Verlassenheit – ein Wegweiser

Kathrin Freder für #kkl13 „Über den Tellerrand“




Verlassenheit – ein Wegweiser

(zu: Caspar David Friedrich, „Das Kreuz im Gebirge“, 1807/1808, Staatliche Kunstsammlungen Dresden)

In manchen Zeiten fühle ich mich verlassen, abgetrennt von den Anderen, ohne Kontakt zur Welt, als würde ich nicht dazugehören. Ich habe Angst davor, versuche es zu vermeiden. Es ist mir bewusst. Ich möchte es verstehen.

Ich betrachte ein Bild von Caspar David Friedrich „Das Kreuz im Gebirge“. Im Vordergrund Felsen, darauf wachsen Tannen, auf dem Gipfel ein Kreuz und daran Jesus Christus. Die Sonne verborgen hinter dem Berg. Sie steht tief, ihre Strahlen weisen nach oben, einer von ihnen beleuchtet das Kruzifix, dann verlieren sie sich in den Wolken.

Jesus von Nazareth gebunden ans Kreuz, verlassen von Gott, von seinen Gegnern zur Schau gestellt und verspottet. Jesus am Kreuz stirbt wie jeder Mensch. Ich bin traurig, fühle die Verlassenheit und das Abgeschnittensein von der Welt und dem Leben sowie den Zweifel an Gott, dem Vater, der seinen Sohn sterben lässt. Müsste er nicht das Gute bewahren? Er tut es nicht, lässt vielmehr zu, dass es vernichtet wird. Ich bin verlassen, nicht beschützt. Vater und Sohn, sie sind eins. Sind sie es wirklich?

Ich schaue zu dem Bild. Ich bin enttäuscht. Ich suche Halt und finde ihn nicht. Im Gegenteil, Jesus am Kreuz macht mir Angst.

Ich fühle die Angst, die Angst vor dem Tod, der unausweichlich ist. Ich verdränge es nicht, schaue vielmehr zum Kruzifix. Und frage mich, warum fürchte ich ihn, den Tod?

Leben und Tod sind Gegensätze. Das eine ist gut, das andere schlecht. Warum bewerte ich es? Warum trenne ich beides?

Die Welt, die ich sehe, besteht aus Gegensätzen. Das Eine ist gut, weil es mir dient. Das Andere ist schlecht, weil es mir schadet. Ich muss mich schützen. Jesus am Kreuz zeigt es mir. Ich bin verlassen, wenn ich auf Gott oder Andere vertraue.

Ich betrachte das Bild von Caspar David Friedrich, sehe die Sonnenstrahlen, doch die Sonne ist verborgen hinter den Felsen, die versperren den Blick. Jesus am Kreuz kann sie sehen, und einer von den Strahlen fällt auf ihn, während ich im Schatten stehe. Ich werde nachdenklich.

Es gibt wohl zwei Welten. In der einen bin ich Mensch und muss mich schützen. Und in der anderen? Gibt es keine Unterschiede. Keine Unterschiede – woran halte ich mich dann?

Vater und Sohn, Gott und Jesus, sind eins, so heißt es. Die Gegensätze sind vereint zu Einem. Das Eine schließt das Andere nicht aus, sie gehören vielmehr zusammen, wie Leben und Tod.

Ich denke zurück an Verlassenheit und Abgeschnittensein, meine Gefühle von vorhin. Ich selbst war es, der die Welt in zwei Teile trennte, Leben und Tod, gut und schlecht. Ich selbst war es, der die Trennung vollzog.

Die gespaltene Welt, in der ich nur ein Teil davon bin, verursacht Angst, weil ich als Teil nicht bestehen kann.

Ich schaue zum Bild. Die Gegensätze sind nur vordergründig; das Verbindende ist dahinter verborgen. Mich verlassen zu fühlen, wie Jesus am Kreuz, weist mir den Weg, die Einheit zu finden, wenn ich den Mut dazu habe.




Kathrin Freder wurde 1973 in Riesa geboren. Sie studierte Rechtswissenschaften und arbeitet als Rechtsassessorin in einer Kanzlei. In ihrer Freizeit schreibt sie Gedichte und Prosa-Texte, in denen sie Erlebtes aus Vergangenheit oder Gegenwart verarbeitet. Um sich bestehende Konflikte bewusst zu machen, nutzt sie oft Bilder berühmter Maler und Künstler. So entstand das Buch „Hell und Dunkel sind in uns – Hell und Dunkel, sie sind eins“, in dem sie Bilder Sascha Schneider´s zum Anlass nimmt, um sich mit sich und der Welt auseinanderzusetzen. Auch zu dem berühmten Panorama von Yadegar Asisi „Dresden 1945“ hat sie ein Gedicht „Das Ganze gilt es zu wahren“ geschrieben, welches am 06.03.2020 auf dem Facebook-Kanal vom Panometer Dresden veröffentlicht wurde. In der Anthologie „Umbrüche“ (Verlag Roloff) ist sie mit dem Gedicht „Vom Gestern zum Heute“ vertreten. Des Weiteren beteiligt sie sich an der Literaturwerkstatt des Kulturraumes Meißen – Sächsische Schweiz – Osterzgebirge.





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Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin und ZeitenGeist Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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