Jene die bleiben

Thorben Galinski für #kkl14 „Es ist schon alles da“




Jene die bleiben


Wo der Frieden ist, da möchte er auch gerne bleiben. Er ist ein harmloser Zeitgenosse, anspruchslos, gemütlich und genügsam. Ein gern gesehener Dauergast und Nachbar oder Mitbewohner. Er ist tolerant und vertritt die Meinung, jeder solle so sein dürfen, wie er sein will. Bei ihm lebt sein Kind, die Liebe. Die Macht allerdings war ganz anderer Meinung darüber, wie der Frieden sich verhalten solle. So kam sie eines Tages zum Frieden und sagte: „Ich habe jetzt das Sagen. Du darfst nur bleiben, wenn du so wirst, wie ich dich haben will.“ „Ich möchte mich aber nicht ändern. Ich will so bleiben, wie ich bin“, sagte der Frieden. „Dann darfst du nicht bleiben“, sagte die Macht und verjagte den Frieden.

Als der Frieden nicht bleiben durfte, kamen stattdessen sehr viele andere. Als erstes sprach die Macht: „Hier bleibe ich jetzt. Und ich bringe den Krieg mit. Er bleibt so lange, bis der Frieden nachgibt und so wird, wie ich es sage.“ Da erwachte, nach sehr langer Zeit, die Angst aus ihrem Schlaf. „Ihr habt mich mit eurem Geschrei aufgeweckt“, sagte sie zur Macht und dem Krieg. „Deswegen werde ich jetzt auch bleiben.“ Aber auch das Kind des Krieges, das Leid, und das Kind der Angst, der Hass, wollten dabei sein. „Wo ihr seid“, sprachen sie, „sind auch wir. So lange ihr bleibt, bleiben auch wir.“ Da sah die Liebe, das Kind des Friedens, den Hass traurig an und sagte: „Du kennst mich. Wenn du bleibst, kann ich nicht bleiben.“

Sobald die Macht den Frieden vertrieben hatte, kam auch die Ungerechtigkeit und stellte sich genau vor sie. „Geh weg“, sagte die Macht. „Ich will dich hier nicht haben. Du stehst mir im Weg und verdirbst mir die Aussicht.“ Die Ungerechtigkeit aber lächelte nur schmal. „Mich kannst du nicht vertreiben. Ob es dir gefällt oder nicht, aber du hast mich gerufen. So lange du bleibst, bleibe ich auch. Und immer, wenn du dich hier umsiehst, wirst du mich sehen. Versteck mich ruhig, begrabe mich unter Lügen, Märchen und falschem Stolz, aber ich werde immer da sein. Aus jedem Schatten, jeder Träne, jedem gebeugten und gebrochenem Stolz, aus jedem Grabstein werde ich dich ansehen und anklagen. Du wirst mich nie wieder los.“

Mit der Ungerechtigkeit, kam auch das Opfer. „Ich wollte, dass der Frieden bleibt, aber du hast ihn vertrieben“, klagte es die Macht an. „Du hast den Krieg, die Angst, den Hass und das Leid mitgebracht. Du hast die Ungerechtigkeit herbeigerufen. Ich wollte für immer hier bleiben, jetzt kann ich das aber nicht mehr.“ Die Macht hob abwehrend die Hände: „Du klagst den falschen an. Der Frieden ist schuld, er hätte sich nur ändern müssen.“ Aber das Opfer schüttelte unbeirrt den Kopf. „Nein, du hast ihn vertrieben und mich erschaffen. Ich bin die Heimatlosen, die zerrissenen Familien, die Geschädigten, Geschändeten und Traumatisierten. Ich kann nicht bleiben, weil ich nicht bei der Angst leben will. Und dort, wo ich hingehe, weiß ich nicht, ob ich bleiben darf. Und auch nicht, ob ich da bleiben will.“ Es sah klagend zur Ungerechtigkeit. „Ich habe dich nicht gerufen und doch bist du hier. Für die Macht bist du ein anklagender Spiegel, doch für mich bist du wie eine Krankheit, die mich plagt, fast so schlimm wie das Leid und der Hass. Geh wieder weg.“ Aber die Ungerechtigkeit schüttelte traurig den Kopf. „Das kann ich nicht. Ich kann nur gehen, wenn die Macht geht und den Krieg, den Hass und das Leid mitnimmt. Dann darf ich euch verlassen, aber der Macht werde ich nie mehr von der Seite weichen.“ Die Macht aber verschränkte ihre Arme. „Ich gehe aber nicht. Ich bleibe, egal, was ihr sagt. Ich schicke den Krieg und das Leid zurück, sobald der Frieden zustimmt, nach meinen Bedingungen zu leben.“ Da kam der Mut und sprach: „Wenn du nicht gehen willst, dann bleibe ich hier. Ich werde dich bekämpfen, bis nur noch einer von uns übrig bleibt.“

 Durch den Mut erwachte die Hoffnung, aber anders als die Angst war sie nicht uralt, mächtig und allgegenwärtig. Zerbrechlich wie Glas, zart wie eine frische Knospe und noch sehr schwach, hob sie sie Hand und sprach zaghaft: „Wenn der Mut bleibt, bleibe auch ich.“ Der Mut aber schüttelte den Kopf. „Nein, du musst mit dem Opfer gehen. So lange es dich gibt, wird es auch mich geben.“ Das Opfer aber schüttelte den Kopf. „Mut, wenn du bleibst, bin ich nicht vollständig. Du bist all jene,  die mich verlassen, um bei dir zu bleiben. Durch dich werde ich gleichzeitig weniger und doch größer.“ Da lächelte die Angst und legte einen Arm um das Opfer. „Dafür werde ich dich ab jetzt immer begleiten.“ „Ich will aber nicht, dass du bei mir bleibst!“, sagte das Opfer und duckte sich weg, doch erst der Mut konnte die Angst von dem Opfer wegziehen. Sie blieb aber neben dem Opfer stehen. „Darf ich dich denn begleiten?“ fragte die Hoffnung das Opfer. Das Opfer sah die Hoffnung an, mit Tränen in den Augen. „Ich weiß es nicht“, sagte es ehrlich. „Du musst eigentlich bei mir bleiben. Aber ich kann dich nicht ansehen, ohne die Angst hinter dir aufragen zu sehen, die so aussieht, als ob sie dich jeden Moment erdrückt. Und je mehr ich darüber nachdenke, desto größer wird sie.“

Die Macht strahlte. „Ja, die Angst ist meine Verbündete!“ Aber die Angst lächelte sie an wie eine giftige Schlange. „Glaub das ruhig weiter. Im Moment bin ich vielleicht hier bei dir. Aber der Hass ist mein Kind und wenn er sich gegen dich wendet, dann wirst du mich genauso wie die Ungerechtigkeit nie wieder los.“ Und noch bevor der Hass dazu auch nur ein Wort gesagt hatte, legte die Angst der Macht eine Hand auf die Schulter und die Macht schluckte und machte sich etwas kleiner. Da lachte die Ungerechtigkeit. „Das geschieht dir Recht. Bist du sicher, dass du bleiben willst?“, fragte sie die Macht. Die Macht sah zum Frieden, der bereits weit entfernt war. „Beuge dich mir, dann ist das alles hier schnell vorbei!“, rief sie hinter ihm her. Der Frieden aber schüttelte den Kopf. „Das liegt nicht in meiner Natur. Du musst mich schon so akzeptieren, wie ich bin, sonst kann ich nicht sein“, sagte er und entfernte sich weiter. Die Macht verzog trotzig die Lippen. „Dann verschwinde! Ich bleibe! Und der Krieg bleibt auch.“ „Wenn der Krieg bleibt, dann bleiben auch wir“ sagten der Hass und das Leid. „Wenn ihr bleibt, muss ich gehen“, sagte das Opfer. „Ich bleibe!“, sagte der Mut trotzig. Die Liebe seufzte. „Ich gehe mit dem Opfer.“ Sie sahen zur Angst. Niemand außer dem Hass wollte, dass sie bei ihm bleibt, doch die Angst lächelte. „Oh keine Sorge, ich werde euch alle begleiten. Und ich gehe auch nie wieder weg. Vielleicht“, sprach sie zur Hoffnung, „wirst du eines Tages wachsen und ich kann mich wieder schlafen legen. Vielleicht gewinnen die Macht und der Krieg, vielleicht auch der Mut. Vielleicht kehren der Frieden und die Liebe doch eines Tages zurück, vielleicht bleiben aber auch der Krieg, der Hass und das Leid hier.  So oder so, ich bleibe. Vielleicht bin ich wach und plage euch, vielleicht werde schlafen, aber ich werde nie ganz verschwinden. Sollte man mich aber wieder schlafen lassen, dann lasse ich euch in Ruhe“, sprach sie und sah die Macht an „wenn man mich nicht wieder weckt. Aber bis dahin kann es noch lange dauern. Es liegt ganz an dir, wie lange du mich an deiner Seite haben willst“ grinste sie die Macht an. Die Macht sah zwischen der Ungerechtigkeit und der Angst hin und her, dann versteckte sie sich hinter dem Krieg.

 Die Hoffnung sah sich verloren um. „Und wo darf ich bleiben?“ fragte sie. Das Opfer fürchtete sich davor, nicht stark genug zu sein, um die Hoffnung mit sich zu nehmen. Es sorgte sich, dass es die Hoffnung auf der Reise verlieren könnte, dass sie weglaufen könnte, oder dass es sich nicht gut genug um die Hoffnung kümmern könnte und diese nicht wachsen würde. Aber die Liebe legt ihm eine Hand auf die Schulter und führte es sanft zur Hoffnung. Zaghaft nahm das Opfer die Hoffnung an die Hand. Und als es das tat, da glühte die Hoffnung schon ein kleines bisschen stärker und lächelte das Opfer an. Und das Opfer, obwohl es nicht bleiben durfte, fühlte sich auch etwas stärker, als es gemeinsam mit der Liebe und der Hoffnung versuchte, den Frieden einzuholen.




Thorben Galinski

„Zu mir selbst, ich bin 35, verheiratet, Vater von zwei Kindern lebe am Rand von Möchengladbach und bin Lehrer für Deutsch und Englisch an der Gesamtschule Jüchen. In meiner Freizeit lese und schreibe ich selbst gerne und bin außerdem Fernseh-, Theater und Gamingbegeistert. Am liebesten lese und schreibe ich Fantasy, aber manchmal auch über Alltagssituationen, oder auch nicht ganz so alltägliche Situationen.“





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Veröffentlicht von kklkunstkulturliteratur

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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