„Ein Leben lang“

Tom Holterhus für #kkl14 „Es ist schon alles da“




„Ein Leben lang“

Ich wartete auf dem Parkplatz des Internats und betrachtete, wie die Sonne von den Fenstern des grauen Backsteingebäudes reflektiert wurde. Es war schon fast ein Jahr her, dass ich Harry zum letzten Mal gesehen hatte. So lange waren wir noch nie voneinander getrennt gewesen.

Ich versuchte mich genauestens an ihn zu erinnern. Dabei stellte ich mir, wie so oft in letzter Zeit, die Frage, ob ich ihn wohl jemals wie einen Erwachsenen wahrnehmen könnte. Oder ob er für mich immer mein kleiner Bruder bliebe.

„Hey Johnny“ rief jemand und riss mich aus meinen Gedanken.

Ich hatte mir diese Situation bereits unzählige Male vorgestellt. Doch jetzt fühlte es sich ganz anders an.

Harrys Stimme war tiefer geworden. Sein Haar trug er länger und es fiel ihm ins Gesicht. Er schaute mich strahlend an und für einen kleinen Augenblick wirkte er auf mich wie ein Fremder.

Doch dann umarmten wir uns und ich sagte: „Lass dich ansehen!“. Und als ich sein Lächeln sah, schien es, als wäre kein einziger Tag vergangen.

Ein Lächeln, mit dem die Sonne aufgeht, dachte ich, wie schon so oft und insgeheim beneidete ich ihn ein bisschen dafür.

„Wo hast du geparkt?“, fragte er mich. Ich deutete mit dem Kopf in Richtung Straße.

„Warum denn nicht hier auf dem Parkplatz?“, Harry sah mich verwundert an.

„Ich hab´ da eine kleine Überraschung“ sagte ich und zwinkerte ihm zu. „Komm, wir gehen ein Stück.“

Es war eisig kalt, doch weder ihn noch mich störte das. Schon als Kinder hatten wir es nicht anders gekannt. Ich erinnerte mich oft zurück daran, wie wir im Schnee herumgetobt waren und es mir dann immer so vorkam, als existierten die sechs Jahre Altersunterschied zwischen uns gar nicht.

Überschwänglich erzählte Harry mir von seinem ersten Jahr im Internat. Ich brauchte ihn gar nicht auszufragen. Es sprudelte nur so aus ihm heraus. Alles erzählte er mir. Von seinen neuen Freunden, von Fächern, die er gut leiden konnte und Lehrern, die er nicht so gut leiden konnte. Und von einem Mädchen, an das er ununterbrochen denken musste.

Gefühlt war Harry immer fröhlich, das liebte ich an ihm.

Ich stellte mir oft vor, wie ich auch mal so gewesen war. Doch seit dem Tod unserer Eltern hatte sich für mich vieles verändert. Harry war damals noch sehr klein, aber ich hatte alles genau mitbekommen.

Der Abend, an dem sie nicht nach Hause gekommen waren, war tief in mein Gedächtnis eingebrannt. Wann immer ich daran zurückdachte, breitete sich dasselbe unwohle Gefühl in meinem Magen aus.

Ich lag wach oben im Bett. Harry schlief bereits tief und fest. Da hörte ich Stimmen von unten, doch es waren nicht die von Mum und Dad. Ich war zur Treppe geschlichen und erkannte unten zwei Männer in Polizeiuniform. Unsere Nachbarin, die an diesem Abend auf uns aufgepasst hatte, stand regungslos da, das Gesicht in den Händen vergraben.

In dieser Nacht konnte ich kein Auge mehr zumachen. Am nächsten Morgen bekamen wir die Nachricht: Ein Autounfall, sie hatten es nicht einmal mehr bis ins Krankenhaus geschafft.

Viel zu früh zwang mich das Schicksal erwachsen zu werden.

Ein Vorbild für meinen kleinen Bruder zu sein, war nicht leicht gewesen. Doch ich gab mir alle Mühe und versuchte stark zu wirken.

Oma nahm uns bei sich auf. Wir kannten sie nicht besonders gut, aber außer ihr war niemand mehr geblieben. Sie war Alkoholikerin und schon überfordert damit, sich um sich selbst zu kümmern. Irgendwie schlugen wir uns eine Zeit lang mit ihr durch. Doch eines Morgens wachte sie nicht mehr auf.

Daraufhin steckte man uns in ein Heim. Für eine Pflegefamilie war ich zu groß und Harry ließ sich nicht von mir trennen. Ich schwor mir, alles dafür zu tun, ihm ein gutes Leben ermöglichen zu können. Das letzte Jahr hatte ich wie verrückt dafür gearbeitet und Überstunden gemacht, wann immer es ging. Doch das Gefühl von Verzweiflung, mit welchem ich seit vielen Jahren kämpfen musste, ließ mich nicht los.

Ich verdiente nicht ausreichend Geld und glaubte nicht gut genug zu sein. Manchmal fühlte ich mich wie ein Lügner, weil ich Harry nicht das Leben bieten konnte, dass ich ihm so oft versprochen hatte. Stattdessen war ich letztes Jahr losgezogen, und er blieb allein zurück. Ja, einfach verpisst hatte ich mich und ihn auf sich gestellt dem Internat überlassen… „Hey! Hörst du mir eigentlich zu, Johnny?“

Ich zuckte zusammen. Harrys helle Augen schauten mich fragend an. „Aber sicher“ brachte ich zögerlich hervor und war froh, dass er sofort weiterredete.

Wir kamen an einem mit Raureif bedecktem Feld vorbei. Harry erzählte noch immer fröhlich. Ich blieb stehen und schaute ihn an. Als er es bemerkte, hielt er ebenfalls inne und unterbrach seinen Redefluss.

„Fang!“, rief ich ihm zu.

Harry blickte auf die auf die Autoschlüssel in seiner Hand und machte große Augen, als er das BMW Logo erkannte.

„Wow, ist das etwa deiner?“

Ich nickte und deutete den Feldweg hinunter.

Da stand er. Ein dunkelblauer BMW E34. Als Kinder hatten wir oft zusammen durch Autozeitschriften geblättert und waren uns nie einig geworden. Außer bei BMW, dafür konnten wir uns beide begeistern.

„Omas alter Schrotthaufen hat letzten Monat den Geist aufgegeben, also brauchte ich etwas Neues.“ Ich lächelte Harry zu. „Wenn du die Schlüssel jetzt schon in der Hand hast, kannst du dich eigentlich auch ans Steuer setzen.“

Obwohl er keine Ahnung hatte, wie man fuhr, jubelte er.

Der Feldweg war menschenleer, weit und breit war niemand zu sehen.

Ich stieg auf der Beifahrerseite ein und erklärte ihm, wie man den Motor startete. Ein paarmal würgte er das Auto ab.

Doch irgendwann hatte er den Bogen raus und dann gab er richtig Gas. Wir fuhren ein paar Runden über das Feld und lachten gemeinsam vor Freude.

Ich schaute zu ihm hinüber und da sah ich plötzlich nicht mehr nur den kleinen Jungen, an den ich mich im letzten Jahr so oft zurückerinnert hatte, sondern fast schon einen richtigen Erwachsenen.

Ich hatte oft an mir gezweifelt und befürchtet, Harry wäre insgeheim enttäuscht davon, dass ich ihm nicht mehr bieten konnte. Doch wie ich nun so zu ihm hinübersah und sein Jubeln in meinen Ohren klang, da fiel mir ein Stein vom Herzen. Wir waren doch schon immer ein Team gewesen. Wie hatte ich glauben können, dass ich erst Großes vollbringen müsste, damit es ihm gut ginge?

Trotz all dem, was wir zusammen durchstehen mussten, war ihm seine lebensfrohe Art immer geblieben. Er hatte nie etwas von mir verlangt, und ich hatte immer mein Bestes für uns beide gegeben.

Ja, in diesem Moment fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Es ist doch schon alles da. Das hier war das Leben, in all seinen Farben. Harry hatte das instinktiv schon immer erkannt und jeden Moment wertgeschätzt.

Es war nicht das Haus, in welchem wir lebten, oder die Dinge, die wir besaßen, welche uns Kraft gaben, sondern unsere Bindung zueinander. Diese Bindung war wertvoller als alles andere. Keiner konnte sie uns nehmen und das würde ein Leben lang so bleiben.

Und zum ersten Mal verschwand die Verzweiflung in mir und ich war einfach nur noch wahnsinnig stolz. Auf ihn, auf mich und auf alles, was wir bereits zusammen gemeistert hatten.




„Mein Name ist Tom Holterhus. Ich bin 21 Jahre alt und studiere kreatives Schreiben und Texten im ersten Semester an der Srh Berlin.“





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Veröffentlicht von kklkunstkulturliteratur

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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