Die Beförderung

Y. R. Lill für #kkl14 „Es ist schon alles da“




Die Beförderung

Endlich war es so weit. Zwei Jahre lang hatte sie beinahe jeden Tag Überstunden geschoben, sogar an Wochenenden freiwillig die mediale Repräsentation des Konzerns übernommen. Mit nur vierundzwanzig Jahren würde sie nun die jüngste Sektionsleiterin der Firma werden. Mit der Beförderung bekam sie endlich die Anerkennung, die sie verdiente. Auch der neue Lohn ließ nichts zu wünschen übrig. Nicht, dass sie auf die Gehaltserhöhung angewiesen wäre. Sie konnte sich bereits alles leisten, was sie wollte. Exzessive Ausgaben kamen für sie nicht in Frage, so war sie zufrieden mit ihrer Zwei-Raum-Mietwohnung und ausgedehnte Reisen unternahm sie nie. Als Karrierefrau hatte sie auch gar keine Zeit dazu. Trotz ihrer Sparsamkeit war ihr Kleiderschrank gefüllt mit Taschen, Schuhen und Kleidern nennenswerter Marken. Gebraucht natürlich. Sie empfand es als ihre moralische Verpflichtung, ihren Beitrag zu einer sauberen Erde zu leisten. Sie nutzte auch ihre Internetreichweite, um auf die Umwelt schädigenden Grauen der Textilindustrie aufmerksam zu machen. Gleichzeitig zeigte sie ihren Fans Alternativen, die es jedem möglich machten, sich nach den neusten Trends zu kleiden, ohne die unmenschlichen Großkonzerne bei ihrer Klimaverschmutzung zu unterstützen. Das gelang ihr ziemlich gut, wie sie fand. Auch ihr morgiges Outfit entsprach diesen Kriterien. Prüfend betrachtete sie es in im Spiegelbild. Ihr Chef hatte eine kleine Feier organisiert, um die Beförderung mit dem ganzen Team zu feiern. Sie sollte auch eine kurze Rede halten. Nichts großes, eine kleine Ansprache, wo sie die Firma hinführen wollte, wie sie sich die kommende Zusammenarbeit mit ihrem Team vorstellte und wie viel ihr diese neue Stelle bedeutete. Reden halten gehörte zu ihrer täglichen Arbeit und sie war keine Person, die großartig prokrastinierte. Als sie also feststellen musste, dass es ihr partout nicht gelang, diese Rede zu schreiben, war sie überaus beunruhigt. Seit Tagen beschäftigte sie nichts anderes und doch brachte sie nichts Vernünftiges Zustande. Sie ließ es sich natürlich nicht anmerken, lächelte dankbar und gab sich überglücklich und professionell, wann immer sie auf den großen Tag angesprochen wurde. Ihre Mutter war besonders stolz. >>Davon konnte ich in deinem Alter nur träumen, mein Engel<<, wiederholte sie bei jeder Gelegenheit und prahlte in der ganzen Nachbarschaft. >>All die harte Arbeit hat sich ausgezahlt. Den Ehrgeiz hast du von mir!<<

Ja, sie hatte es geschafft. Sie hatte alles, was sie sich je erträumt hatte. Ein gemütliches Zuhause, einen Traumjob und einen Traummann, der ihr sicher bald einen Antrag machen würde. Letzte Woche hatte sie beim Aufräumen den Ring entdeckt. Natürlich sprach sie ihn nicht darauf an, sie wollte ihm seinen Moment nicht stehlen. Doch sie war ziemlich sicher, dass er sie morgen Abend nach der Feier fragen würde. Sie hatte also wirklich alles, was sie sich nur wünschen konnte. Und dennoch hatte sich unbemerkt dieses ungute Gefühl in ihr eingepflanzt, das sie sich nicht erklären oder zuordnen konnte, welches sich jedoch immer lauter meldete je näher die Beförderung rückte. Zunächst verschrieb sie es als Nervosität, doch sie konnte sich nicht länger selbst belügen. Es war ein Empfinden, als würde ihr etwas ganz Wichtiges fehlen. Sie hatte gehofft, es bis zum morgigen Tag erfolgreich ignorieren zu können und dass es danach von alleine verfliegen würde. Doch wie sie jetzt so vor dem großen Wandspiegel stand und die Gestalt darin betrachtete, meldete sich dieses Gefühl deutlicher als nie zuvor. Ihr Körper, ihr Gesicht – sie schienen nicht zu ihrem Outfit zu passen. Während ihr dunkelgelb glänzender Anzug mit den gleichfarbenen Stilettos Stärke und Ehrgeiz ausstrahlten, spiegelte sich in ihrem blassen Gesicht Erschöpfung und Unsicherheit wider. Geprägt von den monatelangen Überstunden und dem damit zusammenhängenden Schlafmangel würde morgen ganz viel Make-up nötig sein, um ihre dunklen Augenringe zu verbergen. Sie fühlte ihre Stirn. Kein Fieber. Langsam ließ sie ihre Hand sinken, von der Stirn auf die Wange, die ihr genauso kalt und kraftlos vorkam wie die Finger. Gedankenverloren glitten ihre Finger weiter hinunter, bis sie an ihrem Dekoltee verharrten. Eine Kette. Das war es, was ihr fehlte. Eine lange, feine Kette mit großem Stein würde ihr Outfit vollenden. Sie hatte auch schon die Passende im Sinn. Sofort machte sie sich auf ins Schlafzimmer und kramte aus der hinteren Ecke der obersten Schublade ihrer Kommode ein kleines Schmuckkästchen hervor. Hier verstaute sie ihre wertvollsten Besitztümer. Schon seit Ewigkeiten hatte sie nicht mehr hineingesehen. Sie sank aufs Bett und öffnete die Schatulle. Langsam holte sie zwischen Erinnerungsstücken aus vergangenen Tagen die Kette hervor. Sie hatte ihrer Großmama gehört. Der tiefgelbe Bernstein glänzte vertraut im warmen Licht der Lichterketten. Es war eine kleine Raupe in ihm eingeschlossen. Zu Lebzeiten hatte ihre Großmama sie immer getragen und gesagt, dass sie ganz gespannt sei, was mal aus der Raupe werden würde. Heute wusste sie natürlich, was die Worte der Großmutter bedeuteten, doch damals hatte sie gespannt darauf gewartet, dass sich die Raupe jeden Moment in einen Schmetterling verwandeln würde. Nun hielt sie den Stein fest umschlossen an ihre Brust gedrückt und dachte an die Frau, die sich einst jeden Tag nach der Schule um sie gekümmert hatte, während ihre Eltern arbeiten waren. Sie hatten nicht viel Geld gehabt und doch waren ihrer Großmutter immer die tollsten Ideen gekommen, einen ganz normalen Tag in etwas Besonderes zu verwandeln. Damals war es nicht wichtig gewesen, gut gekleidet zu sein; nicht für sie jedenfalls und auf keinen Fall für ihre Großmutter. Doch ihrer Mutter hatte es alles bedeutet. Sie war frustriert darüber, dass ihr mageres Gehalt nur für das Notwendigste reichte und wurde wütend, wenn ihre einzige Tochter dann die Kleidung dreckig machte, oder sogar beschädigte, für die sie so hart schuftete. >>Armselig siehst du aus<<, sagte sie dann enttäuscht und verglich sie mit der Nachbarstochter, die immer die neuste Mode trug und sich nie schmutzig in der Öffentlichkeit zeigte. >>Vorhin sah deine Tochter überglücklich aus. Kein schäbiges Kleid auf dieser Welt hätte sie da armselig aussehen lassen können<<, verteidigte die Großmutter dann immer ihren Schützling. >>Ich kenne deine Wünsche für sie, mein Engel. Doch sie sind nicht das, was sie braucht. Bitte verstehe das doch.<<

Gedankenverloren drehte sie den Anhänger zwischen Zeigefinger und Daumen. Als die Großmutter gestorben war, war sie Zwölf gewesen. Wenn sie jetzt darüber nachdachte, hatten mit dem Tod die aufregenden Spiele aufgehört, die kleinen Exkursionen und die spannenden Abenteuer. Sie hatte sich bemüht, ihrer Mutter keine zusätzliche Arbeit zu machen, gewusst, dass sie genug zu kämpfen hatte mit der Trauer nach der Beerdigung und langen Arbeitsstunden, um für die Familie zu sorgen. Also hatte sie versucht, ihrer Mutter alles zu geben, was sie von ihr erwartete.

Sie dachte an die Worte ihrer Großmutter, sie hallten klar und laut in ihrem Kopf. Deine Wünsche für sie… Was sie braucht… Damals hatte sie diese Worte nicht verstanden. Natürlich wünschte man sich, was man braucht. Oder brauchte man das, was man sich wünscht? Nun hatte sie alles, was sie anstrebte. Doch waren es die falschen Dinge? Was brauchte sie, um im Leben glücklich zu werden? Sie betrachtete die kleine Raupe, umschlossen von der glitzernden Substanz. So fest eingeschlossen könnte niemals aus ihr ein Schmetterling werden.




Y. R. Lill, geboren 1994, Studentin, Tierfreundin und Reiseenthusiastin  





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Veröffentlicht von kklkunstkulturliteratur

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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