Über den Tellerrand

Erika Lautenschläger für #kkl13 „Über den Tellerrand“




Über den Tellerrand

Deutscharbeit bei Herrn Übel. Sie sollten etwas zum Thema ‚Über den Tellerrrand‘ schreiben. Klara seufzte. Deutsch war wie alle diese unkonkreten Laberfächer nicht ihr Ding. Und bei Herrn Übel fand sie es besonders übel. Nicht einmal seine Aufgabenstellungen waren exakt. Irgendetwas zu ‚Über den Tellerrand‘. Keinerlei weitere Vorgaben. Erörterung? Schilderung? Es ging das Gerücht, dass er an Literaturwettbewerben teilnähme und mangels eigener Ideen sich bei seinen Schülern bediene., quasi einen Schüleraufsatz als Grundlage für seinen eingereichten Text verwende. Zumindest hatte mal jemand einen Text einer Frau Schlecht in einer Sammlung von Texten von Möchtegern-Autoren gefunden, die große Ähnlichkeit mit seinem Schulaufsatz ‚Wolken hinterm Apfelbaum‘ hatte.

Aber was sollte Klara nun schreiben? Ein Gedicht? Über den Tellerrand hängt allerhand… – Nein, das nicht.Vielleicht etwas Pseudowissenschaftliches über Tellerränder im Allgemeinen und Speziellen. Es gab breite und schmale Tellerränder. Mit Dekoration und ohne. Goldrändchen. Ja, es gab sogar nicht vorhandene Tellerränder, sie hatten so Dinger für die Suppe.. Oder waren das Suppenschüsseln? Nein, eine Suppenschüssel war das, wo jener Michel mit seinem Kopf drin steckengeblieben war.. Das war alles auch irgendwie doof. Vielleicht eine Geschichte, die den Tellerrand nicht materiell sonders als Metapher sah? Sie dachte an Tante Käthe, die nach Ansicht von Papa so ‚dumm wie zehn Meter Feldweg‘ war. Sie hatte einen sehr begrenzten Horizont und war in der Tat nicht im Stande, über den Tellerrand zu schauen. Da würde Klara schon einiges einfallen.

Aber wer weiß? Auch wenn sie bestenfalls eine 3 – 4 bekäme, mehr gab es für sie von Herrn Übel nie, könnte es bei so einem Text doch sein, dass sie ihm eine Vorlage für einen seiner nächsten Schreibwettbewerbe liefern würde. Denn eigentlich, das wusste sie, waren ihre Aufsätze nicht schlecht. Jedoch gab es nun mal kein Fach, in welchem man mehr der Willkür des Lehrers ausgesetzt war, wie Deutsch. Dass er sie nicht mochte, war eine Tatsache. Er sollte deshalb unter keinen Umständen von ihrem Aufsatz profitieren.

Was könnte sie dann über Tellerränder schreiben?

Der Blick auf die Uhr sagte ihr: ‚Nicht mehr viel‘.

Sie schrieb auf ihr noch leeres Blatt: ‚Über den Tellerrand‘. Darunter: ‚Berechnung der Fläche A eines Tellers mit kreisförmiger Grundfläche‘. Beides unterstrich sie mit dem Geodreieck. Als Text folgte nun: ‚Gegeben ist ein kreisförmiger Teller T. Sein Radius sei R, der Radius bis zum Beginn des Tellerrands sei r. Dann ist A = (R² – r²)* π.‘

Als Letztes schrieb sie noch ihren Namen und das Datum auf das Blatt.

Aus diesem Aufsatz würde er gewiss keinen Profit ziehen können.







Erika Lautenschläger, geboren 18.11.1965, Abitur 1986, Studium der Mathematik 1986 bis 1993, Software-Entwicklerin 1995 bis 2021, Rentnerin





Über #kkl HIER

Veröffentlicht von kklkunstkulturliteratur

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: