker. Recht erfolgreich sogar. Hätte nicht erwartet, dass das mal bei irgendwem funktioniert – eigentlich ist das ein wirklich hundsmiserabler Ratschlag, aber gut.

            „Guck mal, Mama! Wenn ich groß bin, will ich wie der da auf dem Fahrrad werden.“

            „Nein, das willst du nicht, Madeleine – und jetzt komm.“

            Karriere reizt mich nicht sonderlich, wie gesagt. Im Büro ist noch niemand außer Großverdienern glücklich geworden. Da fahre ich lieber einfach nur Rad. Mein genereller Maßstab lautet „lieber frei zu sein als nine to five“. In der Schule habe ich gelernt, dass das eine Assonanz ist. Was ich damit anfangen soll, weiß ich selbst noch nicht.

            „Tut mir furchtbar leid, ich hab mich verrechnet, mir fehlt ein bisschen was für die Pizza und—“

            „Wie viel denn?“

            „Genau zwei Euro, aber—“

            „Dann machen Sie sich keinen Kopf. Geht auf meine Kappe.“

            „Sie sind zu gut für diese Welt, wissen Sie das?“

            „Ach. Lassen Sie’s sich schmecken.“

            „Vielen Dank – danke. Wirklich.“

            Das Problem ist, dass Menschen den Wert von etwas immer in Zahlen bemessen wollen. Ist vielleicht auch am einfachsten. Geht aber nun mal auch anders.

            „Schon zurück?“

            „Jap.“

            „Schön, schön. Gabs Trinkgeld?“

            „Ein bisschen was.“

            „Ach, kannste behalten – reicht dann auch für heute. Ab mit dir nach Hause, Pizza Boy.“

            Ich habe keinen Nerv für Leute, die alles zu ernst nehmen – doch habe ich auch keinen Nerv für Leute, die alles nur belächeln. Für mich ist alles gut so wie es ist. Ich bin gerne Pizzabote. Nicht aus Bequemlichkeit, weil ich ein Schmarotzer bin oder sowas – sondern einfach, weil es zu mir passt. Sicher: Die Welt wäre weitaus instabiler, wären alle so wie ich – doch wäre sie auch weitaus unschöner, wären alle wie die anderen. Vielleicht ist die Welt sogar schon zu unschön, weil zu viele sind wie die anderen. Vielleicht brauchen wir sogar mehr Pizzaboten. Wer weiß – sicherlich keiner aus meiner Familie.







Toni Jann Gau wurde 1998 in Neubrandenburg geboren und ist in Hamburg aufgewachsen, wo er bis heute lebt. Bereits in jungen Jahren entdeckte er seine Leidenschaft für Bücher, allen voran Geschichten über „einfache, im Normalfall unsichtbare Leute“ sowie Horror, was ihn 2018 zu seinem Studium der Literaturwissenschaften und Philosophie bewegte. Einem größeren Publikum wurde Gau bisher über Vertonungen seiner Kurzgeschichten bekannt, welche bislang tausende Aufrufe ergatterten.

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Veröffentlicht von kklkunstkulturliteratur

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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