Verloren im Wartezimmer

Tabea Neu für #kkl14 „Es ist schon alles da“




Verloren im Wartezimmer

„Ha! Erwischt.“

Trotz des belustigten Untertons in deiner Stimme zucke ich bei diesen Worten kurz zusammen.

„Du sitzt gemütlich in deinem Sessel, dein Laptop auf dem Schoß und suchst gelangweilt nach der nächsten Serie, die du gucken könntest. Übrigens nicht meine Schuld, meine Vorschläge magst du ja nie. Keine Ahnung, wie ich mit jemandem wie dir überhaupt befreundet sein kann. Dein Geschmack ist der Horror.“

Ertappt klappe ich schnell den Bildschirm runter. Deine Treffsicherheit ist unglaublich. Der Computer ist schon ganz heiß gelaufen und brennt sich langsam durch das feine Gewebe meiner schwarzen Stoffhose. Anfangs war ich mit ihm noch sehr vorsichtig. Mittlerweile balanciere ich die knapp tausend Euro täglich in den unmöglichsten Positionen auf meinen Beinen, während ich mit der linken Hand meinen Teller unter mein Kinn halte und mit der rechten mein Abendessen daraus löffle. Es ist ein Wunder, dass dabei noch nichts zu Bruch gegangen ist. Vielleicht ist dieses Risiko einfach das einzig Spannende, das mein Alltag so zu bieten hat.

Auch jetzt sitze ich im Schneidersitz auf dem kratzigen Polster des alten, grünen Sessels, den du auf dem Sperrmüll gefunden hast. Links von mir steht meine Lieblingspflanze und guckt mir über die Schulter. Der neueste Trieb spießt vorwitzig aus der restlichen Blättermasse hervor. Er ist in den letzten Tagen enorm Richtung Fenster gewachsen. Immer auf der Suche nach dem Licht. Irgendwie beneide ich ihn darum. Gestern habe ich den Tontopf dann endlich mal gedreht und jetzt kitzelt mich das lange Blatt im Nacken. Abschätzig betrachte ich den vollen Teller, der auf dem Beistelltisch rechts von mir auf mich wartet. Ich habe heute keinen Hunger. Nachdenklich wandert mein Blick nach draußen, wo die Abendsonne die sonst graue Fassade der gegenüberliegenden Häuserreihe in ein sattes Rot taucht. Es ist ein wunderschöner Anblick. Mein eigener Balkon liegt zu dieser Zeit immer im Schatten. Du würdest jeden Tag dort sitzen und deine Sinne schweifen lassen. Bei dem Gedanken muss ich lächeln. Manchmal versuche ich das. So zu sein wie du. Meistens ist mir dann aber zu kalt.

Stattdessen drehe ich den Heizkörper unterm Schreibtisch auf und setze mich dahinter auf den knarzenden Stuhl. Ich kann besser arbeiten, wenn meine Füße warm sind.

„Aber hey, jeder macht Fehler und ich vergebe gerne zweite Chancen. Ich hoffe, du genießt es wenigstens! Wehe, du bist in Gedanken schon wieder beim nächsten Abgabetermin. Dein letztes Projekt war der Hammer, du hast dir sowas von eine Pause verdient. Wenn du das nicht feierst, werde ich es tun.“

Es stimmt, in zwei Wochen muss ich meine neuen Ideen vorstellen.

Ich habe sogar schon ein paar, aber die müssen auf jeden Fall noch ausgefeilt werden. Zwei Wochen gehen schneller rum, als man denkt. Das leere Blatt Papier auf meinem Schreibtisch sollte sich innerhalb der folgenden Tage also langsam füllen. Ich wünschte, ich hätte mehr Vertrauen in mein eigenes Können, aber irgendwann steigt in mir dann doch immer dieses mulmige Gefühl auf. Lässt mich alles anzweifeln, was ich zu wissen glaube. Du nennst das Selbstsabotage. Wahrscheinlich hast du recht.

Bei dir gibt es sowas nicht. Ich frage mich, wie du das machst. Wie du da hinter der Theke im Souvenirshop stehst und lächelst, in dieser pissgelben Bluse, die auch nach dem sechsten Mal Waschen noch nach feuchtem Keller riecht. Wie du tagtäglich eine weitere verlorene Seele mit deinem Strahlen wärmst, das von nichts getrübt werden kann. Deine Antwort ist so simpel, dass ich nicht anders kann, als nach einem Haken zu suchen. Du sagst, du seist einfach glücklich. Und das Verrückte ist, ich glaube dir. Weil du dein Glück nicht abhängig machst von irgendwelchen Umständen. Es ist viel eher so, als produziertest du es selbst. Ja, du bist wie eine kostenlose Tankstelle und wenn meine Energie nur noch auf Reserve läuft, kommst du und füllst mich mit neuem Tatendrang. Vielleicht kann ich das eines Tages lernen. Es muss schön sein, aus sich selbst zu schöpfen.

Aber heute ist es zu spät für große Veränderungen, denn gleich ist es draußen stockfinster und dann beginnt endlich der Abend.

„Apropos feiern. Ich war gestern bei Luzie, eigentlich um zusammen zu lernen, aber du weißt ja, wie das dann läuft.“

Erheitert verdrehe ich die Augen. Oh ja, das weiß ich nur zu gut. Genau aus dem Grund mache ich sowas nie.

„Naja, es ist dann jedenfalls dermaßen eskaliert, dass nachher auch noch Sven und Chiara vorbeigekommen sind und, Alter, du hättest dabei sein müssen. Es war so ultrawitzig! Wir haben dich vermisst! Ich muss dir dringend dieses neue Kartenspiel beibringen. Aber mach dich bereit, denn ich bin jetzt der krasseste Master. Du hättest die anderen sehen sollen, als ich die siebte Runde in Folge gewonnen habe! Ich meine, hallo? Ich!“

Unwillkürlich muss ich schmunzeln. Das ist in der Tat ziemlich merkwürdig, ich glaube, du hast noch nie irgendein Spiel gewonnen.

Mein Tag war da deutlich weniger ereignisreich.

Mein Wecker hat wie immer um acht geklingelt und ich habe wie immer alle neun Minuten auf Schlummern gedrückt, bis ich eine Stunde später völlig gerädert unter der warmen Decke hervorgekrochen bin. Weder die viel zu warme Dusche noch das Frühstück konnten meine Energie zurückerobern. Zusammen reichten sie gerade mal aus, um ein paar aufgeschobene E-Mails zu beantworten und einen der drei Kleiderhaufen in meinem Zimmer zu sortieren. Danach brauchte ich erst mal eine Pause. Letztendlich saß ich genauso da wie jetzt und habe geduldig darauf gewartet, dass der Abend anbricht. Denn dann kann ich endlich weiter herumsitzen und mich von flimmernden Bildern berieseln lassen. Ganz ohne schlechtes Gewissen.

Ja, während du gelacht, geredet und aufmerksam zugehört hast, habe ich gewartet. Gewartet auf das Ende des Tages. Und dann hab ich mir gewünscht, es würde niemals eintreten, denn auf den Abend folgt die Nacht und darauf der Morgen und der Morgen bedeutet wieder warten. Du hast mich erwischt. Dabei, wie ich feststecke in meinem selbst gewählten Alltag. Und ich schäme mich. Dafür, dass ich jeden Tag verstreichen lasse, als hätte ich noch unendlich viele vor mir, an denen ich dann irgendwann wirklich lebe.

„Den Rest erzähle ich dir später, eigentlich will ich dich nämlich schon die ganze Zeit was fragen, ups. Hast du Lust, zu mir zu kommen? Ich weiß, du verfolgst gerne deinen Plan, aber denk wenigstens darüber nach, ja? Wie ich dich kenne, hörst du das hier sowieso frühestens in fünf Tagen, deswegen bin ich vorbereitet. Ich hab dir sogar schon ein paar Bahnverbindungen rausgesucht, dann musst du dich nicht stressen. Es ist alles da, du musst es nur machen! Ganz egal, wann du kommst, ich bin hier. Hab dich lieb, ich freu mich!“

Mit einem leisen Klick endet die Sprachnachricht und ich bin wieder allein. Eine Träne bahnt sich ihren Weg über meine Wange und fällt lautlos auf das leuchtende Display meines Handys. Du hast mich unterschätzt. Ich höre deine Worte sogar neun Tage zu spät. Die letzten sieben davon warst du schon gar nicht mehr da. Und ich habe es nicht gemerkt. Weil ich mit Warten beschäftigt war. Warten auf etwas, das gar nicht fehlt.

Heute Mittag war ich bei dir. Alle trugen Schwarz. Du hättest über sie gelacht. Ich hoffe, du hast meine Socken gesehen. Siehst sie noch jetzt, wie sie in Neongrün unter meinem schwarzen Hosenbein hervorblitzen. Für all das, was du nicht mehr sagen konntest.

Nur ein Gedanke weckt mich auf.

Du hast gelebt.

Ich hieve mich aus dem Sessel und stehe. Vier Schritte zu meiner Jacke, dann die Schuhe, dann der Schlüssel. An der Haustür öffne ich unseren Chat und tippe endlich meine Antwort.

Ich bin auf dem Weg.




Tabea Neu, 21, spricht normalerweise nicht von sich selbst in der 3. Person, ist aber immer offen für Neues. Momentan studiert sie im ersten Semester „Kreatives Schreiben und Texten“ in Berlin und hat dabei eventuell ein neues Hobby gefunden: Öffentliche Ausschreibungen.





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Veröffentlicht von kklkunstkulturliteratur

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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