Nur Zentimeter von mir entfernt und doch unerreichbar

Mia-Marie Weindorf für #kkl15 „Nähe“




Nur Zentimeter von mir entfernt und doch unerreichbar

Ich kenne diesen Blick. Voller Eindringlichkeit und Intensität. Voll Verständnis und Neugier. Kein anderes Paar Augen könnte mich auf diese Art ansehen, als wäre ich das Schönste auf der Welt. Als würde nichts zwischen uns stehen, jetzt nicht und auch morgen nicht. Dieser Blick ist ein Versprechen. Ich kenne diese Hände. Sanft und Fordernd zugleich. Wie sie jeden Zentimeter meines Körpers erkunden, sich Zeit bei jedem Millimeter meiner Haut lassen. Und ich kenne diese Lippen, diese verteufelten Lippen, die einen um den Verstand bringen können. Ich kenne den Jungen, zu dem all diese Dinge gehören besser, als mich selbst. Ich weiß von all seinen Stärken und Schwächen, von seinen Hoffnungen und Sorgen, von seinen Träumen, von seinen Plänen. Und deswegen weiß ich, dass er genauso viel Furcht empfindet, wie ich. Ich drohe an der Furcht zu ersticken, sie füllt meine Lungen aus und legt sich über mein Herz wie ein Mantel aus Blei. Trotzdem kann ich nicht aufhören ihn anzusehen. Gott, wie soll ich jemals aufhören ihn anzusehen und mich nicht aufs Neue in ihn zu verlieben, immer und immer wieder, bis ich eines Tages sterbe? Selbst in einem Sarg, viele Meter unter der Erde verscharrt, würde er all meine Gedanken in Anspruch nehmen. Eine Haarsträhne sitzt nicht an ihrem Platz und mir zuckt es in den Fingern, sie zurückzuschieben. Ich balle die Hand zur Faust. Wir sitzen gerade so nah beieinander, dass unsere Mitschüler keinen Verdacht schöpfen.  Ein paar Zentimeter mehr und die Grenze wäre überschritten. Ich kann sie nicht sehen, aber ich spüre sie wie eine physische Kraft, allgegenwärtig und stärker als alles andere. Sie hält uns beide auseinander, wenn Menschen dabei sind, egal, wie sehr wir uns nach der Berührung des anderen sehnen, oder sie gerade brauchen. Sie beschützt unsere Liebe, das rede ich mir zumindest ein. Doch in Wahrheit entzweit sie uns jeden Tag mehr. Die Grenze ist eine flammende Barriere, geboren aus Angst und ja, auch aus Scham. Die Grenze wahrt das Geheimnis, das wie ein Schwert über uns schwebt, in der Erwartung uns zu köpfen. Wenn die Wahrheit herauskäme…ich schüttele verbissen den Kopf. Unvorstellbar. Wenn mein Vater von meiner Liebe zu einem Jungen wissen würde, ich wäre für ihn gestorben. Er würde mir befehlen auszuziehen und mich nie wieder ansehen. Zu frisch ist die Erinnerung, als er den Kontakt zu dem Nachbarn abgebrochen hat, nachdem er von dessen Liebesbeziehung erfuhr. Meine Mutter ist streng konservativ, Nächstenliebe war hoch angesehen, während die Liebe zu einem anderen Menschen katalogisiert wurde. In der Schule würden sie Jagd auf uns machen, wir haben bereits so einen Fall hier gehabt. Beschimpfungen, Erniedrigungen und Vorurteile waren zum Alltag geworden. Es endete damit, dass einer der beiden verprügelt und in einer dunklen Gasse zurückgelassen wurde. Wie kann man mit Liebe auf so viel Hass reagieren? Wie kann Liebe einen mit Angst erfüllen? Es ist nicht richtig. Es sollte nicht so sein. Aber selbst mich hat die Angst befallen, seitdem ich mir über meine Gefühle im Klaren bin. Sie wuchert und gedeiht in mir, genährt von den Reaktionen der Gesellschaft, geprägt von den Vorurteilen. Also ist unsere Liebe ein Geheimnis, ein Tagtraum, in dem ich schwelge, der nur in schattigen Ecken für kurze Zeit in Erfüllung geht, nur um wieder das zu werden, was er eigentlich ist: ein Traum. Der dumme Traum eines Kindes, das die Realität nicht wahrhaben möchte. Ein Kind, das verzweifelt an diesem Traum festhält und gleichzeitig weiß, dass der Traum keine Zukunft hat. Nicht in dieser Welt. „Max? Bist du noch anwesend?“ Ich schrecke auf und blicke mich um. Alle starren mich an. Die Grenze drückt mich von Linus weg, ich rücke mit dem Stuhl zur Seite. Der Traum verpufft. Die Realität ist mit aller Wucht zurückgekehrt. Linus schlägt die Augen nieder. Wir haben uns beinahe verdächtig gemacht. „Entschuldigung.“, murmle ich. Der Lehrer nickt und wendet sich wieder der Tafel zu. Am anderen Ende des Raums zieht ein Kumpel die Augenbrauen hoch und wirft mir einen befremdlichen Blick zu. Die Grenze flammt auf, ich wage es nicht einmal mehr in Linus Richtung zu linsen. Beinahe sind wir aufgeflogen. Beinahe. Mir ist bewusst, dass es nicht ewig so weitergehen kann. Die gestohlenen Küsse, wenn niemand anwesend ist, das aufmerksame Suchen nach Zeugen, wenn wir Händchen halten wollen, die zärtlichen Umarmungen, die nur hinter geschlossenen Türen stattfinden dürfen. Nach der Schule werde ich mit zu ihm gehen, seine Eltern arbeiten bis zum frühen Abend, trotzdem lauschen wir stets angespannt nach Schritten im Flur. Zu mir kann Linus nie kommen, zu groß ist meine Furcht, dass meine Eltern von unserer Beziehung erfahren. Manchmal wünsche ich mir, dass es anders ist. Dass da keine Grenze zwischen uns ist und ich ihn ohne Bedenken berühren kann. Dass der Traum mehr als nur ein Traum ist. Das Bedürfnis ihn anzusehen wird übermächtig. Unter halb geschlossenen Lidern schaue ich zu ihm hinüber. Ich kann einfach nicht anders. Wie soll ich jemals aufhören, ihn zu betrachten? Warum muss er auch so wunderschön sein? Linus befindet sich auf der anderen Seite des metertiefen Grabens. Dort sitzt er, mein wahrgewordener Traum. Ich liebe ihn. Ich liebe ihn so sehr, dass es weh tut. Die Versuchung ihn zu berühren ist enorm, doch die Grenze verhindert es. Und das tut noch viel mehr weh. Zu wissen, dass er direkt neben mir ist und ich ihn nicht berühren darf. Er ist nur Zentimeter von mir entfernt und doch unerreichbar.




Mia-Marie Weindorf wurde 2001 in Bochum geboren. Ihre Grundschulzeit verbrachte sie in Portugal. Mit zwölf Jahren entdeckte sie ihre Leidenschaft fürs Schreiben, als sie ihren Fantasy Roman „Tödliche Küsse“ verfasste, der später auch im Kiel und Feder Verlag veröffentlich wurde. Sie verfasste weiterhin diverse Kurzgeschichten, die in Sammelbändern wie „writing teens“, „kidz4kids“ und „Aufbruch in meine Zukunft“ publiziert wurden. Derzeit studiert sie Sozialwissenschaften.





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Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin und ZeitenGeist Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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