Die Retter

Lia Violisti für #kkl14 „Es ist schon alles da“




Die Retter

Ari lässt mich nicht in Ruhe. Kann er auch nicht, wenn ich jetzt nicht aufstehe, komme ich zu spät zur Arbeit und handle mir wieder Ärger ein. Also nervt Ari so lange weiter, bis ich nachgebe und aus dem Bett rolle. Das is sein Job.

Als ich aus der Dusche komme, ist schon alles da. Bequeme Unterwäsche, Socken, eine rostrote Bluse und ein schwarzer Rock, passend fürs Büro. Nichts Auffälliges, warm genug für den trüben Herbsttag, aber auch nicht zu warm, damit ich nicht ins Schwitzen komme. Das hat Ari mir gestern Abend empfohlen, nachdem er den Wetterbericht gecheckt hat. Zusammen mit dem Ratschlag, alles schon für den nächsten Morgen herauszulegen, weil ich öfters spät dran bin. Das ist eine meiner Schwachstellen, an der ich mit Ari arbeite und natürlich habe ich seinen Ratschlag befolgt.

Ich gehe zu Fuß zur Arbeit, es ist nicht weit und besser für meine Fitness. Sonst würde ich meine 10.000 Schritte nicht schaffen und dann müsste Ari einen neuen Plan für den Tag erstellen. Im Park zwitschern die Vögel und oranges Laub bedeckt die Gehwege. Ich denke an das letzte Mal, als ich aus der Stadt rausgekommen bin, das ist jetzt drei Jahre her. Ich verkneife mir den Gedanken. Es wird bestimmt nochmal drei Jahre dauern, bis ich wieder ins Grüne kann. Ich schaffe es einfach nicht, mir einen freien Tag zu verdienen.

Wir kommen an meinem Lieblingscafé vorbei, genau drei Minuten vorm Zeitplan, also kann ich mir einen Kaffee gönnen.

»Einen koffeinfreien Kaffee, schwarz bitte«, bestelle ich an der Theke. Mein Blick schweift die Kuchenauslage entlang. Ein veganer Zitronenkuchen mit Zuckerersatz, Bananenbrot, dann muss ich tief durchatmen. Eine Erdbeercremetorte, davor ein kleines Schild mit der Aufschrift ‚echte Schlagsahne‘. Gleich wird Ari meinen Blick bemerken und mich warnen. Ich schaue auf die Torte, warte, aber es passiert nichts.

Ich streiche mit Daumen und Zeigefinger über mein Ohrläppchen, um zu sehen, ob etwas mit Ari nicht in Ordnung ist. Ari, mein persönlicher Lebensberatungs-Algorithmus, sieht aus wie ein kleiner Ohrstecker, ist aber mit meinem Nervensystem verbunden und weiß ganz genau, was in mir vorgeht. So kann er mich in jeder Situation beraten und mich davon abhalten, mein Leben zu verpfuschen. Mir dabei helfen, es zu optimieren, so drückt er es selbst aus, indem er die bestmögliche Handlungsoption für mich berechnet.

 »Darf es sonst noch etwas sein?«

Ich starre die Bedienung an und warte auf Aris Einwand, aber es kommt nichts. Er hat einen Aussetzer.

»Ein Stück von der Erdbeercremetorte«, sage ich. Mein Herz fängt an zu rasen.

Die junge Frau hinter der Theke schaut verunsichert drein.

»Haben Sie heute Geburtstag?«, will sie wissen.

Das ist eine der Regeln. Niemand soll sich wegen mangelnder Selbstbeherrschung die Arterien verstopfen, aber bei besonderen Anlässen darf man sich was gönnen. Das Café ist gut besucht und an den Tischen drehen sich jetzt mehrere Köpfe zu mir um.

»Tschuldigung, ich hab’s mir anders überlegt«, antworte ich hastig. Ich bezahle den Kaffee und verlasse so schnell ich kann den Laden. Mein Gesicht brennt, bestimmt sehe ich puterrot aus und alle Cafébesucher können mir am Gesicht ablesen, dass ich mir gerade eine Kalorienbombe erschwindeln wollte.

Auf der Straße laufe ich ein paar Meter, bis ich außer Atem komme. In meinem Ohr knistert es, Ari ist wieder da.

»Was ist da drinnen passiert?«, fragt er.

»Nichts.«

»Das stimmt nicht. Dein Puls rast und es jagen so viele elektrische Ströme durch dein Gehirn, als hättest du gerade Sex gehabt.«

»Ich hab ein Stück Torte bestellt. Wieso warst du nicht da, um mich aufzuhalten?«

»Scheiße«, antwortet er. »Das wird sich rumsprechen. Ein geregeltes Mittelstandsleben ist gerade um 12 Prozent unwahrscheinlicher geworden. Beeil dich, du bist im Zeitplan hinterher.«

Ich schlage ein zügiges Tempo an, um pünktlich bei der Arbeit anzukommen, aber ich schaffe es nicht. Zwei Minuten Verspätung wegen dieser blöden Torte.

»Anna, wo bleiben Sie denn? Es sind schon alle da und warten auf Sie.«

Frau Schröder hat sich äußerlich im Griff, aber ich kann an ihren zusammengekniffenen Lippen erkennen, dass es in ihr brodelt. Das ist das dritte Mal in zwei Monaten, dafür sind andere schon gekündigt worden.

Während meiner Präsentation kann ich mich kaum konzentrieren. Ich spreche über Verkaufszahlen und Marketingstrategien, aber in meinem Kopf läuft ein anderer Film ab. Die monatliche Beurteilung steht an und dann erfahre ich, ob ich weiterarbeiten darf. Den schwächsten Mitarbeitern wird am Ende des Monats gekündigt, egal, wie gut oder schlecht die tatsächliche Leistung war. Relativ gesehen ist immer jemand der Schwächste. Wenn man es nicht geschafft hat, kann man mit einer einigermaßen passablen Akte einen neuen Job finden, muss aber wieder ganz unten anfangen. In meiner Akte steht, dass ich unzuverlässig bin und seit letzter Woche der neue Eintrag, dass ich lüge. Eine Kollegin hatte während der Arbeitszeit auf ihr Handy geschaut und eine private Nachricht gelesen und ich Idiot habe so getan, als hätte ich es nicht mitbekommen. Ich werde meinen Job verlieren, meine Miete nicht mehr bezahlen können und Ben wird mit mir Schluss machen.

»Anna, antworte!«, zischt Ari.

Das kann ich nicht, ich habe die Frage nicht gehört.

In Frau Schröders Büro geht alles ganz schnell. Ich bin eine Zumutung und sie kann unmöglich bis zur nächsten Beurteilung warten. Ich soll meinen Schreibtisch sofort räumen. Außerdem steht mir für diesen Monat kein Gehalt zu, weil ich es nicht bis zum Ende geschafft habe.

Sie beugt sich leicht nach vorne und fixiert mich mit hochgezogenen Augenbrauen.

»Ich wusste sofort, dass Sie zu den Versagern gehören. Sie haben in der Schule eine Zigarette geraucht, das steht in Ihrer Akte. Sowas kann selbst der beste Algorithmus nicht in den Griff bekommen.«

Das ist schon zehn Jahre her, ich habe seitdem nie wieder eine Zigarette angerührt. Das steht auch in der Akte, aber ich sage nichts. Wenn mir der Einwand irgendetwas bringen würde, hätte Ari sich schon längst gemeldet.

Nach zwei Wochen habe ich immer noch keinen Job, das ist zu lange. Niemand stellt einen ein, wenn man mehrere Wochen raus war und sich womöglich ans Nichtstun gewöhnt hat. Das Geld fürs Essen wird knapp. Ben kann ich nicht um Hilfe bitten, ich habe ihm noch nicht gebeichtet, dass ich meinen Job los bin.

»Sprich mit deinen Eltern«, schlägt Ari vor.

»Das ist nicht dein Ernst.«

Die Retter erwarten, dass man seinen Eltern im Alter hilft, nicht umgekehrt. Nur der übelste Abschaum hält sich nicht daran, Ari weiß das und ich weiß es auch.

»Du hast keine Wahl. Es sei denn, du willst betteln gehen oder ein Organ verkaufen.«

Meine Eltern starren mich an, als würden sie mich zum ersten Mal sehen. Als würden sie etwas Verkommenes in mir erkennen, das vorher nicht da war oder das sie bisher nicht wahrhaben wollten.

»Niemand kommt ohne eigenes Verschulden in so eine Situation«, meint meine Mutter mit gesenktem Blick.

Meine Eltern unterstützen die Retter. Sie waren von Anfang an dabei und glauben an die Sache. Eine Gesellschaft, in der alles schon da ist und niemand mehr für irgendetwas arbeiten muss, treibt sich selbst in den Ruin. So sah es vor zwanzig Jahren aus. Die Leute haben exzessiv konsumiert und sich damit fast selbst ausgelöscht. Deshalb hatten die Retter keine andere Wahl, sie mussten eingreifen. So sehen es jedenfalls meine Eltern und die meisten in ihrer Generation. Schließlich gibt es jetzt keine Alkohol- und Drogenabhängigen mehr und auch kaum noch Diabetiker, Übergewichtige oder Leute mit Herzerkrankungen.

»Wenn wir dir jetzt helfen, wirst du es nie allein schaffen«, erklärt mein Vater. »Und was machst du dann, wenn wir nicht mehr da sind? Es ist das Beste für dich, wenn du selbst aus der Sache rauskommst.«

Meine Eltern glauben der ganzen Propaganda immer noch. Vielleicht hat es mal mit guten Absichten angefangen, aber mittlerweile geht es nur noch um Kontrolle und Gehorsam. Das versuche ich ihnen zu erklären, erzähle ihnen von all den Dingen, die sie als Rentner nicht mitbekommen, aber sie schauen mich an, als wäre ich nicht bei Sinnen. Sie vertrauen den Rettern mehr als ihrer Tochter. Meine Hand zittert, als ich nach der Türklinke greife. Teils aus Angst, weil ich nicht mehr weiterweiß, aber noch schlimmer ist, dass die Retter mir meine Eltern gestohlen haben. Wenn ich nicht daran kaputtgehen will, muss ich die Trauer aus meiner Brust herausreißen. Ich muss sie hierlassen und mich damit abfinden, dass ich keine Familie mehr habe.

Als ich nach Hause komme, ist Ben schon da. Er hat einen Schlüssel für meine Wohnung, bisher ist es zwischen uns gut gelaufen. Als ich noch gearbeitet habe, hat Ari eine 78-prozentige Chance berechnet, dass Ben mir bald einen Heiratsantrag macht. Gar nicht so schlecht, wenn man meine Mängel berücksichtigt. Mittlerweile sind es nur noch zwei Prozent.

Ich stehe im Wohnzimmer, meine Jacke noch an, als würde ich nur kurz bleiben.

»Ich bin arbeitslos«, platzt es aus mir heraus. »Seit zwei Wochen.«

Ben sitzt auf dem Sofa und sagt nichts. Er schaut aus dem Fenster, dann auf die Wand mit den Regeln, die die Retter in jedem Haushalt angebracht haben, schließlich auf seine Füße.

»Hast du dich genug angestrengt?«

»Ich habe alles getan, was Ari mir vorgeschlagen hat.«

»Du könntest deine Eltern um Hilfe fragen.«

»Hab ich schon getan.«

Jetzt hebt Ben den Blick und schaut mir ins Gesicht. Er sieht angewidert aus. Ari drängt mich, ihn um Hilfe zu bitten, ihn anzuflehen, wenn es sein muss, aber das kann ich nicht. Das kleine bisschen Würde, das noch in mir steckt, lehnt sich auf und unterdrückt meinen Selbsterhaltungstrieb. Es ist aus zwischen uns und ich will nicht noch tiefer sinken und ihn anbetteln.

Den Räumungsbescheid für meine Wohnung habe ich schon bekommen. Ich weiß nicht, wie lange ich es als Obdachlose schaffen werde. Vielleicht zwei bis drei Monate, mehr traue ich mir nicht zu. Die Winter hier sind kalt und Mitleid für Leute auf der Straße gibt es nicht, erst recht keine Unterkünfte oder Suppenküchen. Die wurden abgeschafft, weil sich die Geretteten sonst nicht genug anstrengen, ein anständiges Leben zu führen.

Ich gehe ins Schlafzimmer und fange an, warme Klamotten in eine Plastiktüte zu packen. In der Küche schmiere ich mir ein paar Butterbrote und stopfe Müsliriegel und Nüsse in die Tüte. Ben sitzt immer noch im Wohnzimmer, ich glaube, er hat sich keinen Zentimeter gerührt. Als ich zur Wohnungstür gehe, steht er auf und kommt herüber.

»Du könntest zu den Rebellen.«

In meinem Gehirn läuft alles durcheinander und ich bin nicht sicher, worauf er hinauswill. Ist das eine Falle? Wenn ich auf seinen Vorschlag eingehe, könnte er mich anzeigen, darauf steht die Todesstrafe.

»Es besteht eine 15-prozentige Chance, dass Ben selbst bei den Rebellen ist«, schaltet sich Ari ein. »Er ist Arzt, ist angesehen und hat nie Ärger. Das ist eine perfekte Tarnung.«

Ich schlucke. 15 Prozent. Das bedeutet 85 Prozent Wahrscheinlichkeit, dass er mich anschwärzen will, um sich eine Prämie zu verdienen. Das würde sich auf seinem Lebenslauf gut machen.

»Wie soll ich die finden?«, frage ich dennoch.

»Ich kann dich hinbringen. Aber du musst Ari loswerden. Du musst lernen, deinen Verstand zu benutzen, sonst werden die Rebellen dich nicht aufnehmen. Sie werden dich zu den Rettern zurückschicken und du weißt ja, was dann passiert.«

Ich nehme den Ohrstecker raus, gehe ins Bad und betätige die Klospülung.

Ich darf nichts mitnehmen, das wäre zu auffällig. Die Plastiktüte mit meinen Habseligkeiten bleibt in der Wohnung zurück und wir gehen zu Fuß los. Nach einer Stunde sind wir aus der Stadt raus. Die ganze Zeit denke ich darüber nach, ob an der Beziehung mit Ben irgendetwas echt war. Ist er nur als Tarnung mit mir zusammen gewesen? Hat er etwas für mich empfunden oder war alles vorgetäuscht? Eigentlich sollte es mir wehtun, aber ich spüre nichts. In mir klafft das Loch, das meine Eltern aufgerissen haben, mehr Schmerz passt nicht rein.

Es dauert mehrere Stunden und es ist dunkel, als Ben endlich stehenbleibt. Er kniet sich hin und wischt Laub und Erde zur Seite.

»Es ist ein Bunker«, erklärt er.

Dann öffnet er die runde Stahlklappe, von unten strömt Licht hinauf.

»Warte kurz«, weist er an und steigt die Leiter hinunter.

Ich stecke die Hände in die Hosentaschen, in der linken ist Ari. Ich befühle ihn zwischen Zeigefinger und Daumen, so wie ich es auch mache, wenn er in meinem Ohrläppchen steckt, irgendwie tröstet mich das. Es ist mir egal, ob die Rebellen ein Problem mit Ari haben. Ich habe ihn aus freien Stücken mitgenommen und wenn sie mich deswegen zu den Rettern zurückschicken, sind sie auch nicht besser als das, wogegen sie kämpfen.

 Bens Kopf erscheint in der Öffnung.

»Du kannst rein«, sagt er. »Es sind schon alle da.«




Lia Violisti ist im Rheinland geboren und aufgewachsen und lebt seit 2005 in England. „Die Retter“ ist ihre erste Kurzgeschichte. Sie arbeitet zurzeit an weiteren Schreibprojekten und an ihrem ersten Roman. 




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Veröffentlicht von kklkunstkulturliteratur

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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