Haus über Kopf

Sarah Salbaum für #kkl13 „Über den Tellerrand




Haus über Kopf

Dirk H. war kein Misanthrop, vielmehr ein pessimistischer Soziologe. Die Welt hinter schweren Gemäuern, klang verlockend, aber nicht für ihn. Die Leute draußen entsprachen keineswegs seinen Idealen, der eine hat eine zu dunkle Haut, die andere einen zu kurzen Rock. Tagsüber saß der adipöse Mittvierziger, auf einem Felsen in dem spärlich eingerichteten Wohnzimmer, seines alten verrotteten Hauses und blickte in das leuchtende Metaversum. Wenn der tolerante Intolerante, sich dann mal mit den Aasgeiern austauschte, die aggressiv an dem Kadaver der Kommentarfunktion nagten, verfasste Dirk Sätze wie “Ich bin kein …, aber”. Zweimal pro Jahr, am Ostersonntag und Heiligabend, bekam Dirk Besuch von Martha. Seiner Schwester. Die junge liberale Frau versuchte dabei, jedes Mal erfolglos; die Engstirnigkeit ihres Bruders zu therapieren. Meistens stürmte sie wütend aus dem Haus und dezimierte ihr nächstes Zeitlimit um ein Vielfaches. 

Eines Morgens, als das Dorf noch im Schlafrock Koffein inhalierte; hörte Dirk ein seltsames Poltern und Brummen. Immer diese Rotzlöffel. Die Außenwelt spielte ein ohrenbetäubendes Konzert, die Nachbarn mussten es sein. Bestimmt! Wären die Jalousien nicht unten, hätte er vermutlich nachgesehen. 

Innerhalb weniger Sekunden, geschah etwas, das an Absurdität nicht zu überbieten war, jedoch Dirks Welt grundlegend änderte. Ein Krachen, und der asphaltgraue Staub auf den Möbeln des Hauseigentümers, tauchte den Raum in ein nebliges Chaos. Kälte durchströmte das Wohnzimmer. Als in mehreren Minuten, der Nebel verschwand, öffnete Dirk die Augen und erstarrte. Sein Bildschirm, das Wurmloch mit dem er und das Metaversum verbunden waren, zerstört. 

Das Sonnenlicht blendete sein Gesicht und zum ersten Mal in seinem Leben, verspürte er sowas wie Erleichterung. Die angelegten Fußfesseln lösten sich, Personen fluchten. Genüsslich atmete Dirk die frische Märzluft ein. “Das ist das falsche Gebäude!”, schrie der Bauunternehmer, “Aber in der Bruchbude wohnt doch eh keiner mehr!”, so der Abbrucharbeiter. Ein wütendes Wortgefecht folgte. 

Dirk, trat auf die Straße, die zur Bühne umfunktioniert wurde und lachte. Ein herzhafter Laut. Er musste schrecklich aussehen, doch das interessierte ihn nicht. 

Josef, der dunkelhäutige junge Erwachsene, rannte als erstes zu dem seltsam heiteren Mann. “Sind sie okay?”, fragte er. Dirk umarmte Josef, “Mir geht es besser denn je, aber danke.”. Der Streit um den misslungenen Akt verstummte. “Danke, danke, danke!”, Dirk strotzte vor neuem Lebensmut. Eine Menschentraube versammelte sich um ihn. Die meisten filmten mit ihren Mobiltelefonen das absurde Szenario. “Schaltet die Geräte aus und genießt den wundervollen Tag, ist er nicht schön?”, die Leute taten wie geheißen. 

Dirk lief den kleinen Hügel hinunter, seine Nachbarn und deren Kinder folgten ihm. 

Die Aasgeier zogen vorbei und kreischten. 

Nun war er zwar noch kein Philanthrop, aber ein begeisterter Anthropologe. 







Sarah Salbaum, geb. 2001 in Eichstätt, lebt in Gaimersheim und begann schon als Grundschulkind, Gedichte und Geschichten zu schreiben. Sie entdeckte die Literatur erneut in ihrer „Zwangspause“ und ist im Horror-Genre angesiedelt. Derzeit schreibt sie an ihrem ersten Psychothriller.





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Veröffentlicht von kklkunstkulturliteratur

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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