Wortwörtlich

Leon Koß für #kkl13 „Über den Tellerrand“




Wortwörtlich

Die gewohnte Metapher: Der Tellerrand als Grenze vom Wahrnehmbaren zum Abstrakten, vom Bekannten ins Unerforschte, vom Begrenzten ins Unendliche. Dazu erscheint mir das Bild von Flammarions Holzstich, auf dem ein Mann seinen Kopf aus der Sternenkuppel steckt, um zu erforschen, was sich hinter ihr befindet. Doch der Tellerrand muss nicht zwangsläufig mit großartigen Dingen wie dem Universum zusammenstehen, sondern ist auch in den Gewohnheiten- und Selbstverständlichkeiten des Alltags präsent. Bei einer Sache findet man ihn übermäßig häufig: beim Essen. Man könnte meinen, der einzige Zweck über ihn hinwegzuschauen, bestände darin, seine Aufmerksamkeit auf die begleitende Beschallung von Serien oder dem Handy zu richten. Warum sollte man beim Essen darüber hinausschauen? Immerhin vergrößert es vehement die Chance zu kleckern. Spaß beiseite!

Was meine ich mit dem zu überwindenden Tellerrand, wenn es sich nicht auf das Umfeld bezieht? Es ist sogar von essenzieller Bedeutung, den Blick nicht über die Begrenzung zu schwenken, sondern ihn auf der gefüllten Keramikfläche zu belassen. Was sehen wir? Unsere Nahrung! Was sehen wir nicht? Ihren gesamten Weg bis dahin. Nehmen wir als Beispiel ein simples, aber äußerst befriedigendes Gericht: ein Schnitzel mit Kartoffelbrei und Mischgemüse. Für die Rohversion der Beilagen ist es eine einfache Sache. Sie werden als Saat in die Erde gesetzt, verweilen dort, bis sie reif sind, werden geerntet, eventuell noch verarbeitet und anschließend in die Verkaufshallen transportiert. Doch was ist mit dem Schnitzel? Manchmal habe ich das Gefühl, dass man seine Herkunft vergessen hat. Das Ferkel erblickt das Licht der Welt und befindet sich in Gefangenschaft. Im besseren Fall bekommt es viel Platz und Zuneigung, im schlechtesten und üblichen Fall ca. einen Quadratmeter voller Fäkalien [1] [2]. Dort verbringen sie den Großteil ihrer durch die Wirtschaft verkürzte Lebenszeit. Anstelle ein Alter von 10-15 Jahren zu erreichen, werden die meisten Schweine nach 6 Monaten geschlachtet. Das sind entweder 5 % oder 3,33 % ihrer möglichen Lebenszeit. Bezieht man diese Werte auf das Durchschnittsalter einer deutschen Frau (83,4 Jahre) erhält man entweder 4,17 Jahre (5 %) oder 2,78 Jahre (3,33 %). Um die Sachlage zu verdeutlichen, könnte man sich vorstellen wie man ein Kindergartenkind, was mit seinen Freunden spielt, entführen und ermorden lässt. Ein grausamer Gedanke! Wie können wir diesen Missstand bei dem einen bewusstseinsfähigen Wesen ablehnen und bei vielen anderen befürworten?

Ist der Begriff Mord in diesem Fall überzogen? Meines Erachtens nicht. Laut der Definition ist ein Mörder jemand, der „aus Mordlust, …, aus Habgier oder sonst niedrigen Beweggründen, heimtückisch oder grausam… einen Menschen tötet.“ [5] Mir ist bewusst, dass sich hierbei nur auf den Menschen bezogen wird, doch die Beweggründe und die Durchführung können auf jedes andere Lebewesen übertragen werden, was eine Aktualisierung sinnvoll macht. Wie würde man die Tilgung des Lebens bezeichnen, wenn man einem Kätzchen den Kopf zerstampft? Würde man hierbei nicht von Mord sprechen, obwohl es grausam ist und aus niedrigen Beweggründen geschah? Ist der Weg vom unwissenden Schwein auf die Schlachtbank nicht heimtückisch? Ist der Genuss von Fleisch ein „hoher“ Beweggrund, der es rechtfertigen könnte? Es geht hier nicht, um den Erhalt des eigenen Überlebens, sondern um die Bereicherung des eigenen Lebens durch ein anderes. Es gibt genügend Alternativen, die den Tod verhindern und trotzdem unseren Kalorienbedarf decken könnten. Ich schließe von diesem Argument Menschen mit Nahrungsunverträglichkeiten sowie gewissen körperlichen und psychischen Erkrankungen aus, da ihre Nahrungsauswahl durch diese Umstände begrenzt ist. Was sie dennoch machen können, ist den größtmöglichen Beitrag zur Minimierung des Leids zu leisten, indem sie beispielsweise auf die Haltungsform wertlegen. Es geht hierbei auch nicht um eine Missionierung zum Vegetarismus oder Veganismus. Vielmehr sollen die Menschen ihren Bezug zur Nahrung wiedererlangen. Was in der Urzeit noch durch die eigene Hand geschah, wird mittlerweile von Stellvertretern ausgeführt, die dafür sorgen, dass wir es bequem im Laden kaufen können, ohne mit diesen Arbeitsschritten in Berührung zu kommen. 400 g Schweinehack im Plastikbehälter sind nicht nur 400 g, sondern ein ganzes Tier, mit dem dazugehörigen Umfeld und Leben. Ein Kilo Kartoffeln sind nicht nur ein Kilo, sondern mehrere Pflanzen, die sich den Boden geteilt haben, der sie ernährt hat. Eine Tüte Chips sind „Kartoffeln, Sonnenblumenöl, Aroma, Speisesalz, Hefeextrakt (enthält GERSTE), Paprikapulver, Zucker, Zwiebelpulver, Knoblauchpulver, Farbstoff (Paprikaextrakt), Raucharoma, Gewürzextrakte. [6]

Auch die Distanz, die Lebensmittel auf sich nehmen müssen, damit sie uns erreichen, gerät schnell in Vergessenheit. Ein Griff in die Tüte gebrannter Mandeln vom Weihnachtsmarkt ist normalerweise mehrere tausend Kilometer entfernt anstatt einer halben Armlänge, da sie aus Spanien oder (weltweit die meisten) Kalifornien einreisen müssen. Was für uns eine kurze Fahrt oder gar ein Spaziergang in den Supermarkt ist, stellt für dieses Steinobst eine halbe Weltreise dar.

Je mehr wir über den Tellerrand blicken, desto mehr können wir von einer Sache machen: Dankbarkeit zeigen! Wir haben die Möglichkeit, täglich auf diese Lebensmittel zuzugreifen. Wenn es an einem Tag mal ausverkauft ist, gehen wir in einen anderen Laden oder versuchen es am nächsten Tag erneut. Das ist ein Luxus, der für uns selbstverständlich ist. Für viele Orte auf der Welt ist es das nicht. Was für uns wie ein „Die Ossis haben keine Bananen“-Witz scheint, ist in ärmeren Ländern, vor allem in Afrika, die bittere Realität. [8] Unsere Mahlzeiten aufzuessen, um Mamas drohendem Finger mit der Floskel „Denk an die Kinder in Afrika!“ zu umgehen, ist keinesfalls die Lösung. Vielmehr sollten wir wieder eine Sensibilität gegenüber unserer Nahrung erlangen. Hinterfragen, unter welchen Bedingungen sie hergestellt wird, welches tierische und menschliche Leid sie verursacht, was in ihr steckt und ob es wirklich nötig ist, sie im Übermaß einzukaufen. Ich ärgere mich oft genug, dass ich Lebensmittel wegwerfe, weil ich plötzlich kein Verlangen mehr nach ihnen verspüre oder aus Hunger etwas anderes gegessen habe, wodurch sie letztendlich schlecht geworden sind. Man könnte mir Heuchelei vorwerfen. Letzten Endes geht es nicht um Perfektionismus, sondern um das Bewusstsein; sich Fehler eingestehen, nach einer Besserung zu streben und diese umzusetzen.

Es kann beängstigend sein, über die gewohnte Begrenzung zu blicken. Neue und vor allem gegensätzliche Erkenntnisse lauern dahinter. In diesem Fall könnten sie den Appetit verderben. Wäre das etwas Schlechtes? Nein, denn das Gesehene ist verächtlich.  

1 https://www.destatis.de/DE/Themen/Laender-Regionen/Internationales/Thema/landwirtschaft-fischerei/tierhaltung-fleischkonsum/_inhalt.html

2 https://www.bundestag.de/resource/blob/406728/6b7b768618632b81b7c8b8e2adba8bf0/WD-5-135-08-pdf-data.pdf

[3] https://www.peta.de/themen/lebenserwartung-tiere/?gclid=Cj0KCQiAu62QBhC7ARIsALXijXSaiAbvctMST8GHEmmKW6PL5IBe_TSf08rAtsCwfDOm84sIPHHLBdcaAjzGEALw_wcB

[4] https://www.destatis.de/DE/Themen/Gesellschaft-Umwelt/Bevoelkerung/Sterbefaelle-Lebenserwartung/_inhalt.html

[5] https://dejure.org/gesetze/StGB/211.html

[6] https://www.funny-frisch.de/produkte/chipsfrisch/chipsfrisch-ungarisch.html#:~:text=Kartoffeln%2C%20Sonnenblumen%C3%B6l%2C%20Aroma%2C%20Speisesalz,Paprikaextrakt)%2C%20Raucharoma%2C%20Gew%C3%BCrzextrakte.

[7] https://www.atlasbig.com/de-de/weltweit-mandel-produktion

[8] https://de.statista.com/statistik/daten/studie/165561/umfrage/am-staerksten-von-hunger-betroffene-laender-weltweit-nach-dem-welthunger-index/




Leon Koß ist Gesundheits- und Krankenpfleger in Dresden und übt seit seinem 18. Lebensjahr das Handwerk des Schreibens aus. Auf seiner Website veröffentlicht er hauptsächlich Kurzgeschichten, Essays und Parabel, ist jedoch der Erstellung jeglichen literarischen Genres zugeneigt. 





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Veröffentlicht von kklkunstkulturliteratur

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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