Der Klang der Farben

Markus Peter für #kkl13 „Über den Tellerrand“




Der Klang der Farben

Gestern hätte ich fast die nationale Sicherheit gefährdet, aus Versehen. Oder einen internationalen Konfliktfall ausgelöst. Dabei ging es nur wieder um den Streit mit meinem Nachbarn. Ich weiß, das ist so banal. Und mein Nachbar ist zwar ein Spießer, ein missgünstiger Misanthrop und selbstgerechter Kleingeist, aber er ist nun auch kein Soziopath oder unberechenbarer Choleriker. Mehr so der Typ, der am Gartenzaun ein freundliches Zunicken mit missbilligendem Kopfschütteln quittiert, weil man vorgestern mit 8 km/h an ihm vorbeigefahren ist, was in dieser mörderischen Geschwindigkeit sicher ein Mordanschlag war. Joachim Holz gerierte sich in der Nachbarschaft als moralischer Imperativ, und ich war ihm aus mir unerklärlichen Gründen ein Dorn im Auge wie im Fleische. Aber hätte der Herr Holz nicht in kaum unterschwelliger Drohung erwähnt, dass er als Jäger Schusswaffen besitzt, dann hätte ich mich auch nicht verplappert.

Aber als er mir wieder ein missbilligendes Kopfschütteln über den Zaun zuwarf und ich ihn fragte, was er denn nun wieder zu bestellen habe, wo ich doch nur Laub harkte, während er eine Armada von Pappkartons zerriss, da erklärte er mir, dass ich mit meinem lauten Gescharre die Nachbarschaft störe, während er dies mit den Kartons ehrenamtlich tue. Er fahre mit dem Fahrrad und Anhänger durch die Gegend und sammele Papp- und Papiermüll auf, den er dann zerkleinere und ordnungsgemäß entsorge – ehrenamtlich!!! Die drei Ausrufezeichen hat er tatsächlich durch seine Intonation mitgesprochen. Darauf hatte ich erwidert: „Na, dann sage ich einfach mal Danke! Ja, wirklich, Herr Holz, wenn alle Menschen doch so wären wie Sie, dann wäre diese Welt…dann wäre die Welt ein…ein anderer Ort!“

Daraufhin war er näher zum Zaun gekommen und hatte schnaubend erklärt: „Leute wie Sie machen Ihre Witzchen. Und laufen durch den Wald und schrecken das Wild auf. Aber ich sag Ihnen, Sie sollten aufpassen, nur dass nicht mal was passiert, wenn gerade Jagd ist. Ja, ich bin ein vorsichtiger Mensch, muss man sein, wenn man wie ich eine Flinte im Schrank hat.“

Ich bitte Sie, da ist es dann aus mir herausgeplatzt. „Und ich hab eine Atombombe im Schrank!“ Nun gut, zum Glück nahm er an, dies sei ein dämlicher Witz, drehte sich um und wandte sich wieder seinen Pappkartons zu. Glück gehabt, dass ich nicht aufgeflogen bin.

Deutlich weniger lustig waren die Entwicklungen, die mich zu dem Metallkoffer mit waffenfähigem Plutonium gebracht hatten. Dabei sollte es alles ein Spaß werden, Fußballfieber, Sportfest, Völkerverständigung. Das einzig Ernste schien zu sein, dass die nur dem Sport verpflichtete, völlig unbestechliche FIFA die Weltmeisterschaft in Russland austragen ließ. Aber ich bin Jahrgang 1994, und vor vier Jahren hatte ich kurz nach Abitur und einem Dienstjahr zum ersten Mal miterlebt, dass der WM-Pokal von deutschen Spielern in die Höhe gereckt wurde, 2014 in Brasilien. Inzwischen war ich für mein Alter recht gutsituiert, meine ich, hatte mir das kleine Grundstück auf dem Berg über Bad Honnef gesichert und hielt allen Kritikern meiner Reise entgegen, man müsse auch mal über den Tellerrand schauen, statt sich moralisch gegenüber anderen Völkern zu erheben. Richtig, bestätigten mich ein paar Alt-Achtundsechziger, gerade bei solchen Zusammentreffen der Völker, da sehe man hinter jeder Fahne eine andere Kultur, hinter jeder anderen Trikotfarbe eine andere Melodie des Feierns, als hätten deren Farben Klänge. Hinsichtlich der Achtundsechziger hatte ich gedacht, Klänge von Farben hätten die bei der Einnahme von LSD gehört, so wie es vermutlich erforderlich war, um zum Beispiel die psychedelische Musik von Joachim Holz ertragen zu können. Warnhinweis: Die nachfolgende Musik ist nur bei Einnahme von LSD zu ertragen, wodurch weitere Kosten entstehen.

Aber ich habe wirklich keine Idee, wieso die Männer des Pazifiks mich für die Übergabe des Koffers ausgewählt hatten. Ich stand in einiger Entfernung vom Stadioneingang, in dem in Kürze die Niederlage gegen Mexiko zu bestaunen sein sollte, mied das große Gedränge.

Dann spricht mich der Kerl an, groß, graumeliert, drahtig, charismatisch, ein Typ wie Charlton Heston in einem Kostüm von Wolfgang Joop, quatscht mich an und fragt mich: „Wollen Sie etwas für Ihr Vaterland tun?“ Fragt mich wie der Typ in der Sesamstraße, der einem ein D verkaufen will.

„Bitte? Ich hab schon Fanbedarf am Start, danke!“ erkläre ich, aber der Anzugträger will mir weder Fähnchen noch Bier verkaufen.

„Ich rede nicht vom Fußball, ich spreche davon, ob Sie Ihrem Vaterland dienen wollen?“

„Nach einem Akquisiteur für die Bundeswehr sehen Sie mir nicht aus,“ sage ich, „also was ist dein Auftrag, Sportsfreund?“ Er schüttelt den Kopf. „Schade, ich hab Sie anders eingeschätzt. Aber geh mal, Jungchen, schau dir…das Spiel an.“ Dann geht er, und ich erkenne mich kaum wieder, dass ich dem Typ tatsächlich folge und ihm nachrufe. „Hey, Freak, was soll das, was laberst du…“ Er dreht sich um, kommt mit bedrohlichen Schritten auf mich zu und packt mich am Arm.

„Wenn du doch nicht das tumbe Bürschchen bist, sondern ein Patriot, der bereit ist zu handeln, dann komm.“ Er zieht mich gegen den Strom durch die deutschen und mexikanischen und internationalen Fußballfans, deren Wellen an ihm brechen, als könne er das Wasser teilen, zieht mich durch den Dunst von Bier und Schweiß und lotst mich in eine Gasse am Rande des Geschehens.

„Pass auf,“ erklärt er unvermittelt. „Ich gehöre zum Pazifik.“ Er erklärt, dass das Patriotische Attitüde zur Implementierung funktionaler internationaler Kompetenz bedeute. Und dann geht es um Donald Trump. Und die Russen. Und die Chinesen, die Türken und den kleinen dicken Nordkoreaner, und all das. Und ob ich glaubte, dass Donald Trump, diese Marionette, der an den Fäden zur Hälfte seines Egos, zur anderen Hälfte Putins hing, auch nur einen Finger für das alte Europa krumm machen würde. Die Russen hätten es mit Trump geschafft, die NATO, ja, den gesamten Westen zu spalten. Deutschland müsse in die Bresche springen, Verantwortung übernehmen. Und dafür müsse Deutschland, so bedauerlich das angesichts Atomwaffensperrvertrags und der Unterstützungswürdigkeit von Abrüstung und der Utopie einer atomwaffenfreien Welt sei, Atommacht werden.

Mein Blick ließ sich wohl nicht direkt als Zustimmung deuten, und so versicherte er mir, er und seine Partner, sie seien weder faschistoide Umstürzler noch eine Art Goldfinger, sie wünschten sich wie viele andere nichts so sehr wie Weltfrieden, im Gegensatz zu vielen anderen seien sie aber bereit, dafür auch was zu tun. Sie – Pazifik – das seien Personen aus Politik und Gesellschaft, ja, auch Militär und Geheimdiensten, aber auch aus der Finanzwelt bis hin zum Feuilleton. Und nun wolle man, da der Erwerb oder die Entwicklung atomarer Sprengköpfe über den „offiziellen Weg“ politisch nicht umsetzbar sei, auf dem „freien Markt“ zugreifen. Ein französischer Mittelsmann sei für sie tätig geworden, habe von russischen „Freiberuflern“ das waffenfähige Plutonium erworben und geprüft und solle es nun übergeben, wolle aber auf einmal mit niemandem von Pazifik zusammentreffen. Daher suchten sie nun auf die Schnelle einen patriotischen, aber unbekannten Mittelsmann.

„Der Mann heißt Jean Charles Tellerant,“ erklärt Charton Heston. „Tellerrand? Wie über den Tellerrand schauen? Okay, wo ist die versteckte Kamera?“ Bloß nicht naiv wirken.

„Nein, Bürschchen, Tellerant. Wie Francois Mitterant, du Arsch. Ich hab leider keine Zeit, einen neuen Geheimdienstler auszubilden, also reiß dich jetzt zusammen.“

„Ich…ich weiß nicht recht, Ihre Motive mögen ja…ehrbar sein, aber was Kriminelles ist nicht so mein Ding,“ druckse ich herum.

„Bürschchen,“ tituliert er mich erneut, „die Welt ist gefickt mit Donald Trump! Pazifik besteht aus ehrbaren Persönlichkeiten, wir haben nicht mal Punkte in Flensburg. Aber wir sehen auch nicht zu, wie ein verbrecherischer Egomane die NATO lahmlegt und den undemokratischen und machiavellistischen Despoten dieser Welt die Oberhand überlässt. In 10 Minuten taucht Jean Charles Tellerant am Treffpunkt auf, und ich brauche verdammt noch mal einen Kerl mit Eiern im Sack, der tut, was getan werden muss. Mann, du sollst niemanden umlegen und nicht mal auf ´ne beschissene Leiter klettern, du sollst einen verfickten Koffer in Empfang nehmen, ohne dabei zu stolpern. Kriegst du das hin?“

Und, verurteilen Sie mich nicht, auf einmal denke ich, besser ich mache das als irgendein unberechenbarer anderer Kerl, rechtsradikaler Waffennarr oder so. Also marschiere ich wie in Trance los, stelle mich in diese Tiefgarage, und tatsächlich taucht ein Typ mit Knautschgesicht wie der gereifte Belmondo auf, hat so einen würfelförmigen Koffer und schaut sich dauernd um.

„Monsieur Tellerant?“ rufe ich, und Belmondo zischelt wie der Typ in der Sesamstraße, der immer „Nicht so laut“ und „Genau“ sagt, ich soll die Klappe halten. Jetzt wollen mir schon zwei Muppet-Puppen ein D verkaufen. „Ja, ich bin Tellerant, du Arsch!“ faucht er, als er vor mir steht. Scheinbar sind sich Heston und Belmondo in meiner Charakterisierung einig.

Dann wird es hektisch. Und laut. Zwei Typen erscheinen, brüllen in unsere Richtung. Ich erkenne eine Uzi in der Hand des einen, bei der Bewaffnung des anderen tippe ich auf Makarow.

„Merde,“ stellt Tellerant fest, und ich stimme zu. „Ich hab das Geld von Pazifik etwas mehr zu meinen Gunsten aufgeteilt, als mit den Russen vereinbart war. Lass uns abhauen!“

Ich finde, Tellerant hat da eine richtig gute Idee, aber dann kreischt die Uzi, und Tellerants Hemd spuckt Blut. Ich werfe mich auf den Boden, und Tellerant sackt vor mir auf den Asphalt, ist meine Deckung und der Kugelfang für die Projektile aus der Makarow. Dann Schüsse hinter mir, ich schau über die Schulter und sehe Charlton Heston, eine Glock im Anschlag. Er feuert, und der Uzi-Schütze wirbelt herum und schlägt auf dem Boden auf. Er erwischt den anderen an der linken Schulter, aber der schießt wie wild, bis das Magazin der Makarow leer ist und der Schlitten hinten bleibt, den glühenden Lauf freilegt.

„Das war knapp,“ jaule ich und dreh mich zu Heston um, der nun auf die Knie sackt, in der Brust zwei Einschusslöcher. Dann kippt er nach vorn und ist tot. Ich bin wie unter Wasser, höre alles dumpf und verlangsamt, höre aber, wie der Makarow-Schütze unter schmerzverzerrtem Winseln das Magazin seiner Waffe wechselt. Ich bin zudem voller Adrenalin. Und Überlebenswillen. Der verwundete Russe nestelt am Schlitten herum, um die Waffe zu entsichern. Ich robbe rüber zu Charlton Hestons Leiche, schnappe mir die Glock und schaue über Tellerant hinüber zu meinem Gegenspieler. Dann ziele ich und schieße. Treffe die Betonsäule neben ihm, die Windschutzscheibe eines geparkten Autos hinter ihm, eine Lampe über ihm, die zischelnd erstirbt und Scherben regnen lässt, und dann, als der Kerl gerade mit nachgeladener Waffe auf mich zielt, trifft ihn die letzte Kugel aus der Glock mitten zwischen die Augen.

Liebe Kinder, bitte macht das nicht zuhause nach. Ich gebe zu, ich hab mich nicht vorbildlich verhalten. Habe nicht auf die Polizei gewartet. Oder auf sonst jemanden. Ich hab mit meinem Fan-Schal meine Fingerabdrücke von der Glock abgewischt. Dann habe ich mir den Koffer geschnappt und mich kurz von seinem enormen Gewicht überraschen lassen. Schließlich bin ich dem Tipp von Tellerant gefolgt, eilig zu verschwinden. Auf dem Rückweg hab ich den Zug genommen, und die haben tatsächlich nicht sehr aufmerksam kontrolliert, hatten wohl keinen Geigerzähler dabei. Ich habe es bis nach Hause geschafft und dann die Überzeugung gewonnen, dass ich keinen Kontakt zu Pazifik suchen werde. Der würfelförmige Koffer steht in meinem Kleiderschrank, und ich sollte wirklich nicht so viel über ihn plaudern. Ich glaube, am besten sollte ich mit Joachim Holz Frieden schließen.





Markus Peter (Jahrgang 1974) ist gebürtiger Sauerländer und Wahlrheinländer. Er studierte Jura in Marburg und Bonn, promovierte in Düsseldorf und arbeitete als Staatsanwalt, Richter und Rechtsanwalt. Bisher veröffentlichte er eher juristische Fachpublikationen, ist aber dem belletristischen Schreiben schon lange verbunden; zuletzt wurde die Kurzgeschichte „Alles, was Sie von nun an sagen“ in der Anthologie „Die großen 12“ des Literaturhauses Zürich 2021 veröffentlicht. Markus Peter lebt mit seiner Familie in der Nähe von Bonn.





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Veröffentlicht von kklkunstkulturliteratur

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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