Wo man nicht ist

Martin Andersson für #kkl13 „Über den Tellerrand“




Wo man nicht ist

„Du bist nicht, wo du bist. Natürlich bist du vorläufig hier, das versteh ich.“

Bahlihadschi nickte eifrig.

„Du bist eben niemand, der irgendwo wohnt. Du weißt gar nicht, was das heißt: eine Wohnung, ein Haus. Du bist mein Held, verstehst du?“, sagte der Schriftsteller.

So etwas hatte er noch nie gehört. Und nickte wieder. Der Schriftsteller schaufelte mit der Hand auf sich selbst zu, um anzudeuten, er solle ihm den Becher herhalten, und er füllte ihn.

„Nicht jeder wohnt irgendwo. Du bist der, der fortgeht. Es gibt die, die bleiben, aber du bist einer, der fortgeht. Du hast einen Freund, der hat schon während des Studiums wunderweißwieviel gearbeitet und gespart und der jetzt eine Eigentumswohnung besitzt. Vom Land gefördert! Und was hast du gemacht, in der Zwischenzeit? Du hast geerbt und es ausgegeben. Nein, nicht irgendwie, aber weg ist es trotzdem. Du wolltest nie irgendwo wohnen. Zur Miete, das ist am Anfang noch gegangen. Zuerst eine Wohnung allein, dann eine Wohnung geteilt, dann nur mehr ein Zimmer, kaum noch Untermieter, eher Gast, bestenfalls Gast, und warst es gern und es war nicht übel, aber, eigentlich, mehr als nichts ist zu viel, selig sind die Armen und punktum, und das Himmelreich – wozu?“

Bahlihadschi wollte sich der Kopf drehen. Der Abend war merkwürdig geworden, vom ersten Wort des großzügigen Fremden an. Offenbar war er bewundernswerter, als er selbst immer gemeint hatte. Du siehst, und dies nur nebenbei, geneigter Leser, die bedenklichen Folgen, die schon heranziehen am Horizont des Bewusstseins unseres Helden, dort, wo sie gerade noch keine Worte haben: Nun fühlte er sich erhaben, weil er nichts hatte, das ungewohnteste Gefühl, auch chemisch verstärkt, und eben darum würde er bald Ansprüche machen, etwas zu haben. So geht es mit der Seligkeit.

„Nimm deinen Vater. Denk einmal an den Alten, lass alles weg und denk an ihn. Denk an seine Häuser. Was haben sie ihm gebracht? Wieviele Jahre Arbeit für den Kredit, für die Bank, zum Beispiel, wieviele Jahre, und die doch nicht genügt haben? Aber es sollte nicht nur Eigentum sein, es sollte auch schön sein, natürlich, doch vielleicht sogar weniger schön als vor allem selbst gemacht, und deswegen dann die ganzen Fliesen legen und Parkettböden legen, oder es wenigstens versuchen, und du hörst ihn ewig jammern, warum der Rasen nicht wächst, auf manchen Stellen, und es gibt mehrere Theorien. So ist das, und dann die Scheidung und die nächste Frau und das nächste Haus und dasselbe Theater. Denn bleiben ist nirgends, das hättest du ihm schon vorher sagen können, sagst du dir jetzt, wie schon jemand gesagt hat, den du nicht kennst.“

Nein, das habe er noch nicht gehört, obwohl es wahr sei, wollte Bahlihadschis Kopfschütteln besagen. So habe er es noch nie gesehen oder doch wenigstens nicht ausdrücklich so gedacht, doch gerade in dieser Wendung sehe man, wie er eigentlich ein sehr gutes Leben geführt habe und endlich würdige man es, wollte die anschließende Rückkehr zum Nicken, diesmal langsam und gedankenreich, ohne Zweifel besagen.

„Du versucht ja, es zu verstehen, nein, das ist nicht ein beliebiger Rückzug auf dich selbst, eine Laune, eine Schwäche, eine Abwehr. Du versuchst es, ehrlich, aber es wird nix, und am Ende kannst du die Andern nur als die Andern stehenlassen, und das ist eh schon viel im Verhältnis zu dem, was die Andern dir gegenüber bieten. So oder so: was sie interessiert, interessiert dich nicht, und was du mit ‚interessieren‘ meinst, das ist natürlich nicht wie bei einem Film oder einem Buch. Zähneputzen interessiert dich, Kücheputzen nicht, das meinst du, das geht dir nicht in den Kopf. Schönwohnen, das ginge noch, das geht dir in den Kopf und in das Herz und überall hinein, aber die Sache hier ist das doch nicht. Es geht sie etwas an, dieses Wohnen, und dich nicht. Es nicht etwas Anderes für sie, aber für dich schon. Das ist kein Gerät, das nutzen soll und das funktioniert oder eben nicht, und die freuen sich nicht, zur Miete zu wohnen, das ist für nur vorläufig, und für dich ist es auch nur vorläufig, aber für sie ist vorläufig schlecht. Man wohnt, und diese Dauer und diese Verantwortung, ohne die ist ein normaler Menschen praktisch amputiert, der stammt nicht nur von den Tieren ab, sondern auch von den Pflanzen, man stellt ihn nicht hin, man pflanzt ihn ein. Du, dagegen, machst alles vorläufig, deswegen bist du ein Held, noch einmal.“

Ohne Schwierigkeiten nahm Bahlihadschi nun, mit einer Bewegung der offenen Hand, den Ruhm würdig an.





Entwurzelung

Er zog vorsichtig die Vorhänge beiseite, die auf einer klug improvisierten und, ihrem Funktionswert nach, doch äußerst dürftigen Konstruktion angebracht waren. Die Mauer hatte sich bloß sehr schlecht anbohren lassen, oder aber Freihofer war einigermaßen ungeschickt gewesen, sodass die Halterungen, auf denen die Vorhangenstangen auflagen, von Gummringen ihrerseits gehalten wurden, die wiederum gehalten wurden von noch weiter oben eingeschlagenen großen Nägeln. Mit der nötigen Zurückhaltung am unteren Ende war nun schon seit Jahren alles gut gegangen. Davor, vor der Vorhangzeit, hatte er jede Nacht einen Sofapolster auf das Fensterbrett gestellt, um nicht direkt von der Straßenlaterne angeleuchtet zu werden. Wie er so jemals hatte schlafen können, war ihm jetzt ein Rätsel. Er hatte einfach durchgeschlafen ungeachtet der Straßenbahn und des Autoverkehrs, der von sechs Uhr früh an sich stetig verdichtete, ungeachtet der Lampen, wenn sie im Wind wackelten, ungeachtet aller Menschen im Haus gegenüber, einem großen Bürogebäude der Bundesverwaltung. Da hatte er noch locker bis zehn geschlafen.

Vom Bett aus konnte er, durch das riesige, breite Fenster, die Straße hinuntersehen, sah viel von dem hellgrauen Himmel des Wintervormittags, der sich nicht entscheiden konnte,was er ausschütten wollte, die dicken, müden Regentropfen oder die sehnig langgestreckten Sonnenstrahlen.

Freihofer hatte vor vielen Monaten die Idee gefasst, sich gezielt zu entwurzeln. Der Abschluss des Studiums lag nicht lange zurück, womöglich hatte der Gedanke schon lange stumm und unsichtbar bei ihm gewohnt, womöglich war seine Unzufriedenheit eine verpuppte Form davon – oder umgekehrt. Den Glauben an vernünftige Gründe hatte Freihofer schon lange abgelegt: jeder Gedanke musste von einem Trieb eingeflüstert werden, war, obwohl er sich anders ausgab, nicht mehr als dessen an der Oberfläche der Dinge greifbare Gestalt, wie die Rückenflosse eines Haifischs. Dass die Menschen trotzdem so gerne diskutierten, das schien ihm daher wie jemand, der das schwarze Dreieck durch die Wellen pflügen sieht und doch sorglos seine Beine im Wasser baumeln lässt. Das Baumeln der Argumente, einmal dieses, einmal jenes, das störte sie nicht. Freihofer saß stumm daneben und erfasste, bei sich, die Widersprüche und das Zick-Zack der Diskussion, die dann so dahinverlief, im wabernden Antagonismus, bis sich die feindlichen Freunde darauf besannen, dass Ende gut alles gut sein musste, und sie es bei irgendwelchen begütigenden Formeln beließen, die das geistige Ebenbild davon waren, Karottensaft in einen Dieselmotor zu füllen, weil man sich für heute ohnehin bereits am Ziel befand.

Alles kam, in Wirklichkeit, nur darauf an, den Kern an Intuition aufzufinden und ihn richtig zu entwickeln. Irgendein Fluchtinstinkt. Oder irgendeine Sehnsucht – die war die menschliche Form von – – – Ganz unweit gab es, obwohl mitten in der Stadt, eine Eisenbahnbrücke mit mindestens vier Geleisepaaren, also insgesamt acht Schienenstränge, die nicht nur in der Breite einigen Raum einnahmen: sie gingen gerade hin, so weit das Auge reichte. Und hatten es schon getan, als er mit neunzehn hier eingezogen war. Es war, als hätte sich der Horizont auf denen einen Punkt verkürzt, wo er die Schienen kreuzte. Nun sollte Freihofer nicht gerade mit dieser Bahnlinie übersiedeln oder an irgendeinen an ihr gelegenen Ort. Aber diese Schienen hatten nun die Unendlichkeit ganz für sich in Beschlag genommen und dadurch etwas Dämonisches erhalten, sodass er, beim Überqueren auf der Brücke, nur noch selten hinunter und entlang blickte, und wenn er es tat, dann war es wie ein Schloss, das in die Tür fiel.

Sein Umzug hatte ein Programm. Zu einem ehemaligen Studienkollegen, der gerade seinen Mitbewohner eingebüßt hatte, ziehen, um nach sieben Jahren alleine, etwas Neues zu versuchen, ja, aber noch viel mehr, um der eisernen Romantik der Schienen zu genügen, um zu handeln, wo die andern nur reden und nicht einmal reden, sondern geheim und verschämt phantasieren. Sobald Freihofer jedoch dieser heroische Glanz, wie von der Klinge eines Schwertes gespiegelt, anblitzte, musste er über sich lachen: nichts banaler als ein Umzug! Das geschah täglich tausend Mal, das hatten alle seine Freunde und Verwandten auch schon hinter sich, das waren nur ein Tragen, ein Fahren und wieder ein Tragen. Hast du nicht den verlacht, der seine alte Tagebücher in einem Safe einsperrt, während er selbst bekennt, dass er es nur aus Bedürfnis täglich führt, selbst wenn ihm nicht mehr zu vermerken einfällt als das Wetter?

 Aber das Abtrennen der Wurzeln, Amputation mit der Machete, so viel blieb doch. Banal oder nicht: es war notwendig. Freihofer erklärte die verwurzelten Menschen zu den schlechten: die Unschöpferischen; die Beschränkten; die Ängstlichen; die Unfreien; die endgültig Festgefahrenen. Seine Vorstellung war, dass ein denkender Mensch nicht am selben Ort bleiben konnte, nicht immer nur die selben Straßen sehen, um die selben Ecken gehen, die selben Spaziergänge machen konnte, also all das, was ihm die letzten sieben Jahre gerade selbst gebracht hatten. Der selbe Weg zur U-Bahn, der selbe Weg zum Billa, die selbe Laufstrecke, ungefähr sieben Kilometer, wie er am Stadtplan abgemessen hatte. Mit der Ewigkeit können sich die Toten plagen.





Martin Andersson

wurde am 20. 9. 1986 in Wien geboren, ist in Baden bei Wien aufgewachsen. 2005-13 Studium der Geschichte in Wien und Paris (Paris IV Sorbonne), abgeschlossen als Mag. phil. mit einer Diplomarbeit über den Sozialdarwinismus im wilhelminischen Deutschland. 2016-20 Studium des Masters Deutsche Philologie mit einer Masterarbeit über Robert Musil. Tätigkeit als Übersetzer aus dem Schwedischen und Lektorat philosophischer Publikationen.

post@martin-andersson.at

http://www.martin-andersson.at

Literarische Veröffentlichungen:

LOG – Zeitschrift für Internationale Literatur 140, 141, 144 / 2013-14: Erzählungen

Erostepost 51 / Dezember 2015: Erzählungen

edfc 583e / 2016: Erzählungen und Gedichte          

Offene Hieroglyphen (Aphorismen), Edition JMO 2015

Arbeitsstipendium des Bundeskanzleramts 2016

Super Texte 1 / 2017: Richard und die Ruhmlosen (Erzählung)

Übersetzung aus dem Schwedischen von Per Olsson, Zum Glück gibtʼs Felix. Lex Liszt:            Oberwart 2018

Jahrbuch österreichischer Lyrik 2019 / 2021(Gedichte)

Die Brache 1, 2 / 2021: Prosa

Signaturen Mai / August / Dezember 2021: Ewige Wiederkunft des Neuen und andere    Essays

Land und Zeichen (Gedichte) bei Edition Melos (2021)





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Veröffentlicht von kklkunstkulturliteratur

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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