In der Mitte dunkler Tage

Eva Wal für #kkl15 „Nähe“




In der Mitte dunkler Tage

zünde ich eine Kerze an und

lösche das elektrische Licht. Lege alle Schalter um, unterbreche

den Strom und halte ihn an, den Strom der Kälte und

Gleichgültigkeit,

dass da draußen, in der Eiseskälte, eine

Frau erfriert mit einem Kind im Bauch.


Das ist weit weg.


Hier fliegt die Eisläuferin übers gefrorene Wasser.

Das Eis ist eine Luft, die sie der Schwerelosigkeit

entbindet, um sie herum kracht die Erinnerung

an die Mutter im Schilf.


Die Ränder des Eises sind schwarz wie Schwanenruß und die

Schnäbel der Rohrflöter, das sind erfundene Vögel, sie haben sich selbst

erfunden, die warnen Mütter und Töchter vor dem Eis.

Manchmal ist es nämlich ewig.


Das Gesicht der Eisprinzessin leuchtet, es ist strahlend schön und wunderjung.

Die Paletten ihres Glitzerkleides schießen über das Rund des Kunstsees aus

Libellenflügeln und gemahlenem Horn hinaus.


Ich trage Eisparfum. Musik kommt durch Rohrflöterkehlen,

ist scheppernd laut und mit Parafin getränkt.


Die Eisläuferin bin ich.

Bin ich in Dur und Moll, niemals darf ich stürzen.


Ich bin eine verbrannte Staubflocke auf einem Scheinwerfer,

ein glänzender Punkt im Rampenlicht, durch Kamerazooms nah

herangeholt wie die Wälder vor unseren Augen.


Nicht wie so ein amöbenkleiner Anorak auf dem Radar an einer

stacheligen Grenze Europas im Schnee.


In der Mitte dunkler Tage

lasst uns Kerzen anzünden.

Lasst uns die Schalter umlegen und uns umarmen

mit Stickpullovern aus Wärmefäden, die uns den Weg durch

die Eislabyrinthe weisen.

Dass da draußen, in der Eisesprinzessinnenkälte, keine Frau mehr und

kein Mann, niemals mehr friere und nie jemals wieder

ein Kind.




140 x 300 cm,
Gouache und schwarze Tusche auf Leinwand



Gewitterbäume


Auf offenem Feld zählen wir Gewitter


Köchelnde Wünsche unter gealterten Befindlichkeiten

Wir kämmen Flusen aus unseren Wollen,

die kleinen, gebrochenen Zweige,


Verbergen unsere Gesichter in den Astgabeln eulenverlassener Bäume.





Eva Wal, Lyrik und bildende Kunst. Gerne verbindet sie Sprache und Klang, Wort und Bild zu einer eigenen Schöpfung wie zum Beispiel einem Videogedicht oder einem Gesamtkunstwerk.

Sie arbeitete zusammen mit Musiker*innen und Komponist*innen. Einige ihrer Werke wurden musikalisch umgesetzt.

Veröffentlichungen von Gedichten und Kurzgeschichten. Herausgabe von Kunst-Publikationen sowie von Künstlerbüchern und Editionen.

Seit 1999 Workshops und multimediale Projekte für Kinder und Jugendliche, Museumsprojekte.

Seit 2015 Leitung von Schreibworkshops am Arp Museum in Remagen.

Mitglied im Dichter*innen-Netzwerk Oxford Stanza 2.

Erste Veröffentlichung: Marmorsee, Gedichte, Free Pen Verlag, Bonn, 2009

Letzte Veröffentlichung: Poems in the Hourglass, Gedichte im Stundenglas, in deutscher und englischer Sprache, Bonn, Städtepartnerschaft Bonn-Oxford, 2021

Gerade in Produktion unter dem Namen Maria Valewa: Zum Greifen fern, Gedichte, 2022

www.evawal.blogspot.com

Gespräch mit Eva Wal HIER





Über #kkl HIER

Veröffentlicht von kklkunstkulturliteratur

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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