In Liebe

Bettina Schneider für #kkl15 „Nähe“




In Liebe

Erinnerungen umtosten ihn wie der Sturm, der vor dem Fenster wütete und den Regen in heftigen Schauern über die Stadt trieb. Die knotigen Hände fest um die Bleistift-Zeichnung geklammert, saß er in seinem verschlissen braunen Lieblingssessel. Seine Gedanken kamen und gingen wie die Sturmböen vor dem Fenster, zahllose Bilder schwappten in sein Bewusstsein. Bilder seines Lebens. Seines langen Lebens. Im Rückblick waren die Jahre in Windeseile verflogen, zusammengeschmolzen auf eine Kette von Ereignissen. Genüsslich verweilte er in Gedanken bei den von Glück und Freude erfüllten Erinnerungen, voller Dankbarkeit und bemüht, die Eindrücke der längst verflossenen Momente noch einmal zu spüren, bevor die Schatten der Vergangenheit aufzogen. Auch wenn sie schwach waren, war es ihm unmöglich, ihnen mit Gleichgültigkeit zu begegnen.

Er hatte sich nie im Leben unterkriegen lassen. Niemals. Nicht in der Hölle des Krieges oder in der anschließenden Gefangenschaft, die ihn in die Abgründe der Hölle geführt hatte. Immer hatte er sich ihr Gesicht vor Augen gehalten, immer hatte er an sie gedacht. Tag und Nacht. Sie war die Kraft, die ihn durch die dunkelsten Täler seines Daseins geleitet hatte. Nur durch sie hatte er überlebt, während die Kameraden um ihn starben. Damals, als ihr Bild nach der unendlich langen Zeit in seinem Gedächtnis zu verblassen drohte, hatte er sie gezeichnet. Auf diese Weise war sie immer bei ihm gewesen. Genauso wie jetzt. Er blickte auf die Zeichnung. Um seine Lippen spielte ein Lächeln.

Im Krieg, als er im Schützengraben gekauert hatte, und jeden Tag danach hatte er gebetet, um wieder bei ihr zu sein. Er wollte die folgenden Stunden überleben, den nächsten, den übernächsten Tag, eine Woche … Jetzt, stellte er mit bitterer Ironie fest, war es genau andersherum. Aber irgendwann würde sein Körper ein Einsehen haben. Er musste nur warten.

Es krachte laut, der Sturm hatte etwas vom Haus gerissen. Er hatte Mühe, das Geräusch zu orten. Die Antenne? Ein Ziegel? Oder war es ein Ast der Birke, der gegen das Haus schlug? Seine Sinne waren benebelt. Schwerfällig, wie in einem Rausch oder einem Traum.

Dennoch war die Macht des Vergangenen überwältigend. Alles war wieder da. Alles schien zum Greifen nahe. Sie war zum Greifen nahe. Er konnte sie fast berühren. Liebevoll streckte er die Hand nach ihr aus und — griff ins Leere.

Verwirrt blinzelte er, benötigte einige Sekunden, um zu begreifen, wo er war: im Wohnzimmer, alleine, die tickende Standuhr in der Ecke. Das in ihm nachhallende Gefühl der Wärme zerplatzte wie eine Seifenblase.

Er betrachtete ihr Gesicht auf der Zeichnung, entspannte sich und tauchte erneut in seine Erinnerungen ab. Auf den Tag genau wusste er, wann er ihr zum ersten Mal begegnet war: am achten September, es war ein schöner Spätsommertag gewesen, in der Volksschule nach den großen Ferien in einer Zeit, die von Leichtigkeit und Unbeschwertheit erfüllt gewesen war. Das hübsche Mädchen mit den zu einem Pferdeschwanz zusammengebundenen dunklen Haaren, in einem karierten Kleid mit weißem Kragen, war ihm sofort ins Auge gesprungen. Lange Zeit begnügte er sich damit, sie zu beobachten, ihr Blicke zuzuwerfen. Erst Wochen später wagte er den nächsten Schritt: Er sprach sie an. Er hätte es besser bleiben lassen sollen, denn sie, von Mädchen ihrer Klasse umringt, benahm sich wie eine alberne Pute, bestärkt von dem Gekicher ihrer Freundinnen.

Verliebt wie er war, ließ er sich nicht entmutigen, unternahm den zweiten Anlauf. Dieses Mal schrieb er ihr. Einen kurzen Brief, der die Gefühle eines Zehnjährigen auf den Punkt brachte und mit der Frage endete: Willst du meine Freundin sein? Er war überglücklich, als sie Ja sagte.

Sie verloren sich, fanden sich einige Jahre später über Umwege wieder. Von da an blieben sie zusammen. Bevor der Krieg ihr gemeinsames Leben in seinen Grundfesten erschütterte und auf den Prüfstand stellte, heirateten sie.

Beide hatten sie im Krieg leiden müssen. Sein unerschütterlicher Glaube an sie, dass sie auf ihn wartete, hatte ihm das Leben gerettet. Sie hatte auf ihn gewartet, immer, ganz gleich, wie lange er weggeblieben war. Ihr Warten und sein fester Glaube an sie, an sie beide, diese Motive wiederholten sich über die Zeit. Über ein ganzes Leben. Warum fiel ihm das jetzt zum ersten Mal auf?

„Eine feste Burg ist unser Gott“, das Kirchenlied, kam ihm in den Sinn. Sie war seine feste Burg. Durch sie war ihm alles möglich gewesen. Er hatte in seinem Leben mehr erreicht, als er je zu träumen gewagt hatte. Hatte den Weg aus einer winzigen feuchten Hinterhauswohnung in ein eigenes Haus mit Garten, vor allem aber in ein reich erfülltes Leben mit ihr gefunden. Sie waren gereist, hatten Oper, Theater besucht. So viel gemeinsam erlebt und gesehen.

Sie hatte das Beste in ihm hervorgebracht. Er hätte alles für sie getan.

Ihr Leben habe mit ihm erst begonnen, hatte sie wiederholt beteuert. Jeden Tag hatte sie ihn ihre Liebe spüren lassen.

Hatte er ihr oft genug gesagt, welchen Platz sie in seinem Herzen besaß, dass er sie liebte? Gerade in den letzten Jahren, als es mit ihrer Gesundheit rapide bergab gegangen war, hatte er sich nicht immer genügend um sie gekümmert. Während er weiterhin seinen Hobbys frönte, hatte sie häufig allein im Wohnzimmer gesessen. Wie oft hatte sie auf ihn gewartet, in der Gewissheit, dass er käme?

Auch im Krankenhaus hatte sie auf ihn gewartet, dessen war er sich sicher. Sie hatte darauf gewartet, um in seiner Gegenwart das zu beenden, was mit ihm begonnen hatte.

Ihr Warten war vergebens gewesen.

Sein Verhalten war unverzeihlich.

Warum? Warum? Warum war er nicht bei ihr gewesen, hatte ihre Hand gehalten? Warum?

Weil er den Ärzten vertraut und gehofft hatte, sie käme in wenigen Tage wieder zu ihm zurück? Er hatte nicht gegen unzählige Widerstände handeln können. Weil er alt geworden war, seine Kräfte schwanden, ihm alle einredeten, er müsse nach Hause, hatte er am Abend das Krankenzimmer verlassen. Deswegen war er in diesem einen alles entscheidenden Augenblick nicht bei ihr gewesen. Dieses eine Mal im Leben hatte er sie enttäuscht. Niemals konnte er sich das vergeben.

Tränen, die sich wochenlang hinter seinen Lidern angestaut hatten, liefen nun über seine Wangen. Er war erschöpft, sein Körper gehorchte ihm nicht mehr. Sein Geist begann auf Abwegen zu wandeln.

Ohne sie konnte er keine Berge mehr versetzen. Ohne ihre Liebe hatte sein Leben keinen Sinn. Er musste bei ihr sein, durfte sie nicht alleine lassen. Das war er ihr schuldig.

Es war das, wofür er jetzt kämpfte.

Mit zittriger Hand schüttete er sich die letzten Tabletten in den Mund, spülte Wasser nach. Ein Teil der milchigen Flüssigkeit tropfte aus den Mundwinkeln auf sein graues, viel zu weit gewordenes Hemd; er spürte die Feuchtigkeit auf seiner Brust. Seltsam entrückt kam er sich vor, als beobachtete er sich selbst aus der Ferne. Mit einem stillen Seufzer sank er tiefer in den Sessel.

Hatte der Wind aufgehört zu fauchen? Das gleichmäßige Ticken der Uhr machte ihn schläfrig, kraftlos, zerrte die Müdigkeit in ihm mit aller Macht an die Oberfläche.

Er gäbe sie niemals auf.

Sie wartete auf ihn. Er rückte näher zu ihr. Er spürte es.

Im Hier hielt ihn nichts.

Es war der Zeitpunkt zum Loslassen.




Bettina Schneider

Jahrgang 1968, lebt in Berlin, verheiratet, zwei Kinder und ein Hund, Studium der Betriebswirtschaftslehre, im Anschluss zehn abwechslungsreiche Jahre im Rechnungswesen in der Privatwirtschaft, heute Freiraum für kreative Tätigkeit.

Sie schreibt mit Begeisterung Kurzprosa, einiges davon ist veröffentlicht.

Sie ist eine Leseratte, liebt Sonne und blauen Himmel und mag Wald-Spaziergänge.





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Veröffentlicht von kklkunstkulturliteratur

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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