Den Überblick behalten

Sylvia Kaleta für #kkl13 „Über den Tellerrand“




Den Überblick behalten


Undine hatte stets alles im Blick. Dabei war es nicht nur wichtig, immer den Überblick zu behalten, sondern auch stets für Ordnung zu sorgen. Zwei Mal am Tag wurde gründlich sauber gemacht, um der Unordnung keine Chance zu geben. Dabei wurde auch die gesamte Wohnung samt Türklinken desinfiziert, um die Entstehung von Bakterien und Keimen zu verhindern. Undine saß in der Küche und starrte auf die tickende Uhr. In fünf Minuten würde der Postbote kommen. Herr Behnke war immer sehr pünktlich, man konnte sich darauf verlassen. Sie nutzte den Moment und spülte ihre Tasse ab. Jeder benutzte Teller, jedes Glas oder Besteck würde nur Unordnung schaffen. Deshalb galt auch dies im Keim zu ersticken. Es war die einzige Tasse, die sie von all den anderen benutzte. Nur aus dieser schmeckte ihr der Kaffee. Wenn sie mal nicht Zuhause war, was selten vorkam, dann nahm sie diese immer mit. Nie würde sie woanders aus einer anderen Tasse trinken. Sie hörte das vertraute Rütteln des Postbehälters am Fahrrad, als er über die unebene Stelle auf dem Gehweg fuhr. Undine marschierte im Gleichschritt zur Tür, während ihr graues Kleid im Takt wippte. Sie trug am liebsten gedeckte Töne, denn Farben oder gar Muster trugen immens auf. Natürlich wollte sie nicht dicker wirken, als sie es war. „Guten Morgen Herr Behnke“ sagte sie und eilte zu dem Postboten. Sie musste nicht einmal nachdenken, was sie sagte, denn es war das Gleiche wie jeden Morgen. „Guten Morgen Frau Krasky“ Auch das war das, was Undine erwartet hatte. Sie lächelte und nahm zufrieden die Briefumschläge entgegen. Konzentriert studierte sie jeden einzelnen ausgiebig. Es war immer wichtig, den Überblick zu behalten. Das galt auch für das heutige Mittagessen. Es gab Kartoffelklöße mit Gulasch, was sie am liebsten aß. Undine brauchte kein Rezept, keine Maße. Sie konnte im Schlaf aufsagen, wieviel Mehl und Kartoffeln sie benötigte. Sie wusste auch, wie viele Schritte es bis zum kleinen Laden an der Ecke waren. Undine mochte nicht die großen Supermärkte, die zu unübersichtlich waren. Warum sollte man neue Wege gehen, wenn die alten Einem gefielen. Das fand sie auch beim Spazierengehen. Jeden Tag ging sie die gleiche Strecke zu dem kleinen See hinter der Wohnsiedlung. Ein anderer Weg, da könnte man sich im schlimmsten Fall verlaufen. Und woher wusste sie, dass dieser genauso schön war, wie ihr Lieblingsort am See? Man sollte sich mit dem zufrieden geben was man hatte und nicht nach mehr trachten. Das wusste sie. Auch das diente dazu, den Überblick zu bewahren. Doch eines Tages war nichts mehr wie es einmal war. Undine war wie jeden Morgen pünktlich um acht Uhr und fünfzehn Minuten aus dem Haus gegangen, um einkaufen zu gehen. Der Laden hatte geschlossen. Zuerst dachte sie, es wäre wegen der Urlaubszeit oder aufgrund von Umbaumaßnahmen. Doch er blieb für immer geschlossen. Auf einem Schild am Eingang stand es schwarz auf weiß. Undine wusste nicht weiter. Ihr Herz begann laut zu klopfen, sie spürte den kalten Schweiß in ihrem Nacken. Wo würde sie denn jetzt ihre Lebensmittel herbekommen? Ein Beklemmungsgefühl machte sich in ihr breit. „Das ist wirklich ärgerlich“hörte sie einen jungen Mann neben sich sagen, der ebenso erstaunt auf das Schild starrte. Nervös fuhr er sich durch seine feuerroten Haare, die einer Karotte ähnelten. Ihre Blicke trafen sich. „Eigentlich ist es nicht so schlimm, es gibt ja diesen neuen Supermarkt, der ist hier in der Nähe“ Der junge Mann lächelte sie an. Undine zitterte. „Das geht nicht“ Tränen stiegen in ihre Augen. „Kein Problem, Lady. Wenn Sie wollen, begleite ich Sie gerne“. Undine traute ihren Augen kaum. Da stand dieser schlaksige Bursche in zerrissenen Jeans vor ihr und wollte ihr die Welt erklären. Eine Frechheit war das. Und dann bot er ihr auch noch seinen Arm an, damit sie sich einhaken konnte. Undine blickte zwischen ihm und dem Schild hin und her. Es musste ein schlechter Traum sein. Sie spürte ein Gefühl der Hilflosigkeit und Ohnmacht, die durch ihren Körper kroch. Undine hatte keine andere Wahl. Sie schloss die Augen und atmete tief ein, bereit wieder umzukehren. Doch dann hakte sie sich ein. „Ich bin übrigens Fred, es ist unhöflich sich nicht vorzustellen“ plapperte er munter darauf los. Gerade wollte sie sich als Frau Krasky vorstellen, doch sie überlegte es sich anders. „Ich bin Undine“ antworte sie mit zittriger Stimme. Gemeinsam liefen sie vorbei an dem ihr bekannten Laden. Wider Erwarten gab es hinter diesem einen wunderschönen kleinen Park mit einem Spielplatz, auf dem die Kinder spielten. Und zu Undines größter Überraschung gab es dort einen See. Dieser war noch größer und schöner als der See in ihrem Wohngebiet. Es sollte ein guter Tag werden, das hatte sie im Gefühl.







Sylvia Kaleta, Jahrgang 1989, lebt und schreibt in der Nähe von Bremen. Seit ihrem 10. Lebensjahr verfasst sie bereits Kurzgeschichten und Gedichte.
Nach ihrem Abitur begann sie Tourismusmanagement zu studieren. Heute arbeitet sie in der Marketingabteilung eines Bremer Unternehmens und widmet ihre Freizeit ihrer großen Leidenschaft, dem Schreiben. Neben der Literatur ist das Reisen eines ihrer größten Hobbies, das sie schon in Länder wie Neuseeland, Kanada, USA und Panama führte. Ihre Erzählung „Mein Herz schlägt bilingual“ wurde mit dem 5. Platz des Berliner Literaturwettbewerbs ausgezeichnet. Eine Veröffentlichung im Sammelband „Sommerfrühstück: Erzählungen und Gedichte“ folgte.2020 wurde ihre Kurzgeschichte „Ein dunkler Tag im Sommer“ im Rahmen des 6. Bubenreuther Literaturwettbewerbs publiziert. Im Dezember 2022 wird ihr Beitrag zum Thema „Moderne Märchen“ in einer Anthologie des Traum³ Verlags erscheinen.





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Veröffentlicht von kklkunstkulturliteratur

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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