NICHTDASEINNAHSEIN

Viola Adam für #kkl15 „Nähe“




NICHTDASEINNAHSEIN

I

S. wartete auf ihn. Sie war aus Nervosität viel zu früh und wusste jetzt nicht wohin mit ihrer Nervosität, wie sie da an der Straße mit ihrem Motorroller stand und nichts zu tun hatte, außer zu warten. Sie hielt Spannung oft schlecht aus. So konnte sie sich nicht mehr ruhig halten und sie dachte, dass sie einfach schon mal losfahren könnte. Obwohl das natürlich eine blödsinnige Idee war, da sie sich ja hier verabredet hatten, zum gemeinsam Losfahren. Wohin war auch noch gar nicht entschieden. Trotzdem riss die die nervöse Energie mit und sie fuhr los. Sehr plötzlich. So sah sie den Laster nicht, der seinerseits hektisch umschwenkte, ins Straucheln geriet und sie voll erwischte. Sie gegen die Wand drückte. Sie vom Motorroller riss, der auch strauchelte, umfiel und davon glitt. 

Er hatte davon erst Jahre später erfahren. Für ihn war sie einfach nicht da gewesen. Er dachte, sie hätte es vergessen. Oder sei schon losgefahren, er war ja selbst zu spät. Er war zu spät, weil er seinen Kopf woanders hatte, hatte es verdusselt rechtzeitig loszufahren, war im Kopf die ganze Zeit bei H. gewesen. Weil H. schwanger war. Das hatte er wenige Tage zuvor von ihr erfahren und es hatte ihn aus der Bahn gerissen. Sie waren beide völlig überrascht, hatten nicht damit gerechnet und empfanden keine Freude, da es nicht sein sollte. Eins, zwei Wochen danach hatten sie abgetrieben. Das hatte S. erst Jahre später erfahren. 

II

Sie traf A. zu einer Zeit wieder, in der sie schon lange Zeit nicht mehr über ihn nachgedacht hatte. Ihn zwar nicht vergessen hatte, er jedoch keine Rolle mehr in ihrem Leben spielte. Sie gab ihm damals noch nicht einmal eine Sprechrolle in ihrem Erinnerungstheater. Doch als sie ihn wieder sah, eine Person unter vielen auf dieser Party in der Wohnung eines Freundes, von dem sie gar nicht gewusst hatte, dass eine Verbindung zwischen A. und ihm bestand, was sie ein zweites Mal überraschte, fühlte sie sich, als hätte ihr jemand die Tür plötzlich vor der Nase zugeschlagen. Die Tür, durch die sie gerade hindurchzugehen im Begriff gewesen war und sie nun nichts als das Holz sah und, noch ganz benommen, nicht wusste, was passiert war und auch kurze Zeit vor lauter Schwindel nicht wusste, wo sie war. Sie sah ihn, sie war ihm nah, so nah wie schon seit Jahren nicht mehr und das löschte alle Gedanken mit einem Schlag aus. Sie fühlte sich auf einmal nicht mehr, ihre Existenz eilte aufgeregt in ihren Kopf hinauf, zu dem Bild, das ihre Augen hier herein ließen und das sie nicht verarbeiten konnte, ihr Kopf schrie DA IST ER. Da war er tatsächlich, älter, natürlich, als in ihrer Erinnerung, er hatte einen leichten Bartwuchs an den Wangen und am Kinn und er wirkte… größer. Doch er war noch genauso zierlich, genauso schlank und hatte noch dieselben Augen, braun und grau und grün, die sie nun ansahen. 

Sein Körper spannte sich unwillkürlich an, als er S. gewahr wurde, wie der einer Katze. Seine Mundwinkel, die eben noch über etwas Amüsantes zu einem Lächeln verzogen gewesen waren, hatten sich einen Millimeter nach unten bewegt, seine Lippen geöffnet. Offenbar in ebensolchem Erstaunen über die zufällige Begegnung wie S. Er führte das Gespräch mit den zwei Menschen neben sich weiter, doch unkonzentrierter als zuvor, immer wieder huschte sein Blick zu der Stelle an der S. stand. Er rieb nervös die Kuppe seines linken Mittelfingers gegen die seines Daumens. S. sah das. Und es machte sie fertig. 

Benommen setzte sie einen Fuß vor den anderen und verließ den vollen Raum, der ihr auf einmal nicht mehr freundlich und belebt, sondern zu voll und zu warm erschien. Sie brauchte frische Luft. Dass sie eigentlich gerade auf dem Weg vom Klo zurück zu F. gewesen war, hatte sie völlig vergessen. Als es ihr draußen wieder einfiel, dachte sie sich, und wenn schon, dann merkt er eben bald, dass ich fehle, sie wollte jetzt hier sein, allein sein oder zumindest nicht bei F. oder gar A. sein. Nicht bei bekannten Gesichtern. Gesichtern, mit denen sie Geschichten, Gefühle und Gerüche verband. Sie fragte jemand neben sich nach einer Zigarette, bekam eine, fragte nach Feuer, bekam auch das und rauchte dann nachdenklich vor sich hin. Das Ausblasen  des Rauchs tat gut. Alles raus. Leere war das einzige, mit dem sie zurecht kam. 

III

Sie spürte sein Bitten, sein Flehen, konnte ihm aber keine Erlösung schenken. Starr schaute sie durch das verstaubte Fenster auf die regennasse Straße und die Häuser gegenüber. Er machte eine Bewegung in ihre Richtung, sie spannte abrupt ihren ganzen Körper an, wandte sich aber nicht um. Sie musste erst zu Ende denken. Wie lange würde das dauern? Fanden ihre Gedanken überhaupt je ein Ende? Vielleicht. Doch vorerst nicht. Und was sollte sie solange tun? Hier sitzen und aus dem Fenster schauen, bis sie jede Wetterlage aus dieser Perspektive kannte? Keine Ahnung. Sie hatte keine Ahnung über die Zukunft, über ihre Gedanken und den Ausgang des Gedankenprozesses, der in ihr gerade den Ton angab, keine Ahnung, wann hier jemand das letzte Mal das Fenster geputzt hatte und keine Ahnung, wann sie sowas eigentlich zum letzten Mal gemacht hatte. Sie blickte auf. Er stand nun ganz dicht bei ihr. Sie streckte ihre Hand nach ihm aus, legte sie irgendwo zwischen seinen Bauchnabel und seiner Brust flach auf sein T-Shirt, krümmte die Finger und streckte sie langsam wieder aus. Ihr Blick ruhte auf dem Stoff. Nun schaute er aus dem Fenster. Sie spürte, dass er etwas sagen wollte, aber nicht wusste wie oder gar was. Sie wartete. Schließlich seufzte er leise, zog sie hoch und dann lagen sie sich in den Armen, ihre Körper fest aneinander gedrückt, nicht klammernd, nicht, dass keiner von ihnen mehr Luft bekam, aber fest genug um eins zu sein.







Viola Adam wurde im letzten Jahrzehnt vor dem neuen Jahrtausend zwischen Weinbergen und Rhein geboren, verlor sich in Geschichten und fand sich in Büchern öfters wieder als in der sogenannten „Realität“. Später studierte sie Geschichte, Kunstgeschichte und englische Literatur in Mainz und Marburg. Währenddessen führte sie Tutorien in Antiker Geschichte und arbeitet noch immer als Hilfswissenschaftlerin. Neben Büchern, Kurzgeschichten und Gedichten schreibt sie auch gerne Kunsttexte zusammen mit ihrem Freund Leo, etwa für Ausstellungen ihrer Künstler-Freunde. Gemeinsam führen sie auch einen Kunstblog.





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Veröffentlicht von kklkunstkulturliteratur

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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